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John Cleese – Wo war ich noch mal?

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John Cleese, mittlerweile 75 Jahre alt, hat als Gründungsmitglied von Monty Python auf den britischen Humor maßgeblichen Einfluss ausgeübt. Die absurden, skurillen und konventionssprengenden Sketche aus Monty Pythons Flying Circus sind längst Kult, ganz abgesehen von Filmen wie ,Das Leben des Brian‘ oder ,Die Ritter der Kokosnuss‘. Wie es letztlich überhaupt zum Zusammentreffen der Gruppe kam, erzählt Cleese in seiner charmant abschweifenden Art.

Geboren in Weston-super-Mare, ist John Cleese in seiner Kindheit ein ziemlich großer und schlaksiger Junge ohne viele Freunde. Sein Vater ist ein gutmütiger Versicherungsvertreter, seine Mutter eine „Omniphobikerin“, wie er scherzhaft sagt. Eine Frau, die vor nahezu allem Angst hat, das eine gewisse Größe oder Lautstärke erreicht und aus dieser Notlage für wenig anderes als ihr unmittelbares Umfeld Interesse aufbringt. Im Cleese’schen Haushalt herrschte immer eine angespannte, übervorsichtige Atmosphäre. Man wusste schließlich nie, wann die Mutter wieder einmal Opfer eines ihrer Zornesausbrüche würde, ihre ständige Angst und Vorsicht hatten letztlich für ein äußerst löchriges Nervenkostüm gesorgt, – auch wenn sie das selbst niemals so gesehen hätte. Abgesehen von mütterlichen Extravaganzen jedoch bleibt seine Kindheit weitgehend ruhig und auch vom Krieg recht unberührt. Er ist ein ganz guter Schüler, besonders naturwissenschaftlich begabt. Von einem künstlerischen oder gar humoristischen Talent bemerkt das Lehrpersonal indessen wenig.

Einen Lehrer gab es, der mich ziemlich mochte, was zweifellos etwas damit zu tun hatte, dass ich ihn ziemlich mochte. Denn sonst mochte ihn keiner – vielleicht, weil er körperlich nicht besonders attraktiv war. Nein, das stimmt nicht. Ich wollte nur höflich sein. Er war hässlich. Gott,  was war er hässlich! So hässlich, dass er jeden Wettbewerb gewonnen hätte, ohne sich die Zähne rauszunehmen.

Nach seinem Abschluss arbeitet John Cleese einige Zeit als Lehrer für Geschichte, Geographie und Mathematik, bevor er sich entschließt, in Cambridge Jura zu studieren. Erste humoristische Erweckungserlebnisse gab es da bereits, z.B. die Goon Show, in der unter anderem Peter Sellers mitwirkte. Oder auch ,Beyond the Fringe‚ mit Peter Cook, Alan Bennett, Dudley Moore und Jonathan Miller. Diese Bühnenshow galt als grundlegend für den Aufstieg der Satire in der britischen Öffentlichkeit. Einige Jahre später sollten sich John Cleese und seine Kollegen bewusst gegen eine zu satirische Ausrichtung entscheiden, weil bereits ein Überangebot das Publikum deutlich übersättigt hatte. Es sollte anarchischer zugehen, verrückter. Für diesen Augenblick aber waren Künstler wie Peter Sellers, Alan Bennett und Peter Cook große Vorbilder. An der Universität wird er Mitglied des berühmten Footlights-Dramatic-Club (dem übrigens auch Douglas Adams einmal angehörte), in dem er spätere Wegbegleiter wie Graham Chapman, Eric Idle und Marty Feldman kennenlernt. Er geht mit ihnen auf Tour nach New York und Neuseeland; letzteres hat bei John Cleese wegen mangelnder Logik in der grundsätzlichen Lebensführung bleibenden Eindruck hinterlassen.

Als der amerikanische Schriftsteller und Zeichner James Thurber Humor als „emotionales Chaos“ bezeichnete, „an das man sich in aller Beschaulichkeit erinnert“, hatte er damit zugleich verdeutlicht, dass Dinge, die im Moment des Geschehens von großer Bedeutung scheinen, es üblicherweise nie sind, weshalb es auch keine Lieblosigkeit ist, wenn man über etwas lacht, das jemanden momentan aus der Fassung gebracht hat, ganz besonders, wenn man selbst dieser Jemand ist. Es gilt völlig zu Recht als gesund, über sich selbst lachen zu können.

