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Julia Tieke im Interview!

Mit dem authentischen Echtzeit-Dialog „Mein Akku ist gleich leer“ (erschienen im Digitalverlag mikrotext) bringt Julia Tieke uns das Schicksal eines Flüchtlings auf unmittelbare Weise näher. Hier ist nichts gekünstelt oder literarisch aufbereitet, es gab diesen Dialog zwischen Flüchtling Faiz und Julia Tieke, die selbst Kulturwissenschaftlerin ist und bereits ein Radiofeature über syrische Radiostationen produziert hat. Ich habe ihr dazu und zur ersten Begegnung mit Faiz einige Fragen gestellt.

Julia, dein Kontakt zu Faiz ist letztlich aus einem Radiofeature hervorgegangen, das von syrischen Radiomachern und ihren Verbindungen u.a. nach Berlin handelte. Wie bist du auf dieses Thema gestoßen?

Freunde von mir arbeiten in der Berliner Nichtregierungsorganisation MICT, die das Radioprojekt „Syrnet“ mit syrischen Radiomachern durchführt. Sie haben mir früh von dem Projekt erzählt, und als Radiomensch war ich begeistert von dem Vorhaben, UKW-Radio in, bzw. für Syrien zu fördern. Und ich war natürlich neugierig, wer dort mit dem Medium Radio arbeitet, und wie das unter Kriegsbedingungen geschieht.

Welche Erfahrungen hast du in der Türkei mit dieser Art des Widerstands und der Opposition gemacht? Was kann das Radio leisten? Was bedeutet es für die Menschen?

Ich war beeindruckt von der Vielfalt kleiner und größerer Radioprojekte. Die Vorteile von Radio kommen in Kriegs- und Krisensituationen schnell zu tragen: es ist technisch nicht kompliziert und teuer, es ist schnell. Mit Radio lässt sich außerdem sehr gut lokal arbeiten; man kann ganz spezifische, lokale Themen aufgreifen. In Syrien heißt das beispielsweise, Informationen darüber zu verbreiten, wo sich neue Checkpoints befinden, oder welche Wege passierbar sind.
Viele der syrischen Radiosender haben als reine Internetradios angefangen, einige haben eigene UKW-Frequenzen, andere teilen sich eine Frequenz. UKW-Radio ist – auf der Hörerseite – unabhängig von Internetzugang und sogar von der Stromversorgung, da man Kurbelradios nutzen kann. Damit ist es potentiell ein ideales Informationsmedium in Krisen- und Kriegssituationen.
Die Bedeutung für die Radiomacher selbst ist enorm. Sie lernen journalistisches Handwerk, können kreative Formate erfinden und spezifische Konzepte für Informationsbeschaffung und -verbreitung. Sie leisten eine Arbeit, die von ihnen selbst zumeist als sehr sinnvoll erlebt wird, und sie erhalten auch entsprechende Rückmeldungen, z.B. über soziale Medien.
Ich selbst kann über die Seite der Hörerschaft in Syrien nur sehr mittelbar etwas sagen, da ich nicht vor Ort war, um das zu recherchieren. Wie stark also diese neu entstandenen, nicht-staatlichen Radios in Syrien genutzt werden, lässt sich kaum sagen. Der Aufbau einer pluralistischen Medienlandschaft ist natürlich sinnvoll, auch in Hinblick auf die Zukunft, die hoffentlich eines baldigen Tages Frieden bringen wird.

Wie kam es zum Dialog zwischen Faiz und Dir? Hattet ihr bereits vor seiner Flucht in sozialen Netzwerken Kontakt?

Wir waren nach unserem Treffen in Gaziantep auf Facebook „befreundet“. Als ich anfing, das Manuskript für mein Feature „Syria FM“ zu schreiben, wollte ich mit unserer Begegnung beginnen. Von unserem Gespräch damals hatte ich gar keine Tonaufnahme gemacht, weil es weniger ein Interview, als vielmehr ein Treffen zur Bücher-Übergabe war.
Dann erzählte mir Faiz, dass er in seinem Heimatort Manbij unter anderem für das Aufstellen einer UKW-Sendeanlage verantwortlich war. Ich war von seiner Arbeit und von ihm begeistert und wollte die Begegnung daher unbedingt für das Feature beschreiben. Als ich am Manuskript saß, fragte ich mich, was Faiz jetzt macht und wo er ist. Ich hatte von einem gemeinsamen Freund gehört, er sei in Griechenland, auf dem Weg nach Deutschland. Da nahm ich Kontakt auf, und mit meinem ersten Satz beginnt dann auch das E-Book.

faiz

© Faiz, Handyladestation syrischer Flüchtlinge, irgendwo in Mazedonien

Sicherlich fühlt man sich in einer solchen Situation unglaublich hilflos. Wie bist du mit dieser Hilflosigkeit umgegangen?

Der Dialog über einige Wochen im Herbst 2014 hatte eine starke Sogwirkung, Faszination und Hilflosigkeit zugleich.

