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Die Zukunft des Buches in Interviews

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Wie wird sich unser Lesen in den nächsten Jahren verändern? Wird Selfpublishing und ein erstarkendes Selbstbewusstsein unabhängiger Autoren die Verlagslandschaft verändern? Wo kann sich der Buchhandel positionieren? Wie wird die weitere Einbindung digitaler Medien in unseren Alltag die Mediennutzung generell verändern? Und wer reagiert darauf in welcher Weise? Martin Schmitz-Kuhl, freier Autor und Journalist, konfrontiert namhafte Akteure der Branche mit den drängendsten Zukunftsfragen rundum Buch und Buchhandel.

Als ich jüngst als Gast auf einer Podiumsdiskussion war, erhob sich schätzungsweise in der Mitte des Gesprächs eine Hand im Publikum: „Ich dachte, es würde hier noch mehr darum gehen, was aus dem Buch wird, wie die Zukunft aussieht, wohin das alles geht.“ Seitens anderer Zuhörer wurden im Laufe des Gesprächs immer wieder Bedenken laut – was wird denn aus den Verlagen, wenn amazon als Versandhaus sich mit Kindle Direct Publishing zum Verleger aufschwingt? (gerade in der FAZ dazu erschienen: Ein Artikel von Dana Buchzik über Selfpublisher ,Ich bin dann mal Autor‚) Wo positioniert sich das E-Book langfristig? Und wird es weiterhin Buchhandlungen geben? Man registriert allerorten, besonders auch bei Lesern, die selbst als Konsumenten am Ende der Distributionskette stehen, ein Gefühl zwischen Sorge und Neugier. Sie wünschen sich Orientierung, klare Prognosen, vielleicht auch Beruhigung, um sich die ein oder andere apokylaptische Phantasie noch ein paar Jahre vom Hals zu halten. Natürlich sind Vorhersagen über die Zukunft immer ein zweischneidiges Schwert, man kann es nie genau wissen. Weitgehens durchgesetzt hat sich sicherlich die Ansicht, dass sich zukünftig ein hybrider Medienkonsum durchsetzen wird. Weder wird das E-Book das Printbuch kannibalisieren noch wird das Printbuch seine vermeintlich minderwertige Digitalvariante wieder verdrängen. Ebenso könnten sich Mischverhältnisse in Bezug auf das Kuratieren und Veröffentlichen von Büchern herausbilden. Autoren könnten künftig zwar partiell die Dienstleistungen von Verlagen in Anspruch nehmen, sich an anderer Stelle aber auch ganz bewusst für das unabhängige Publizieren entscheiden. Verlage „sind nicht mehr das Nadelöhr, sondern sie werden eher zu einem mitdenkenden Helfer, der zusammen mit den Schriftstellern Bücher entwickelt.„, sagte Hanser Verleger Jo Lendle kürzlich in einem Interview mit dem NDR. Bedroht sieht er den Verlag als Institution jedoch nicht.

booksbookster2Martin Schmitz-Kuhl, der schon bei dem Projekt bookster-frankfurt mitwirkt, hat nun Interviews mit verschiedenen Akteuren der Branche zu einem „Interviewbuch“ gebündelt, in dem alle Interessierten Einblick nehmen können in fachkundige Ideen zur Zukunft der Branche. Dabei sind

  • Nina Hugendubel, geschäftsführende Gesellschafterin von Hugendubel
  • Till Weitendorf, Mit-Gesellschafter und -Geschäftsführer des Oetinger Verlages,
  • Volker Oppman, Gründer des Independentverlages Onkel & Onkel sowie Mitbegründer von LOG.OS
  • Sascha Lobo, Blogger, Autor und Journalist, Gründer von sobooks
  • Beate Kuckartz, Verlegerin des Münchner E-Book Verlages dotbooks
  • Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins
  • Jens Klingelhöfer, geschäftsführender Gesellschafter von Bookwire
  • Dr. Harald Henzler, Geschäftsführer smart digits sowie Mitbegründer von Flipintu
  • Dr. Okke Schlüter, Professor im Verlagstudiengang Mediapublishing an der Hochschule der Medien in Stuttgart
  • Matthias Matting, Autor, Journalist, Betreiber der Self-Publisher-Bibel
  • Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse

