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Ryan Bartelmay – Voran, voran, immer weiter voran

Bereits die Kindheit der Waldbeeser-Brüder Chic und Buddy wird vom tragischen Selbstmord ihres Vaters überschattet. Der setzte sich im Winter hinter die Scheune des Hauses, um in der Kälte zu erfrieren. Die Kinder sind noch nicht volljährig, da lässt die Mutter sie zurück, um mit ihrem Liebhaber durchzubrennen. Was Chic und Buddy außer den geteilten Erfahrungen zusammenschweißt, ist ihre Verschiedenheit und ein Geheimnis. Ryan Bartelmay erzählt in seinem Debütroman eine hübsche Familiengeschichte, von der man allerdings nicht allzu viel erwarten sollte. Abgesehen von guter Unterhaltung.

Wir wissen alle, dass es zu den charakteristischsten Eigenschaften des Lebens gehört, immer weiter und weiter voranzugehen. Ganz gleich, was passiert, wie einschneidend oder umwälzend ein Ereignis ist; die Zeit läuft vorwärts, die Dinge bleiben in Bewegung. Das kann mitunter das Schmerzhafteste und Unglaublichste an diesem Leben sein. Dass es sich nicht darum schert, was in ihm geschieht. Als Chics Bruder seine indische Freundin Lijy heiratet, geschieht auf der Hochzeit etwas, das lange nachwirken wird. Chic entbrennt, vermutlich auch aus lauter Ernüchterung über seine eigene Ehe zu Diane, die sich als deutlich anders erwiesen hat als er sich das dachte, bei einer Rückenmassage in Leidenschaft für Lijy. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, verscheucht er zwar zunächst die Gedanken an sie, versucht aber, sich langsam an Lijy heranzutasten, die von ihrem frisch Angetrauten zugunsten seiner Philatelie häufig genug links liegengelassen wird. Buddy ist ein Nerd, ein Sonderling, – wenn es dafür in den frühen 60ern, in denen die Geschichte spielt, auch noch keinen derart treffenden Begriff gibt. In dieser angespannten Konstellation, zwischen zwei nicht funktionierenden Ehen, wird schließlich Chics Sohn Lomax geboren.

Väter weinten nicht. Sie trugen Krawatten, tranken Kaffee und fuhren manchmal aus Versehen beim Zurücksetzen auf dem Parkplatz des Supermarkts in ein anderes Auto, doch selbst dann weinten sie nicht. Außerdem dachten sie nicht an andere Frauen, schon gar nicht an die Frau des eigenen Bruders, und auf keinen Fall beim Duschen.

Aus lauter Frust und Hilflosigkeit gibt sich Lijy einem kurzen Stelldichein hin, das nicht nur zu Schuldgefühlen, sondern auch zu einer Schwangerschaft führt. Statt den Seitensprung zu gestehen und den Fremden zu benennen, behauptet sie, Chic wäre ihre kurze Affäre gewesen und nun, ganz folgerichtig, der Vater ihres Kindes. Es ist nicht nur rätselhaft, wie man sich auf so etwas einlassen kann, sondern auch, wie man Sex mit dem Bruder des Mannes für weniger beziehungssprengend halten kann als Sex mit einem Fremden. Die Geschichte Ryan Bartelmays entwickelt sich um diese zentrale Lüge herum und springt im Zuge der Geschichte zwischen den 60ern/70ern und 1998 hin und her. 1998 lernt Chic Waldbeeser noch einmal eine Frau kennen. Die ehemalige Poolmeisterin Mary versucht gerade verzweifelt, sich von ihrem Mann Green loszusagen, der einen Schlaganfall erlitten hat. Und das tut sie genauso herzlos und berechnend, wie es klingt. Wenn man auch fairerweise zwei Stimmen in ihr erwähnen muss, die miteinander in Widerstreit stehen.

Aber das Schlimmste kommt erst noch. Und darum geht es in diesen Gedichten. Das Schlimmste ist, dass Sie es nicht aufhalten können. Nichts davon. Das Leben hat seine eigene Dynamik. Voran, voran, immer weiter voran.

Es folgen dramatische Schicksalsschläge, schlechte Entscheidungen, Konflikte und konträre Entwicklungen. Chic bleibt der wenig durchsetzungsfähige Duckmäuser, der er immer war; sein Bruder entdeckt plötzlich die Spiritualität für sich, eröffnet mit seiner Frau einen Naturkostladen und backt Kuchen ohne Zucker. Vielleicht sind es diese doch eher platten Abziehbilder, die Bartelmays Figuren karikaturesk wirken lassen. Es fällt deutlich leichter, sie zu belächeln als ihre Schicksale zu bedauern. Ryan Bartelmay, der selbst an der Columbia University Kreatives Schreiben studierte, kann fraglos mit Worten umgehen. Er schreibt in einer leicht lesbaren und dynamischen Art, beweist immer wieder schrulligen Humor und durchaus unterhaltsame Einfälle. Nichtsdestotrotz fehlt diesem Roman etwas, das er bis zuletzt nicht wettmachen kann. Um ihn mit John Williams‘ ,Stoner‘ oder Jeffrey Eugenides zu vergleichen, wie das in den Klappentexten geschieht, fehlt Bartelmays Debüt die Tiefe, Komplexität und Ernsthaftigkeit. Was es durchaus ist: Ein unterhaltsamer Roman für zwischendurch. Was es nicht ist: Eine vielschichtige und anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Leben.

Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran, aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader, Blessing Verlag, 432 Seiten, 9783896675262, 21,99 €

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