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Zwei Perspektiven auf Joachim Ringelnatz

Gleich zwei Ringelnatz-Biographien sind in diesem Frühjahr erschienen. Hilmar Klute, Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Alexander Kluy, Germanist und Literaturwissenschaftler, nähern sich Joachim Ringelnatz, der mit bürgerlichem Namen Hans Bötticher hieß, auf unterschiedliche Weise. Der eine tut das leichtfüßig, der andere sehr behäbig. Die eine Biographie macht Spaß, die andere zerfasert in unendlich viele Details und vermeintliche Nebenschauplätze.

Joachim Ringelnatz, geboren in der sächsischen Kleinstadt Wurzen, starb mit nur 51 Jahren 1934 an Tuberkulose. Er ist noch heute bekannt für seine humoristischen Gedichte, seine Malerei und nicht zuletzt auch für seine seemännische Kunstfigur Kuttel Daddeldu, die nicht nur die Sehnsucht nach der Ferne und den Matrosenberuf mit ihrem Schöpfer gemeinsam hatte. Hans Bötticher verbringt seine ersten Lebensjahre in Wurzen, aber bereits als er drei Jahre alt ist, ziehen seine Eltern in die pulsierende Metropole Leipzig. Ringelnatz‘ Vater ist Mundartdichter und entwirft Ornamente für Tapeten, auch seine Mutter ist handwerklich-künstlerisch tätig. Hans Bötticher ist, ganz im Gegensatz zu seinen Geschwistern, nicht eben das, was man einen braven Jungen nennt. Von kleinauf ist er neugierig und aufsässig, lebenshungrig und abenteuerlustig. Es ist sein Glück, dass er einen äußerst verständnisvollen und nachgiebigen Vater hat. Seine Schulkarriere endet abrupt, als er sich bei einer Völkerschau im Zoologischen Garten nicht nur verzückt die Samoaner und Samoanerinnen anschaut, sondern auch tätowieren lässt. Er erscheint zu spät zum Unterricht und zeigt stolz sein Tattoo, das ist zuviel des Guten. Gemessen jedenfalls an dem berüchtigten Ruf, den Bötticher bereits vorher genießt. Er ist ein Lehrerschreck mit unterdurchschnittlichen Noten.

Immer wieder wird er ausbrechen aus den Existenzen, die ihm der Zufall, aber auch das begierige Lernen und Abschauen beschert. Er wird in über dreißig Berufen arbeiten, teils aus unmittelbarer Not, aber auch aus dem Wunsch heraus, etwas vorweisen zu können, das auch außerhalb der Kunst Bestand hat. (Hilmar Klute)

Nach der Schule fährt Hans Bötticher auf mehreren Schiffen einige Jahre zur See und erlebt dabei zwar einerseits die Demaskierung eines romantischen Traums, andererseits aber auch eine Horizonterweiterung, die sich durch seine gesamte künstlerische Laufbahn ziehen wird. Immer werden die Ferne und das Fremde eine Rolle in seiner Kunst spielen, sei es nun die Malerei oder die Lyrik. Es verschlägt ihn nach seiner Seemanszeit und dem erfolglosen Versuch, ein bodenständiger Kaufmann zu werden, schließlich auch nach München, wo er Hausdichter im ,Simplicissimus‘ (heute: „Alter Simpl“, wer mal vorbeischauen will) wird, einer Künstlerkneipe, in der auch Dichter wie Erich Mühsam oder Frank Wedekind verkehren. Er eröffnet einen Tabakladen, arbeitet als Bibliothekar in gräflichen Bibliotheken und erarbeitet sich Stück für Stück einen Namen auch über die Münchner Künstlerszene hinaus. Großen organisatorischen Anteil daran hat in späteren Zeiten seine Frau Leonharda Pieper, genannt Muschelkalk. 1919 veröffentlicht Hans Bötticher das erste Gedicht unter dem Pseudonym „Joachim Ringelnatz“. Es gibt heutzutage kaum noch Ton – oder Bewegtbildaufnahmen, die die berüchtigte Vortragskunst des Joachim Ringelnatz der Nachwelt näherbringen könnten. Einzig diese späte Aufnahme ist erhalten:

