Graphic Novel
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Richard McGuire – Hier

In der Gegenwart zu leben, gilt heute als allgemein anerkannte und empfohlene Art, seine Existenz zu bewältigen. Wer seinen Fokus zu sehr auf die Vergangenheit legt, ist rückwärtsgewandt und starr, wer mit seinen Gedanken immer wieder in die Zukunft abschweift, weiß den Moment nicht zu schätzen. Für die YOLO-Philosophie, so der Begriff „Philosophie“ für dieses Lebenskonzept nicht ein paar Nummern zu groß ist, zählt nur der Augenblick. Dass aber auch alles nebeneinander existieren kann, beweist Richard McGuire mit seiner ungewöhnlichen Graphic Novel „Hier“.

Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, wie die Gegend, in der er lebt, früher einmal aussah? Die Antworten darauf geben häufig Archive oder Stadthistorien, vielleicht noch einige Zeitzeugen. Was stand hier, bevor mein Wohnhaus gebaut wurde? Was wird hier einmal in fünfzig oder hundert oder zweihundert Jahren stehen? Immernoch das Haus? Wird sich die Natur womöglich die Fläche zurückerobert haben? Insbesondere die Zukunftsfragen können natürlich allenfalls mit Prognosen beantwortet werden, mit Wahrscheinlichkeiten. In Richard McGuires „Hier“, dessen Idee bereits erstmals 1989 in ihrer Urfassung als Schwarz-Weiß-Comic im RAW-Magazin erschienen ist, dreht sich alles um einen örtlichen Fixpunkt innerhalb des Geschehens. In einer gigantischen Zeitspanne von einigen Milliarden Jahren dokumentiert Richard McGuire die stetigen Transformationen dieses Ortes. Vom ätherischen Nichts ohne nachweisbares Leben über die langsame Besiedlung und Kultivierung des Landes bishin zu einer Wohnung, die dem Zeitgeist folgend immer wieder ihre Gestalt verändert, sind wir als Leser dabei.

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Der besondere Reiz besteht an dieser Stelle nicht nur in der menschliches Vorstellungsvermögen sprengenden Zeitspanne, sondern in der konsequenten Überlagerung der Zeitebenen. Kaum ein Bild steht nur für seine Zeit allein, die Bilder sind immer durchdrungen von ihrer Vergangenheit, manches Mal auch von ihrer Zukunft. Im Mittelpunkt steht zwar immer eine Wohnung, aber sie ist wie ein Gewebe durchzogen von fremden Spuren, von Akteuren, Gesprächen und Situationen der Vergangenheit, die sich gleichsam in ihr abgelagert haben und mittels grafischer Gestaltung zutage treten. Richard McGuire ermöglicht uns durch diese Herangehensweise nicht nur die Erfüllung eines allzu menschlichen Wunsches – Vergangenheit und Zukunft zu kennen -, sondern gewissermaßen eine historische Rundumsicht. „Hier“ verzichtet weitgehend auf Sprache, nur vereinzelt gibt es Dialogfetzen oder Worte. Wenn es sie gibt, sind sie immer allgemeingültig, dienen sie immer als Scharniere zwischen den Zeiten. Sie evozieren geradezu den Schluss: Dieses oder jenes war 1536 nicht anders als 1999. Es geht um Beständigkeiten und Kontinuitäten, z.B. in humorvoller Weise umgesetzt, wenn es um Beleidigungen und Konflikte geht:

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„Hier“ lebt von der grafischen Gestaltung, von der oftmals passgenauen Überlagerung der Bilder. Wo in den 50ern der Kamin stand, steht er auch 50 Jahre später noch, kleinere Veränderungen in Einrichtung und Dekor verstehen sich von selbst. Besonders spannend wird es dort, wo große Zeitspannen gegenübergestellt werden und sich das einstellt, was vielleicht am besten mit dem „Universumseffekt“ umschrieben ist. Mit einem Mal wird das eigene Leben, die eigenen vier Wände wohltuend bedeutungslos gemessen an allem, was bereits vor einem war und nach einem kommen wird. Man passt sich ein in den Zeitenlauf, mehr oder weniger gut, inwiefern er aber überhaupt zu verändern und zu durchbrechen ist, bleibt fraglich. Aus der Distanz heraus, die mit dieser Graphic Novel fraglos auf die Spitze getrieben ist, entdeckt man mehr Ähnlichkeiten als einem bewusst oder lieb wäre. „Hier“ ist aufregend unkonventionell und in seiner Herangehensweise bemerkenswert! Hier geht es weniger um „eine Geschichte“, sondern um „die Geschichte“, das große Ganze, das immer wieder und in jedem Moment von Vergangenheit und Zukunft durchzogen ist. Dieser Graphic Novel gelingt es auf meisterhafte Art, gleichermaßen Gefühle von Erhabenheit (als Beobachter aller drei Zeitebenen) und Bescheidenheit (als kleines Rädchen) auszulösen, die sich überraschend wenig widersprechen. An dieser Stelle möchte ich also eine unbedingte Lese – oder eher Schauempfehlung aussprechen, denn zu lesen gibt es ja nicht viel. Dafür umso mehr anzusehen und wirken zu lassen.

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Richard McGuire: Hier, aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Dumont Buchverlag, 304 Seiten, 9783832197629, 24,99 €

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