Ich hatte das Gefühl, das einzig konkrete, das ich für Faiz tun kann, ist, den Kontakt zu halten. Daher habe ich in dieser Zeit in meinem Handy die Benachrichtigungen für eingehende Nachrichten aktiviert, was ich sonst nie tue. In diesem Fall war es mir wichtig, ggfls. sofort reagieren zu können. Damit habe ich mich aber auch unter Stress gesetzt, denn ich habe mich beispielsweise in einem Theater-Foyer, im Supermarkt oder auf einer Party befunden, wenn gerade eine neue Nachricht aus den Wäldern Südosteuropas bei mir landete. Und da fühlt man sich hilflos. Die Asymmetrie unserer Lebensumstände war direkt, sozusagen symmetrisch, erlebbar, in der Gleichzeitigkeit des Chats, dem Live-Charakter der direkten digitalen Verbindung vom Lager im Wald in die Berliner Wohnung, vom Lastwagen eines Schleppers an den Bürotisch.
Von meinen Gefühlen der Hilflosigkeit und Wut, etwa auf die EU-Flüchtlingspolitik oder die Kriegsparteien, oder ganz konkret auf die Ereignisse, von denen Faiz mir berichtete, habe ich zunächst niemandem erzählt. Ich habe mir immer gesagt: „mir geht es ja so gut hier, da kann ich mit solchen Sensibilitäten nicht kommen.“
Das ist richtig und falsch zugleich.

Als ich mich bei meiner Zahnärztin wiederfand, weil ich wortwörtlich „die Zähne zusammen gebissen“ und Schmerzen hatte, habe ich mir endlich erlaubt anzuerkennen, dass mich dieser Dialog auch belastet. Das war auch der Punkt, ab dem ich begonnen habe, Freunden von der Kommunikation zu erzählen. Aus den Gesprächen ist überhaupt die Idee entstanden, den Text als Dokument zu veröffentlichen.

Was ist dir aus den Gesprächen am deutlichsten in Erinnerung?

Zunächst das viele unbeholfene Bedanken und sich Entschuldigen. Wir kannten uns ja im Grunde gar nicht; das war schon eine verrückte Situation. Dann der Versuch, trotz allem auch mal humorvoll zu sein.

Konntest du aus der Ferne tatsächlich Maßnahmen ergreifen? Im Text ist mehrmals die Rede davon, entsprechende Botschaften zu kontaktieren oder Geld zu schicken.

Viel konnte ich nicht machen. Ich war in Berlin in Kontakt mit Hozan, einem gemeinsamen Freund, der auch im Chat mehrfach erwähnt wird. Hozan ist selbst aus Syrien hierher geflohen und wusste konkreter, was möglich ist. Als Faiz in Serbien war, haben wir Kontakt zu NGOs dort aufgenommen und letztlich eine Anwältin in das Gefängnis geschickt, in dem Faiz und andere Flüchtende inhaftiert waren.
Durch neue serbische Gesetze war es möglich, dass sie eine Gruppe Syrer aus dem Gefängnis holt und sie 72 Stunden Zeit haben, das Land zu verlassen. Am gleichen Tag, als diese Gruppe nach Belgrad kam, flog ein Freund von mir dorthin, und ich konnte ihm etwas für Faiz mitgeben.

Was entgegnest du heute (erst recht) Menschen, die sich vor Flüchtlingsströmen und dem Fremden fürchten?

In meinem Umfeld begegne ich nicht vielen solcher Menschen, und ich kann natürlich niemandem seine Ängste nehmen. Grundsätzlich aber wundere ich mich darüber, wenn beispielsweise in Deutschland geborene Menschen ihre per Geburt erhaltenen Privilegien gar nicht als solche wahrnehmen, ihnen nicht bewusst ist, wie privilegiert sie sind, und dass sie es dem reinen Zufall zu verdanken haben, in einem reichen und zunächst friedlichen Land wie Deutschland zu leben.

Welche Maßnahmen, glaubst du, wären in der europäischen Flüchtlingspolitik dringend überfällig?

Ich bin keine flüchtlingspolitische Expertin. Die Flüchtlingsräte und Pro Asyl haben vernünftige Vorschläge dazu erarbeitet. Eine Militarisierung an den EU-Außengrenzen und darüber hinaus, wie jetzt geplant, ist ganz sicher der falsche Weg.

Am Ende ist zu lesen, dass Faiz mittlerweile in Schleswig-Holstein lebt. Habt ihr noch Kontakt? Was sagt er selbst zu der Veröffentlichung eures Dialogs?

Wir haben noch Kontakt, und Faiz kam zuletzt im April für eine Lesung nach Berlin.
Zunächst hatte ich auch aus dem Dialog ja ein Radio-Stück gemacht, und Faiz damals gefragt, ob er mit einer Veröffentlichung einverstanden ist. Er war zu der Zeit gerade in Rumänien, und der Ausgang seiner Flucht ungewiss. Er hat dennoch zugestimmt, man kann das auch im Text nachlesen.
Ich habe auch die einzelnen Schritte mit Faiz abgesprochen, wie Cover, Biographie usw.
Die Erlöse aus dem Text gehen an „Adopt a Revolution“, die zivilgesellschaftliche Arbeit in Syrien unterstützen.

Julia Tieke, geboren 1974, hat in Hildesheim Kulturwissenschaften studiert und beschäftigt sich freiberuflich mit „text, sound & around“. Seit 2007 ist sie Projektleiterin der „Wurfsendung“, dem ultrakurzen Hörkunst-Format von Deutschlandradio Kultur. Seit 2009 erarbeitet sie Features, Hörspiele und freie Audio-Projekte zum Nahen Osten/Nordafrika, beispielsweise mit dem „Alexandria Streets Project“ (2012) und „Trading Urban Stories“ (2014, beide mit Berit Schuck). Bei einer Recherchereise für ihr aktuelles Feature „Syria FM. Begegnungen mit Radiomachern zwischen Berlin und Aleppo“ (Deutschlandradio Kultur 2015, nachzuhören hier) hat sie Faiz in Gaziantep (Türkei) getroffen.

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