Graphic Novel
Kommentare 3

Raphaela Buder – Die Wurzeln der Lena Siebert

siebert

Lenas Mutter glaubt, dass die Welt voller ,Scientogen‘ ist. Und die sind böse und gefährlich. So jedenfalls versteht sie die ständige Angst ihrer Mutter, die sie natürlich in ihrem Alter nicht als Verfolgungswahn identifizieren kann. Nachdem die Situation auf der Straße eskaliert, wird Lenas Mutter in eine Klinik eingewiesen, Lena selbst kommt zu einer Pflegefamilie. Raphaela Buders Comic, das in diesem Jahr mit dem Graphic-Novel-Förderpreis AFKAT ausgezeichnet wurde, erzählt die Geschichte aus Lenas kindlicher Sicht.

Lena lebt mit ihrer Mutter allein in der Großstadt, in einem dieser bekannten Problemstadtteile, in denen man HartzIV für eine komfortable Sache und Schulen für Unsinn hält. Sie ist gewohnt, dass ihre Mutter sie stets vor den ,Scientogen‘ (also: Scientologen) warnt, die unbemerkt jeden Tag auf der Straße umhergehen. Es könnte jeder sein, man sieht es ihnen nicht an. Lena wächst mit dem Gefühl auf, dass die Welt ein tendentiell bedrohlicher Ort ist, an dem man sich besonders vor Fremden in Acht nehmen muss. Sie hat nicht viele Freunde. Lena aber ist noch viel zu jung, um die Situation zu durchschauen, viel mehr wünscht sie sich, einmal Prinzessin zu sein. Mit einem schönen Kleid und einer kleinen Krone auf dem Kopf. Ihre Mutter träumt derweil davon, nach Amerika auszuwandern. Fraglich, ob sie dort nicht auf ,Scientogen‘ trifft, aber es scheint ein Ausgang aus der heimischen Eintönigkeit, ein Traum, der bei Verwirklichung unbedingt die Freiheit und Unbeschwertheit verspricht, an der es ihr jetzt mangelt. Als sie auf offener Straße einer Passantin eine Ohrfeige gibt und flieht, reicht es den Behörden endgültig, nachdem das Jugendamt schon desöfteren vor der Tür stand. Lenas Mutter wird abgeholt und in eine psychiatrische Klinik gebracht.

siebert1

Lena hingegen wird zu einer Pflegefamilie gebracht, wo sie ihre Mutter zunächst sehr vermisst, aber auch die stabilen und spannungsfreien Verhältnisse schätzen lernt. Sie kann in die Schule gehen und gelegentlich ihre Mutter in der Klinik besuchen. Das läuft so lange gut, bis ihre Mutter eines Tages vor der Schule auftaucht und mit Lena an der Hand zum Bahnhof läuft. Es soll nach Amerika gehen, dorthin, wo sie schon immer hin wollte. Mit ihrer Tochter, die man ihr weggenommen hat. Lena nimmt das, ihrem Alter gemäß, vertrauensvoll hin. Schließlich ist ihre Mutter wieder bei ihr, sie kann das Meer sehen und eine Reise machen. Dort gibt es für sie dann auch die Krone und das Prinzessinnenkleid. Selbstverständlich werden die beiden sehr schnell gefasst, Lenas Mutter kommt zurück in die Klinik, Lena selbst zu ihrer Pflegefamilie.

siebert2

Raphaela Buders Stil ist sehr einfach, fast kindlich. Die Schraffur größerer Flächen erinnert fast zwangsläufig an die Art, wie man früher selbst den Stift geschwungen und ausgemalt hat. Auch die Figuren sind einfach gezeichnet. Klare, aber doch feine Linien dominieren Buders Stil. Die Geschichte selbst ist ganz klar aus Lenas Sicht erzählt, die ihre Situation unmöglich begreifen, sondern nur aus einzelnen Fragmenten ein Bild entwickeln kann, das sie versteht. Nicht zuletzt ist sie mit vielen Grundsätzen ihrer Mutter konfrontiert, die sich tief in sie eingegraben haben. So fürchtet sie sich vor der Schule, weil ihr dort angeblich der Kopf platze. Nichtsdestotrotz stellt Lena ihre Mutter, wie die meisten Kinder in solchen Situationen, nicht in Frage. Ihre Liebe ist ungebrochen, auch wenn sie nicht begreifen kann, was mit ihrer Mutter vorgeht. Raphaela Buder gelingt es fantastisch, manche größeren Zusammenhänge auch bloß in einigen Einzelszenen anzudeuten, eben so, wie Lena es wahrnehmen würde. Sie weiß, was die Mutter über Schule sagt, sie sieht die Männer in Schnürstiefeln und schwarzen Kapuzen, die HartzIV super finden und schon vormittags trinken. Was das aber für sie bedeutet, weiß sie nicht. Abgesehen vom Ende, das überraschend sprunghaft und abrupt erfolgt, ist diese Graphic Novel ein gelungener Einblick in das Aufwachsen unter schwierigen Bedingungen. Die Graphic Novel hat durch ihre grafische Herangehensweise in diesem Fall noch ganz andere Möglichkeiten durch Perspektive oder Stilistik die Erzählstimme herauszuarbeiten. Diese Möglichkeiten nutzt Raphaela Buder in vollem Umfang. Es lohnt sich, auf die Suche nach Lena Sieberts Wurzeln zu gehen!

Raphaela Buder: Die Wurzeln der Lena Siebert, mairisch Verlag, 128 Seiten, 9783938539347, 14,90 €

3 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Raphaela Buder – Die Wurzeln der Lena Siebert - #Bücher | netzlesen.de

  2. Danke für den Buchhinweis, klingt prima! Die Charakterisierung von Raphaela Buders Stil als „sehr einfach, fast kindlich” würde ich allerdings – den Abbildungen nach zu urteilen – nicht unterschreiben wollen, dagegen sprechen, meine ich, die reich abgestufte Farbtonskala zwischen Weiß und Schwarz und die differenzierte Zeichnung: allein die Schraffuren von Gehweg, Straße und Fußboden geben das jeweilige Baumaterial sehr gut wieder; die Giraffenbäume sind auch sehr schön.

  3. Pingback: Lesen mit Links

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.