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Steven Bloom – Das positivste Wort der englischen Sprache

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Es beginnt in den 50er Jahren in Amerika. Norman Goldstein ist Jude und verliebt sich in eine schwarze Kommilitonin. Er beschließt kurzerhand und recht unbedarft, dass er sie heiraten wird. Mit diesem Umstand beginnt Steven Blooms rasanter Ritt durch die US-Geschichte, durch das morastige Gelände voller Rassismus, Geschlechterkampf und Unruhen hinein in eine unsichere Gegenwart. Ist es ein opulenter 700 Seiten Roman geworden? Mitnichten!

Das positivste Wort der englischen Sprache ist ,yes‘. So endet auch der Ulysses. ,Yes‘ als Ausdruck der Zustimmung hören Norman und seine schwarze Frau Savannah bei der Wohnungssuche jedoch ausgesprochen selten. Es ist schlecht kaschierter, unverhohlener Rassismus, der ihnen entgegenschlägt. Aus Verzweiflung bittet Norman, eine weiße Kommilitonin ihn zu einer Besichtigung zu begleiten, um seine Chancen zu verbessern. Zwar gelingt dieser Schachzug, die Ehe jedoch erledigt sich schnell. Fast klanglos und beiläufig gehen beide getrennte Wege, es gibt keinen großen Knall, keine pathetischen Anschuldigungen. Vielleicht waren es von Anfang an die falschen Beweggründe für eine Hochzeit, füreinander. Und trotzdem Norman zwar hier und da mit Frauen zusammenstößt, entwickelt er einen höchst einsiedlerischen Lebensstil. Er arbeitet bei der Sortierstelle der Post und wird im Laufe seines Lebens Dozent an der Universität, beginnt zu schreiben.

Als staatliche Fürsorge herauskam, wurde Norman zum Hochschulassistenten mit Festanstellung befördert. Da er unveränderlich schüchtern war, wurde er von niemandem in seinem Fachbereich abgelehnt, auch wenn er im Grunde bloß Schriftsteller war. Er war auch bei Dinnerpartys ein gern gesehener Gast, denn die Bereitschaft zuzuhören  war an seiner Universität noch seltener als ein unverheirateter heterosexueller Mann.

Norman ist Zaungast, ein Mann, dem das Leben zustößt, während er keine anderen Pläne macht. Es folgen die Protestbewegungen der 60er, der Vietnamkrieg bishin zu Klimawandel, Irakkrieg und dem Terror heutiger Tage. Während Norman also weiter auf dem Fleck stehend altert, vergeht die Zeit. Bei Steven Bloom tut sie das nicht etwa durch eine vernehmliche Erzählerstimme, sondern durch pointierte und charakteristische Dialoge, die ihre jeweilige Zeit spiegeln. Zwar schiebt Bloom hier und dort ein paar erläuternde Worte ein, über die Akteure in Normans Leben erfahren wir letzlich aber genauwenig wie über Norman selbst. Zwar taucht so mancher immer wieder auf; Cogan als Kollege an der Universität und glühender Verfechter der einvernehmlichen sexuellen Beziehung zwischen Studenten und Professoren. Phil in der Poststelle, der mit seinen wirren und unkonventionellen Gedanken desöfteren für Diskussionen sorgt. Schließlich Vashti, seine letzte Frau. Doch in ihren persönlichen Motivationen bleiben sie flach, auf ihre Redebeiträge reduziert.

Angenommen, auf der Karte stehen Vanillecremetorte, Milchreis, Schokotorte und Apfelstrudel. Bestellt man sich alle vier, weiß man zum Schluss, was Magenschmerzen sind. Bei Unbill aber braucht man sich nicht zu entscheiden. Da kommt eins zum andern bloß dazu. Zahnweh, Hämorrhoiden, Leberzirrhose, Haarausfall und der Atomkrieg vertragen sich bestens miteinander, und dann ist immernoch Platz für eine Abfuhr.

Das aber reicht Steven Blooms Roman nicht zum Nachteil, versucht er doch erzählerisch die verschiedensten Diskurse zu verarbeiten. Kaum einer der durchnummerierten Szenen erstreckt sich über mehr als drei Seiten. Es geht nicht um die eine große Geschichte und das persönliche Schicksal, auch wenn Bloom seinen Roman natürlich dennoch um eine Hauptfigur herum konzipiert. Es geht um Versatzstücke, um Flutlichter der Geschichte in einem Leben und letztlich um nichts geringeres als das Ende, das uns alle irgendwann ereilt. Darum, wie und womit wir die Zeit zwischen den beiden Polen unseres Lebens füllen. ,Das positivste Wort der englischen Sprache‚ bricht in Teilen mit Lesegewohnheiten, die dem großen epochemachenden Roman geschuldet sind, der jede Nuance erschöpfend beschreiben kann. Das aber tut er auf eine so erfrischende und humorvolle Art, dass man seine Freude daran entdecken kann, wenn man bereit ist, sich auf eine ungewöhnliche Erzählweise einzulassen.

Steven Bloom: Das positivste Wort der englischen Sprache, aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz, Wallstein Verlag, 160 Seiten, 9783835315976, 17,90 €

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