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Jürgen Bauer – Was wir fürchten

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In einer Familie aufzuwachsen, die vom Wahn und der Angst des Vaters geprägt sind, muss unweigerlich Spuren hinterlassen. Angst als Schutz ist überlebenswichtig, Angst als Kontrollmaßnahme ist zum Scheitern veurteilt. Jürgen Bauers Roman ist nicht nur ein galantes Verwirrspiel zwischen Wahn und Wirklichkeit, sondern der gelungene Beweis dafür, dass nicht alles im Leben kontrollierbar ist.

Manchmal sind es nur Nuancen, die die krankhafte von der gesunden und durchaus erhaltenswerten Angst unterscheiden. Das Gefühl von Angst in all seinen Symptomen versetzt den Körper in Alarmbereitschaft, um rasche Flucht aus einer Gefahrensituation zu gewährleisten. So weit, so nützlich. Kippt die Angst aber ins Pathologische, kann sie einen Menschen im schlimmsten Fall nahezu lebensunfähig machen. So wie Georgs Vater, dessen Ängste pranaoide Form angenommen haben. Regelmäßig verschwindet er für einige Zeit im Krankenhaus und wird mit speziellen Medikamenten wieder ruhiggestellt. Mit dieser Unberechenbarkeit, mit den Schlagworten seiner Eltern wächst er auf: „Du bist paranoid, halt den Mund und sei still.“ Georg lernt früh, dass das Leben nicht stabil und gleichförmig verläuft. Dass hinter jedem Menschen ein ganz anderer stecken kann, ganz gleich, wie gut man ihn zu kennen meint.

Unser Familienleben war immer bedroht, ich konnte keinen fröhlichen Tag einfach nur genießen, wie andere Kinder, weil ich immer wusste, dass unsere Harmonie bedroht war. Ich habe früh jede Illusion darüber verloren, was normal ist. Normalität muss erarbeitet und dann kontrolliert werden.

Auch er selbst entwickelt früh Ängste vor allem, was sich seiner Kontrolle entziehen könnte. Vor anderen Menschen, vor Krankheiten, seinem Körper, seinen Gefühlen. Auf die Spitze getrieben wird das zum ersten Mal, als die Mutter eines Freundes tot in einem Erdbeerfeld gefunden wird und Georg es als einziger für einen offensichtlichen Giftmord hält. Zum zweiten Mal viele Jahre später, als er, bereits verheiratet, am Wiener Naschmarkt in einen Unfall gerät und seine Angst bestätigt sieht, verfolgt und beobachtet zu werden. Er bricht daraufhin alle Zelte ab und verschwindet aus seinem bisherigen Leben, um völlig vereinsamt und eremitisch in einer Wohnung zu hausen, in der er die Fenster mit Alufolie abklebt und gegen sich selbst Schach spielt. Was für ihn nach einem kontrollierten Leben aussieht, wirkt nach außen hin völlig außer Kontrolle.

Sehen Sie, und das ist der Unterschied zwischen uns beiden. Meine Angst braucht keinen Anlass, meine Angst ist wie Atmen, wie mein Herzschlag oder meine Verdauung. Meine Angst ist immer bei mir, selbst wenn sie mir nicht in jeder Sekunde bewusst ist. Sie hat ihren Sitz in mir und gibt es Rhythmus meines Lebens vor.

Jürgen Bauer komponiert entlang zahlreicher Schlüsselsituationen einen authentischen und fesselnden Roman, der weit mehr ist als eine Schicksals – und Zustandsbeschreibung eines Kranken. Nicht nur für Georg fließen seine Angstvorstellungen und die Realität ineinander, auch als Leser zweifelt man mit Fortschreiten der Handlung daran, wessen Schilderungen man trauen kann, wo die Wahrheit aufhört und die Fiktion eines überreizten Geistes beginnt. Zwischen den rein erzählerischen Kapiteln bettet Jürgen Bauer immer wieder auch Fetzen eines Gesprächs, das Georg offensichtlich nach all diesen Erlebnissen mit einer fremden Person führt. Über diesem Schlagaubtausch blitzt ab und an die Binsenweisheit auf: Just because you’re paranoid don’t mean they’re not after you.

,Was wir fürchten‘ besticht bis zum Schluss durch eine klare und pointierte Sprache, die durch stetige Wiederholungen einiger Gedanken das Zirkuläre und Repetitive einer Angsterkrankung hervorragend spiegelt. Was, wenn doch? Was, wenn es doch anders wird, als es bisher immer war? Es liegt etwas Getriebenes darin, auf alles vorbereitet sein zu wollen. Und natürlich stellt sich für jeden die Frage: Wie viel kann und sollte ich in meinem Leben kontrollieren? Ein Übermaß an Kontrolle führt zu Gefangenschaft durch die eigenen Prinzipien und Riten. Wie auch ein Übermaß an Sicherheit zwangsläufig die Freiheit beschneiden muss. Ein intelligenter, ein vielschichtiger und tragischer Roman über ein Aufwachsen im Ungewissen und das außer Kontrolle geraten von Kontrolle. Sehr empfehlenswert!

Jede Hilfe ist Manipulation, ein Eingriff in mein Leben, den ich nicht dulden kann.

Hier könnt ihr ein kurzes Interview mit und einen Textausschnitt von Jürgen Bauer hören.

Jürgen Bauer: Was wir fürchten, Septime Verlag, 264 Seiten, 9783902711380, 21,90 €

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