Rezensionen, Romane
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Lorenza Gentile – Teo

Wenn Eltern sich streiten, dann läuft das in drei Phasen ab. In der ersten schreien sie, in der zweiten schweigen sie, in der letzten verschwindet einer von beiden und kommt nicht mehr wieder. Das kann Teo natürlich nicht zulassen. Also versucht er, Rat von jemandem einzuholen, der doch noch nie eine Schlacht verloren hat – Napoleon Bonaparte.

Teos Eltern sind mittlerweile in Phase zwei. Sie reden kaum noch miteinander, gehen sich aus dem Weg so gut sie können. Streitereien entfachen sich an Kleinigkeiten und brennen schier alles restlos nieder, was die Familie jemals verbunden hat. Überall herrscht eine eisige Stimmung, von der einstigen Herzlichkeit ist wenig geblieben. Erklären will Teo aber niemand, was eigentlich los ist, dafür ist er viel zu klein. Acht Jahre gerade erst – was sollte er schon verstehen von den Problemen der Erwachsenen? Auch seine Schwester Matilde ist ihm keine große Hilfe, die scheint mit ganz anderen Dingen beschäftigt zu sein. Mit Make-Up, Jungs und ihrer Taille.

Vor anderen lächeln meine Eltern immer. Wie bei den Schulaufführungen, wo du so tun musst, als wärst du jemand, der du nicht bist. Darum kann man vieles von außen nicht verstehen, und wer die beiden nicht gut kennt, kann nicht wissen, dass sie zuhause fast nicht mehr miteinander sprechen, ohne laut zu werden, zu fluchen und Türen zu knallen.

Zum Geburtstag haben seine Eltern Teo dieses Jahr einmal etwas geschenkt, worüber er sich freut. Diesmal keine Socken. Diesmal ein Buch über den Feldherrn Napoleon, einen Held, der jede erdenkliche Schlacht erfolgreich geschlagen und unzählige Siege errungen hat. Einer, der ganz genau wissen muss, wie man eine Situation zum Guten wendet. Dass Napoleon schon lange tot ist, stört Teo erst einmal gar nicht, schließlich hat sein Vater ihm schon oft von Orpheus erzählt, der ins Totenreich stieg, um seine Eurydike zurückzuholen und von dieser Reise wieder zu den Lebenden zurückkehrte. In seinem Kopf nimmt die fixe Idee Gestalt an, dass nur der tapfere Napoleon ihm dabei helfen kann, seine Eltern wieder zueinanderzuführen. Eine Trennung zu verhindern. Die Streiterei zu beenden. Und als ihm bewusst wird, dass das womöglich bedeutet, selbst dorthin zu gehen, wo Napoleon jetzt ist, trifft er eine Entscheidung, die er als ein Junge von acht Jahren unmöglich begreifen kann. Er muss auch „unsichtbar“ werden, – sterben also -, um Napoleon zu finden.

Ich fühlte eine riesige Leere irgendwo in mir drin, als hätte ich Hunger auf Luft, und viele Nadeln im Gesicht, die stachen. Ich biss die Zähne zusammen und runzelte die Stirn, um nicht zu weinen. Das ist ein uralter Trick, der immer funktioniert.

Lorenza Gentiles Debütroman ist eine zärtliche und sanfte Geschichte, die trotz ihrer hintergründigen Tragik eine erstaunliche Leichtigkeit entwickelt. Gänzlich aus der Sicht des achtjährigen Teos erzählt, bekommt man Einblick in die kindlich-naive Vorstellungswelt des Protagonisten, der sich doch nichts weiter wünscht als Glück und Harmonie in seiner Familie – und dafür eine ganze Menge zu tun bereit ist. Neben diesem offensichtlichen Handlungsverlauf rundum die Suche nach Napoleon gestattet es sich die Autorin auch, ganz allgemein über Leben und Tod zu philosophieren. Je nachdem, wen Teo fragt, erhält er unterschiedliche Antworten darauf, wo Napoleon jetzt wohl sei, wo er doch tot ist. Als Kind hat Teo freilich keine Vorstellung vom Tod und so sagt mancher, er müsse in Himmel oder Hölle suchen, sein Kindermädchen ist überzeugt davon, dass wir alle wiedergeboren werden und so mancher als etwas furchtbar Hässliches, wenn er böse und unehrlich war. Ganz unbefangen und nebenbei setzt sich Teo so mit verschiedenen Konzepten von Tod und Leben auseinander, auf eine derart charmante und offenherzige Art wie es eben nur ein kindlicher Protagonist kann.

Sterben ist etwas, was alten Leuten passiert, nicht Kindern. Im Fernsehen hatte ich einmal gehört, wenn ein Kind stirbt, stirbt eine Möglichkeit.

Was leicht ins Morbide oder Geschmacklose driften könnte, versteht Lorenza Gentile auf märchenhafte und leichte Weise an den Leser zu heranzutragen. Und so eignet sich ,Teo‘ tatsächlich nicht nur für Erwachsene, sondern auch für eine Lektüre gemeinsam mit Kindern (in Teos Alter und etwas älter). Man muss bereit sein, sich auf den Blickwinkel eines kindlichen Erzählers einzulassen, nur seine Sicht der Dinge zu erfahren. Aber wenn man dazu bereit ist, wird man belohnt mit einer rührenden Geschichte über das Leben, Freundschaft und den Tod. Watteweich, aber dabei nicht flach oder belanglos, das ist Lorenza Gentiles Debütroman ,Teo‘.

Hier ein Trailer, der auf den Zeichnungen der Autorin beruht:

Lorenza Gentile: Teo, aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, dtv Verlag, 200 Seiten, 9783423280518, 18,90 €

5 Kommentare

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  2. Liebe Sophie,

    eine wunderbare Rezension. Ich freue mich sehr, dass dir das Buch gut gefallen hat. Es rutscht gleich mal ein paar Plätze weiter hoch in der Leseliste 2015. Die Perspektive erinnert mich etwas an „Wunder“ von R. J. Palacio. Das gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern.

    Liebe Grüße aus der Nische
    Sandra

  3. Pingback: {Coming soon} Buchvielfalt im Mai | Büchernische

  4. Liebe Sophie,

    wow wow wow. Ich bin wirklich begeistert. Über deine Zeilen und dieses Buch. Ich darf es mir nicht entgehen lassen, davon bin ich nach deiner Rezension überzeugt. Es scheint sich um einen besonders einfühlsamen Schatz zu handeln. Ich mag es, wenn Autoren alltägliche Probleme aus Kinderaugen betrachten und sie uns damit neue Blickwinkel auf die Welt schenken.

    Herzliche Montagabendgrüße,

    Steffi

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