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Akram Aylisli – Steinträume

aylisli

Akram Aylisli ist einer der bekanntesten aserbaidschanischen Schriftsteller. Er wurde als „Schriftsteller der Nation“ ausgezeichnet, seine Bücher wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Sein Erfolg jedoch kehrte sich schlagartig in sein Gegenteil, als im Dezember 2012 ,Steinträume‘ erschien. All seine Ehrungen und Titel wurden Aylisli aberkannt,  es wurde öffentlich zu seiner Verfolgung aufgerufen, seine Bücher wurden verbrannt und er wurde als Feind seines Landes geächtet. Nicht nur er selbst, sondern auch seine Familie musste Repressalien erdulden. Alles wegen eines Romans, der nun auf der Liste der sogenannten „banned books“ steht. Warum?

Der landesweit bekannte Schauspieler Sadai Sadygly wird in Baku auf offener Straße niedergeschlagen, weil er versucht, einem Armenier zu helfen. Der wird von einer wütenden Meute zu Tode geprügelt, Sadygly von seinem Freund Nurawisch Karabachly ins Krankenhaus gebracht. Es herrscht eine angespannte Stimmung innerhalb der Gesellschaft, die sich besonders im Hinblick auf die armenische Minderheit bemerkbar macht. Wer offen zugibt, Armenier zu sein, begibt sich in höchste Gefahr. Oder leidet womöglich, wie Ankleiderin Greta Sarkissowna, so massiv unter den Taten des armenischen Volkes, dass sie sich (angeblich) verzweifelt von ihrem Balkon stürzt. Sadai Sadygly hat sich um solcherlei nie geschert, er hat immer klar und deutlich seinen Standpunkt verteidigt, sich trotz seiner Prominenz niemals korrumpieren lassen, Auszeichnungen abgelehnt. Das hat ihm den Respekt von Nurawisch Karabachly und anderer Theaterkollegen eingetragen. Aber nun liegt Sadygly im Koma und fantasiert über seine Heimat.

Der winzige Greisenkörper von Greta Sarkissowna war gerade erst in einer großen Blutlache gestorben, da verbreitete sich schon die seltsame Nachricht in der Stadt, dass die vom Balkon gesprungene Armenierin einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte, in dem sie beichtete: „Ich hasse mich selbst wegen der Verbrechen, welche die Armenier begangen haben. Ich verachte mein Volk und will deshalb nicht mehr auf dieser Welt leben. Karabach gehört zu Aserbaidschan. Es lebe Aserbaidschan!“

Aylis ist ein friedliches Bergdorf, geprägt von der felsigen Umgebung und dem friedlichen Zusammenleben der Bewohner, ganz gleich, ob armenischer oder aserbaidschanischer Herkunft. Es gibt sowohl christliche Kirchen als auch muslimische Gotteshäuser, Sadygly träumt von einem Aylis, das längst vergessen und vergangen ist. Einem Aylis im Übrigen, nach dem auch Autor Akram Aylisli sich benannte, er ist selbst dort geboren. Kaum gelangt etwas Schlechtes in Sadyglys Erinnerungen von sanften Sonnenstrahlen und duftenden Blumen. Zwar war auch damals schon von den Massakern an Armeniern die Rede, 1918 allerdings wurden sie von Türken begangen, die in die damalige sowjetische Provinz einfielen. Getrübt wird die Harmonie allenfalls von Sadyglys Erinnerung an einen jungen schwarzen Fuchs, der von einem Dorfbewohner erschossen wird. Es wird diese Erinnerung sein, die ihn weit über seine Kindheit hinaus begleiten wird, auch wenn ihm das hier und dort Spott einbringt.

In dieser aus Stufen bestehenden steinernen Welt, die sich vom Fluss unten bis zum Himmel hinaus erstreckte, geschahen mehrere Erdbeben, die Stufen begannen zu schwanken und zu zittern, und im Verein mit dieser zitternden und schwankenden Steinwelt vergaß Sadai Sadygly erneut, wo er sich befand und was er suchte, und versank in der absoluten Finsternis des Nichts und Nirgends.

Aylislis Roman, den er, wie er im Nachwort schreibt, auch als Requiem für die ermordeten Armenier verstanden wissen will, spielt in der Zeit nach der Eskalation des Karabach-Konflikts. 1988 kam es zu blutigen Aufständen mit mehreren hundert Toten auf beiden Seiten. Sowohl Armenien als auch Aserbaidschan beanspruchen die Karabachregion für sich, jeder missgönnt sie dem anderen. Die historischen Gräueltaten auf beiden Seiten werden instrumentalisiert, die Stimmung zwischen den Völkern ist nahezu unerträglich. Nicht nur, dass der Konflikt unlösbar erscheint, mittlerweile wird auch Politik mit ihm gemacht, was nicht zuletzt auch zu der großen Empörung rundum Aylislis Roman geführt hat. Steinträume ist Teil einer Trilogie, die bisher nicht auf Deutsch übersetzt ist. Sie beschäftigt sich mit der Entwicklung Aserbaidschans, die untrennbar mit dem Konflikt zwischen Armeniern und Aserbaidschanern verbunden ist. Aylislis Roman ist ein Plädoyer für Verständigung und Frieden, das jedoch von den führenden Machthabern Aserbaidschans gemäß des gängigen politischen Kurses ganz anders verstanden wurde. Ein Aserbaidschaner, der offen und empathisch über die Leiden von Armeniern spricht, ist nach wie vor undenkbar.

„Nein, nichts wird sich ändern“, sagte Sadai Sadygly in fieberhafter Aufregung. „Und ihr werdet nichts mit dem vorigen Landesvater, wie er im Volk bis heute tituliert wird, machen, selbst, wenn ihr ihn noch lauter schmäht. Ihr versucht jetzt, die Schuld eurer eigenen sklavischen Unterwürfigkeit auf ihn abzuwälzen, um sauber aus dieser Scheiße herauszukommen. (…)“

Werden Bücher allerdings mit derartiger Vehemenz verdammt, so vergrößert das nicht selten ihre Reichweite. Und so haben wir es in Deutschland beispielsweise dem Osburg Verlag zu verdanken, dass wir ein Stück Literatur entdecken können, das märchenhaft erzählt ist und sich doch in den Worten Sadai Sadyglys ganz klar positioniert gegen das Buckeln nach oben, gegen die Kompromisslosigkeit der Politik und die Unnachgiebigkeit der Konfliktparteien. Nicht nur seiner Botschaft wegen ist ,Steinträume‚ ein wichtiges Buch, nicht nur, weil es Akram Aylisli so viel gekostet hat. Es ermöglicht uns Einblick in einen bereits Jahrzehnte schwelenden und nun beinahe politisch institutionalisierten Konflikt, wie wir ihn wohl so von keinem anderen aserbaidschanischen Schriftsteller lesen können. Die Wahrheit des Herzens, schreibt Aylisli in seinem Nachwort, ist für uns alle gleich. Für sich genommen leider eine Wahrheit, die in Vergessenheit geraten ist.

Akram Aylisli: Steinträume, aus dem Russischen von Annelore Nitschke und mit einem Nachwort von Ernst von Waldenfels, Osburg Verlag, 170 Seiten, 9783955100742, 20,00 €

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