Nach Abschluss des Studiums beginnt er für die BBC zu schreiben und später auch mit David Frost u.a. für den Frost Report zusammenzuarbeiten. Es entstehen Shows wie ,I’m Sorry I’ll Read That Again‘, ,At Last The 1948 Show‘ oder ,How To Irritate People‘. Aus früheren Tagen stammt der Sketch ,Annoying Train Passenger‘ mit Marty Feldman und John Cleese. Aufgrund des großen Erfolges wird das Autorenduo Cleese & Chapman sogar von Peter Sellers engagiert, für Cleese selbst schließt sich ein Kreis, nachdem er die Goon Show als Jugendlicher so bewundert hatte.

,Wo war ich noch mal‘ ist eine charmante, unterhaltsame und witzige Autobiographie, die glücklicherweise einen Fehler nicht begeht: sie sonnt sich nicht im Ruhm Monty Pythons. Tatsächlich trifft John Cleese sogar die sehr gute, wenn auch unerwartete Entscheidung, das Buch genau dort enden zu lassen, wo die Geschichte rundum Monty Python beginnt. Unter Umständen soll es einen zweiten Teil geben, der auch Cleeses zweite Lebenshälfte abdeckt, diese hier endet jedoch mit der Aufnahme des ersten Python Sketches. Wer große Lebenskrisen erwartet, wird bei Cleese nicht fündig, sein Einstieg ins Entertainment-Business wirkt überraschend geschmeidig und unkompliziert. Manchmal mag diese Mühelosigkeit die ein oder andere Länge im Buch produzieren, insgesamt aber liefert ,Wo war ich noch mal‘ nicht nur interessante Einblicke in Cleeses Leben, sondern auch in die britische Comedy-Szene der späten 60er und frühen 70er. Wie nicht anders zu erwarten, liest es sich trotz seines Umfangs leicht und schnell und enthält einige spannende Ideen darüber, was eigentlich lustig ist und wie genau es überhaupt lustig wird. Dabei bemerkt er, dass es heuzutage deutlich schwieriger ist, lustig zu sein, weil der Humor häufig daran gemessen werde, wie politisch korrekt er sei. Zu seiner Anfangszeit spielten solche Überlegungen selten eine Rolle. Insgesamt also: Ein lohnenswerter Pageturner für Leser mit aufrichtigem Interesse an der Person John Cleese.

Hervorheben muss ich an dieser Stelle allerdings leider noch einige Schreib – und Übersetzungsfehler, die unnötig häufig den Lesefluss stören. Übersetzungen wie: „selig sind die geistlich (!) Armen“ oder „Großbritisch“ (statt Great Britain) sind ebenso ärgerlich wie Verwechslungen zwischen ,dass‘ und ,das‘. Gewöhnlich übersehe ich Fehler, hier traten sie jedoch besonders im ersten Drittel deutlich zu gehäuft auf, das ist schade!

John Cleese: Wo war ich noch mal?, aus dem Englischen von Yvonne Badal, Blessing Verlag, 480 Seiten, 9783896675057, 22,99 €

4 Kommentare

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  2. Ach, dass das Buch zu dem Zeitpunkt endet, wusste ich nicht. Bin auf jeden Fall sehr gespannt darauf! Falls es einen zweiten Teil geben wird, ich habe mal gehört, dass John Cleese in der späteren Monty Python-Zeit doch eine Lebenskrise hatte (kann es aber nicht beschwören, müsste ich jetzt recherchieren). In den letzten Monty Python-Folgen erscheint er auch nicht mehr. Da kommt bestimmt noch was 😉

    • literaturen sagt

      Dass John Cleese in der letzten Python Staffel nicht mehr zu sehen ist, lag weniger an einer Lebenskrise als daran, dass er bewusst ausgestiegen ist. Er fand, dass die Pythons sich zu sehr wiederholten und die neuen Sketche oftmals eher Versatzstücke der alten waren. Das wollte er so nicht mehr weitermachen.

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