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Heinrich Steinfest – Das grüne Rollo

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Heinrich Steinfest ist bekannt für seine überbordende Fantasie, seinen einmaligen Humor und seine trotz aller Verrücktheiten doch geerdete und pointierte Sprache. Das brachte ihm u.a. im letzten Jahr eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis ein. ,Der Allesforscher‚ schaffte es sogar auf die Shortlist. Auch mit ,Das grüne Rollo‘ erzählt Steinfest eine aberwitzige Geschichte, die mit Anklängen an Michael Ende begeistert und bis zum Schluss darüber im Unklaren lässt, was wirklich vor sich geht. Spannend, witzig, nachdenklich – von Heinrich Steinfest lässt man sich viel erzählen.

Es brauchte eine geistige Verfassung jenseits von frisch gepreßtem Orangensaft.

Theo März ist eigentlich ein ganz normaler zehnjähriger Junge. Er ist gerade auf das Gymnasium gewechselt, hat einen Bruder und eine Schwester und lebt in einer intakten Familie. Alles hat seine Ordnung, bis er eines Abends plötzlich vor seinem Fenster ein flaschengrünes Rollo erblickt. Das ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert. Einerseits natürlich, weil es wie aus dem Nichts auftaucht und eine ganz eigentümliche Anziehungskraft entfaltet. Andererseits aber auch, weil seine Eltern sich immer äußerst strikt gegen jede Art von Fensterverkleidung zur Wehr gesetzt hatten. Sowas sei nicht nötig, sagen sie. Man sei ja schließlich nicht im Krieg, merken sie an. Theo glaubt zunächst an einen Streich seines Bruders oder ein unerwartetes Umschwenken seiner Eltern. Beides stellt sich als falsch heraus. Von diesem Tag an entrollt sich das Rollo selbsttätig jeden Abend um dieselbe Uhrzeit und taucht Theos Kinderzimmer in grünliches Licht. Aus Angst, verrückt zu sein oder mindestens dafür gehalten zu werden – beides gleichermaßen beängstigend – entscheidet er sich, über das plötzliche Auftauchen des Rollos Schweigen zu bewahren.

Wenn der Mond aber nicht schien, bekam ein anderes Licht seine Chance, das der sehr viel tiefer gelegenen Straßenbeleuchtung. Dann haftete den Gegenständen und den Wänden des Zimmers ein gelblicher Schimmer an. In einer Weise, die bei mir – der ich ja so viel ans Sterben dachte – zu der Idee führte, ein ganzer Packen alter Langenscheidt-Taschenbücher würde an diesem Ort sein Lebenslicht aushauchen.

Eines Abends sieht er im vergeblichen Kampf gegen das unliebsame Rollo plötzlich ein Mädchen  und eine Gruppe Männer in ihm, die es mit Feldstechern beobachten. Ausgelaugt läuft es auf einem Laufband gegen die völlige Erschöpfung an, um den Hals eine Schlinge, die sich augenblicklich zuzöge, würde sie nur einen Moment verschnaufen wollen. Dieses Bild schockiert Theo derart, dass er sich hineinziehen lässt. Nicht nur in die Angelegenheit an sich, sondern auch in das grüne Rollo, dessen beinahe magnetische Anziehungskraft ihn in eine fremde Welt katapultiert. Dieser Wechsel der Welten ist auch in der Schriftfarbe des Buches ersichtlich; alles, was innerhalb des Rollos spielt, ist auch grün gedruckt. (allerdings, meiner Ansicht nach, durchaus in einem Grün, das sich problemlos lesen lässt!) Dort angekommen befreit er das Mädchen aus ihrem Martyrium, nicht ahnend, dass er damit den Blick der Feldstechermänner auf sich lenkt. Er kehrt schließlich, durch die Hilfe eines üppigen und wohlwollenden LKW-Fahrers, mit dem Mädchen in seine Welt zurück und völlig überraschend nimmt die plötzlich in der Familie den Platz der Schwester ein. Einfach so, als wäre sie schon immer da gewesen. Jahrzehnte vergehen, ohne dass Theo überhaupt wieder an das Rollo denkt. Er hat seine Tante gebeten, es zu vernichten und mit fortschreitender Zeit hält er die ganze Geschichte für eine alte Kinderfantasie. Zu unrecht, wie sich zeigt.

Und sind wir doch ehrlich: Ständig halten wir ängstlich Ausschau nach Dämonen und Monstern und Betrügern, und wenn unser Blick kurz einen Spiegel streift, streift uns auch ein halbbewusster Moment der Erkenntnis.

Heinrich Steinfest entwirft in „Das grüne Rollo“ eine ungemein fantasievolle Geschichte, die jedoch, so abenteuerlich und sonderbar Theos Erlebnisse auch sein mögen, zu keinem Zeitpunkt völlig den Bezug zur Realität verliert. Steinfest beherrscht das Kunststück, in jede aberwitzige und fantastische Begebenheit etwas gleichsam einzuweben, das die Fantasie plausibel macht. Da ein Teil der Geschichte in wesentlich fernerer Zukunft spielt als wir sie uns heute vorstellen können, lässt Steinfest es sich nicht nehmen, die Datensammelwut von Konzernen und Geheimdiensten als längst kollabiert zu betrachten: Aufgrund eines simplen kindlichen Fluches (nicht magisch), der alles zum Einsturz brauchte, wie einen vollen Topf letztlich zum Überlaufen. Kluge Gedankengänge schlängeln sich immer wieder wie selbstverständlich durch die Geschichte, sie stechen nicht heraus, sondern fügen sich harmonisch ein. „Das grüne Rollo“ steht und fällt schließlich mit seinem Ende, das alles in gänzlich anderem Licht erscheinen lässt. Und es ist gar nicht ungefährlich, einen Roman derart auf sein Ende hin zu konzipieren, alles auf eine Karte zu setzen und womöglich wird es auch nicht jedermann begeistern. Aber Heinrich Steinfest ist es wieder einmal gelungen, einen Roman zu schreiben, der auf hohem Niveau unterhält. Vieles ist möglich, in Steinfest’schen Universen, es gibt immer etwas zu entdecken und aus neuen Perspektiven zu betrachten. Ohne Zweifel ein Roman für Leser, die sich gern vom Autor überraschen und gekonnt an der Nase herumführen lassen.

Heinrich Steinfest: Das grüne Rollo, Piper Verlag, 288 Seiten, 9783492056618, 19,99 €

2 Kommentare

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  2. Mariki sagt

    Ich war nicht ganz so begeistert wie du. Mir war es einfach zu abgespacet – aber das Ende war grandios!

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