Ringelnatz ist ein unkonventioneller Charakter, nicht gefällig, manchmal ruppig und derb, etwas obszön, dann wieder zart und lyrisch. Er wusste stets, zu welchem Publikum welche Art der Lyrik und Darbietung passte. Er war, schreibt Hilmar Klute, aber auch ein unberührbarer Künstler, der sich sein Publikum gern in dem nötigen Sicherheitsabstand hielt. Er war nicht, was man heute einen Star zum Anfassen nennt. Beide Biographien beleuchten das Leben und Wirken eines Künstlers, der heute wie selbstverständlich Teil unseres kulturellen Gedächtnisses ist. Wahrscheinlich kennt jeder einen Ringelnatz-Vers, mancher vielleicht sogar, ohne zu wissen, dass er von Ringelnatz stammt. Welche Biographie aber ist empfehlenswerter, wenn man nicht beide lesen möchte?

klute_-_war_einmal_ein_bumerangHilmar Klute, Redakteur der Süddeutschen Zeitung und verantwortlich für die beliebte Streiflicht-Kolumne, navigiert leichtfüßig durch Hans Böttichers Leben. Sein Erzählton ist humorvoll, einladend und gewandt. Er versteht es, sich durch diese Künstlerbiographie treiben zu lassen und an wichtigen Punkten Halt zu machen. ,War einmal ein Bumerang‚ liefert auch Hintergrundinformationen zur Zeit(geschichte), ohne sich jedoch allzu sehr darin zu erschöpfen.  Kurz: er weiß zu unterhalten und ein Ringelnatzporträt zu transportieren, das weiterführendes Interesse an Künstler und Werk weckt. Man ist informiert und angefüttert auf 230 Seiten (+ Anmerkungen und Register), viel mehr kann man von einer guten Biographie nicht erwarten.

Hilmar Klute: War einmal ein Bumerang, Galiani Berlin, 240 Seiten, 9783869711096, 19,99 €

ringelnatzkluyAlexander Kluy, Germanist und Literaturwissenschaftler, hingegen macht sich dessen schuldig, was ich hier vielleicht etwas augenzwinkernd „literarisches overacting“ nennen möchte. Er hat eine Menge recherchiert und möchte den Leser auch daran teilhaben lassen, nicht verwunderlich also, dass Kluys Biographie die doppelte Seitenzahl ins Feld führt. Und nicht nur das: Die Biographie bietet detaillierte Informationen zu den Städten, in denen Ringelnatz lebte, zu den Künstlerkreisen, in denen er verkehrte, zu den Reisen, die er machte. Es kommt auch schonmal vor, dass über mehrere Seiten von Ringelnatz selbst gar keine Rede ist, sondern vom Ausbau des Leipziger Straßenverkehrsnetzes. Freilich gehört es zu jeder guten Biographie, ein zeithistorisches Panorama aufzufächern, vor dem sich der Künstler bewegt, schließlich ist er außerhalb dessen nicht denkbar. Kluy aber übertreibt es damit maßlos, bereits auf Seite 160 ist er bei 374 Anmerkungen, zitiert sich um Kopf und Kragen, liefert jede nur erdenkliche Hintergrundinformation. Und auch die Hintergrundinformationen, an die man nicht gedacht hat. Und die auch für die Einordnung des Ringelnatz’schen Lebens eher von marginaler Bedeutung sind. Kluy verzettelt sich, erschöpft sich in Kleinigkeiten. Die Biographie ist überambitioniert und gerät deshalb in Teilen zu einem nahezu unlesbaren Informationsballen, den zu entwirren man schnell die Lust verliert. Schade!

Alexander Kluy: Joachim Ringelnatz – Die Biografie, Osburg Verlag, 504 Seiten, 9783955100773, 24,90 €

Der geneigte Leser entscheide selbst, wie tief er in das Leben und Schaffen Hans Böttichers einsteigen möchte. Wen Informationsfluten nicht schrecken und wer auf einen leicht zugänglichen und fluffig lesbaren Stil keinen (oder geringen) Wert legt, ist mit Alexander Kluy sicher nicht schlecht beraten. Allen anderen sei Hilmar Klute ans Herz gelegt.

 

2 Kommentare

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  2. susanne sagt

    hallo sophie,
    das ist mal eine rezension mit wirklich hohem gebrauchswert. vielen dank, dass du dir die mühe gemacht hast, beide bücher zu lesen und dann auch noch so zu besprechen, dass zumindest mir (und ich denke auch allen anderen lesern) klar geworden ist, welche biografie die „meine“ werden wird. da hast du mir dankenswerter weise die entscheidung abgenommen. hilmar klute wird mein mann sein, von dem ich mir sehr gerne „fluffig“ über nicht wiederkehrende bumerangse (bumeränger?) und deren besitzer etwas erzählen lasse. freue mich drauf.
    viele grüße
    susanne

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