Erzählungen, Rezensionen
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Wolfgang Popp – Die Verschwundenen

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Auch wenn wir uns manchmal dessen gar nicht bewusst sind: Jeden Tag verschwinden Menschen aus unserem Fokus, die wir einmal kannten. Manche gut, andere nur flüchtig, in ganz verschiedenen Kontexten. Wenn wir manche davon wiedertreffen, ist Vieles ganz anders geworden, haben sich Leben und Prioritäten plötzlich verschoben. Was früher einmal passte, kann heute Reibung verursachen. Wolfgang Popp erzählt gekonnt von Wiederbegegnung und Verlusten und strickt dabei ein Netz, das über die Grenzen der einzelnen Geschichten hinaus wirkt.

Keiner tauscht sich so offen aus, bemerkte ich erstaunt, wie zwei Fremde im Schutz ihrer Fremdheit.

Ein Hotelkritiker trifft in Neapel auf einen ehemaligen Lehrer, der damals überraschend und plötzlich gekündigt hatte und aus der Stadt verschwunden war. Ein sterbender Jugendfreund bittet den anderen nach Jahren der Funkstille seine Notizen in Buchform zu gießen und zu veröffentlichen. Nicht Eulen nach Athen, sondern das Foto eines vermeintlich ausgestorbenen Käuzchens wollen zwei alte Freunde aus Griechenland heraustragen, um ein hohes Preisgeld einzustreichen. Ein Mann entscheidet sich mit seinem Liebhaber für eine Expedition zu den südamerikanischen Pequod und wird über die Erforschung ihrer Sprache langsam wahnsinnig. In einer Hafestadt Sri Lankas kommt es schließlich zur Jagd auf einen Mörder. Wolfgang Popps Erzählungen verbindet nicht nur das Element des Verschwindens und Untertauchens, sondern der menschlichen Geheimnisse, die nicht selten unmittelbar mit ihrem Verschwinden verbunden sind. Was können Menschen in sich tragen, ohne ihre Umwelt davon in Kenntnis zu setzen? Und welche dieser unbeleuchteten Winkel des Lebens können Menschen dazu veranlassen, entweder vom Erdboden zu verschwinden oder gar nach Jahren wieder aufzutauchen?

Wir liebten unsere Ideen, solange sie noch körperwarm waren und noch nicht kalt vom Machen-Müssen. Schaller und ich, wir verehrten die Regisseure der Nouvelle Vague, ließen uns die Haare schneiden wie Truffaut und rauchten wie Godard, wollten Filme machen und, bis es soweit war, als Filmkritiker Erfahrungen sammeln.

Felder treibt der nahende Tod zurück in die Arme eines alten Freundes. Mit einer Brief nach sieben Jahren Funkstille bittet Felder um einen Gefallen. All seine universitären Notizen, die er bis zuletzt nicht zu einem Thema bündeln konnte, obwohl es durch sie hindurch spürbar sei, möchte er seinem Freund übergeben. In der Plastiktüte eines Discounters warten tausende handschriftliche Seiten darauf, in die Ordnung gebracht zu werden, die sie verdienen. Dass Felder sterben muss, scheint ihn, wie Vieles andere in seinem Leben kaum merklich aus der Fassung zu bringen, er war schon immer ein Abwesender, ein Beistehender, selbst wenn er körperlich anwesend war. Als der Freund nach Felders Tod schließlich beginnt, die Notizen zu sichten, entdeckt er eine ungeheure Vielzahl absurder Theorien, die der Tote über Jahre hinweg gesammelt haben musste. Inhaltlich lässt sich zwischen ihnen kein Zusammenhang herstellen, sie reichen von der Phänomenologie des Koitus bishin zu einer bisher unbekannten Krötenart auf Sumatra. Im Laufe seiner Beschäftigung mit den wirren Aufzeichnungen wird ihm schließlich bewusst, dass sie allesamt erfunden sind. Akribisch zusammenfantasiert von einem Mann, dem er so viel Fantasie gar nicht zugetraut hätte.

Die Menschen denken und reden vielleicht kompliziert, aber sie verhalten sich einfach. So einfach und durchschaubar, dass es peinlich ist, setzte er hinzu und meinte dann noch, dass es komplizierter wäre, Pflanzen bei Laune zu halten als Menschen. Bei ihm hätte trotz aufopfernder Pflege noch keine Zimmerpflanze länger als eine Woche überlebt, dass einem ein Mensch eingeht, wäre hingegen nur mit gröbster Fahrlässigkeit möglich.

Wolfgang Popps Erzählungen sind von einer so erfrischenden Originalität, dass man zunächst einmal ziemlich aus den Socken gehauen ist. Man hat nicht den Eindruck, etwas ohnehin bereits Bekanntes bloß in winziger Variation wieder zu lesen, sondern stürzt sich auf die besonderen Geschichten, die in Komposition und Sprache hervorragend sind. Popps Protagonisten sind einerseits zurückhaltende Zauderer, andererseits, auf Seiten der Verschwundenen und Wiederkehrer, nicht selten Exzentriker und Sonderlinge. Aber diese Kombination funktioniert, ohne abgeschmackt zu wirken. Mit großer Begeisterung wird der aufmerksame Leser auch bemerken, dass einige Figuren sich über die Grenzen ihrer eigenen Erzählungen hinaus begegnen oder bekannt sind. Manche steigen im selben Hotel ab, andere werden in der einen Geschichte bloß erwähnt und in einer anderen plötzlich selbst zum Protagonisten. Diese Spuren, die die Verschwundenen nichtsdestotrotz in anderen Leben hinterlassen, verleihen den Erzählungen Festigkeit, fassen sie gewissermaßen ein in ein Erzählgewebe, das nicht für sich allein steht. Und über diese unmittelbare Wirkung während des Lesens hinaus erinnert es auf sehr charmante Weise daran, dass wir alle Spuren hinterlassen. Nicht immer solche, die von Dauer sind. Aber wie sagte schon Aragorn in Tolkiens Herr der Ringe: „Ganz und gar zu verschwinden, das ist eine seltene Gabe.“ Wolfgang Popps Erzählungen sind eine Entdeckung, die ich auch euch dringend ans Herz legen möchte! Bitte lesen!

Wolfgang Popp – Die Verschwundenen, Edition Atelier, 240 Seiten, 9783903005020, 19,95 €

6 Kommentare

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  2. Katrin sagt

    Bei Facebook entdeckt, gelesen und sehr begeistert. Vielen Dank für die feine
    Leseempfehlung!

    • literaturen sagt

      Liebe Katrin,

      oh, wie schön! Freut mich sehr, wenn es Rückmeldungen zu meinen Empfehlungen gibt und sie auch noch gefallen!

      Herzlich,
      Sophie

  3. Liebe Sophie,

    Du hast mich überzeugt! Ich werde es lesen!

    Das ist genau die Art von Erzählungen, die ich liebe. Erzählungen, die sich nicht in der Handlung erschöpfen, sondern weitergetragen werden vom Gefühl des Ganzen…

    Danke für diese schöne Rezension.

    Gruß
    Stefan

    • literaturen sagt

      Lieber Stefan,

      das freut mich sehr zu lesen. Ich hoffe sehr, dass es dir genauso gut gefällt wie mir.

      Herzlich,
      Sophie

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