Sie alle werden in Einzelgesprächen darum gebeten, ihre Visionen und Ideen darzulegen, zu erklären, weshalb sie sich für diese oder jene Herangehensweise entschieden haben und welche Einschnitte die Branche zu erwarten hat. Das geschieht auf jeweils sehr reflektierte Art und Weise, was nicht zuletzt auch Schmitz-Kuhls kritischem Nachhaken zu verdanken ist, das sich selten mit der ersten Antwort zufriedengibt. Ein Schlüsselthema, das bisher noch in seinen Kinderschuhen zu stecken scheint, ist das Social Reading, dem sich Volker Oppman und Sascha Lobo mit ihren jeweiligen Projekten auf ganz unterschiedliche Weise annähern. Während sobooks bereits realisiert ist, bleibt LOG.OS als unabhängige Plattform für digitale Inhalte bisher noch Zukunftsmusik. Beide reagieren auf ein verändertes Lese – und Mediennutzungsverhalten und damit verbundene Hemmnisse (wie z.B. geschlossene, untereinander nicht kompatible technische „Ökosysteme“, durch die mit dem Wechsel von einer Plattform zur anderen unweigerlich Datenverlust einhergeht). Aber auch auf die Forderungen nach Datensicherheit oder – wie Sascha Lobo sagt: Datensouveränität. Der vielbeschworene gläserne Leser, dessen Leseverhalten aufgezeichnet und an Konzerne oder Verlage zur Optimierung ihres Produkt übermittelt wird, ist in Zusammenhang mit Social Reading immer wieder ein Thema. Die Daten potentieller Kunden sind heißbegehrt.

Das Sammeln von Kundendaten ist in unserer Wirtschaft inzwischen ein elementarer Bestandteil, damit diese funktioniert, ob bei Mobilfunkunternehmen oder der Öko-Kiste für Gemüse und Obst. Und aus betriebswirtschaftlicher Sicht kann man eigentlich keinem Unternehmen und auch keinem Verlag raten, nicht wissen zu wollen, wer seine Kunden sind. Sonst ist man heutzutage einfach nicht mehr überlebensfähig.
-Harald Henzler

Man ist sich einig darüber, keine Konkurrenzplattform zu amazon aufbauen zu können. Überhaupt mit amazon zu konkurrieren, sei allenfalls durch Kooperationen wie die tolino-Allianz möglich. Der tolino als Alternativprodukt zu amazons Kindle hat sich mittlerweile etablieren können. Die Stimmung ist nicht etwa gedrückt oder allgemein fatalistisch, Till Weitendorf gilt bei einigen als innovatives Vorbild. Mit Tigerbooks oder Oetinger34 wird im Hamburger Familienbetrieb einiges ausprobiert. Was sich davon letztlich in welcher Weise langfristig durchsetzen kann, ist natürlich ungewiss. Aber probieren geht über studieren. ,Books & Bookster – die Zukunft des Buches und der Buchbranche‘ ist ein hochinteressantes Stimmungsbild, das mehrere Perspektiven beleuchtet und dadurch ungemein an Vielfalt gewinnt. Man muss längst nicht mit allem übereinstimmen, was hier prophezeit wird. Aber man kann diese Gespräche als Einstieg in die Erforschung diverser Möglichkeiten nutzen, wie eine alteingesessene Branche mit ihren ganz eigenen Erschütterungen umgeht. Das Buch ist nicht tot. Die Verlage sind nicht am Ende. Es findet ein Wandel statt, dem gegenüber die allermeisten mittlerweile aufgeschlossen gegenüberstehen. Hiermit sei also eine unbedingte Empfehlung ausgesprochen für diese Sammlung, die glücklicherweise mit Crowdfunding und Stiftungsfinanzierung realisiert werden konnte. Schon als Zeitdokument, als Status Quo. Ich bin gespannt, was wir in zwanzig Jahren dazu sagen.

Martin Schmitz-Kuhl (Hrsg): Books & Bookster – Die Zukunft des Buches und der Buchbranche, Bramann Verlag, 256 Seiten, 9783934054615, 28 €

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