Kultur
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Die Buchmacher in Lübeck

Der Weidle Verlag

Die Buchbranche und das Buch ganz allgemein werden immer wieder zum Gegenstand von düsteren Prophezeiungen nostradamischen Ausmaßes. Wie lange wird es das Buch noch geben? In welcher Form wird es überleben können? Tippen wir in zehn Jahren nur noch apathisch alle paar Sekunden auf einen Bildschirm? Glücklicherweise besitzt niemand von uns die Kompetenz, sichere Prognosen für die Zukunft aufzustellen. Wir können nur erahnen, wie sich die Buch – und Verlagsbranche den Bedürfnissen zukünftiger Generationen werden anpassen müssen. Nicht nur erahnen, sondern deutlich sehen konnte man am Freitag und Samstag in Lübeck, dass es entgegen aller Unkenrufe eine rege Verlagslandschaft abseits großer Verlagshäuser wie Random House oder Bastei Lübbe gibt. In der St.Petri Kirche stellten sich eineinhalb Tage lang unabhängige Verlage und ihre Bücher einem interessierten Publikum vor.

Lesungen, Buchvorstellungen und Diskussionsrunden sollten nicht nur Einblicke in die jeweiligen Verlagshäuser gewähren, sondern auch ganz grundsätzlichen Fragen nachspüren: Wie und warum gründet man „kleine“ Verlage? Wie finanziert man sich in Zeiten, wo das Lesen vermeintlich uncool geworden ist? Wie reagiert man auf die Umwälzungen der Digitalisierung, auf das ominöse E-Book? Es sind Themen, die immer wieder in Zusammenhang mit Verlagen und dem Buchhandel diskutiert werden. Sie sind nicht mehr neu oder bahnbrechend. Bei den Unabhängigen herrscht jedenfalls mitnichten lähmende Zukunftsangst, man ist sich überwiegend einig darin, dass es weiterhin Bücher geben und das E-Book als gute Ergänzung seinen Platz finden wird. Wer jedoch an den letzten Tagen die Stände der siebzehn teilnehmenden Verlage besuchte, dem wurde schnell klar, dass so manch ein liebevoll gestaltetes Buch als Digitalvariante einigen Charme verlöre.

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Wer als Kunde eine Buchhandlung betritt, den kümmert in der Regel wenig, aus welchem Verlagshaus ein Buch stammt, solange es gut ist, spannend, bereichernd und vielleicht auch besonders. Umso lohnenswerter war es, sich an diesen eineinhalb Tagen für besondere Bücher sensibilisieren zu lassen. Was gibt es abseits dessen, was ich schon kenne? Wo kann ich neue Entdeckungen machen? Die Mischung der teilnehmenden Verlage war wohltuend ausgewogen, mit Reprodukt wurde die Vielfalt außerdem auch durch einen klassischen Graphic Novel Verlag bereichert. Es gibt gute Gründe, sich trotz rund 90.000 Neuerscheinungen im Jahr mit denen unter ihnen zu beschäftigen, die mehr um Aufmerksamkeit kämpfen müssen als andere. Daniel Beskos, Verleger des mairisch-Verlages, äußerte sich auf dem Podium hinsichtlich der Bücherflut, unter der Buchhändler wie Leser gleichermaßen ächzen so: „Wir wollen weniger Bücher machen. Diese wenigen dafür aber liebevoll und gut.“ Auch Hanna Mittelstaedt von der Edition Nautilus äußert sich ähnlich: „Wir machen seit Jahrzehnten immer nur sieben Titel im Halbjahr.“ Diese Qualität spürt man deutlich, wenn man sich die Werke genauer ansieht. Es ist ein gewollter Entschleunigungsprozess der Buchbranche, der deutlich mehr Wert auf Gestaltung und Betreuung eines Titels legt als auf dessen Massentauglichkeit. Ein solches Credo nagt natürlich immer wieder an den Finanzen und so wurde auf dem Podium auch über Verlagsförderungen gesprochen. In Österreich und der Schweiz können Verlage als Kultureinrichtungen staatlich subventioniert werden, in Deutschland ist so etwas bisher nicht möglich. Hier gelten Verlage als Wirtschaftsunternehmen.

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Es war das erste Mal, dass in Lübeck eine solche Veranstaltung stattgefunden hat. Es war ein erster Testballon für eine gute und wichtige Idee. Kultur bedeutet Vielfalt, auch in der Verlagsbranche. Aber mindestens ebenso auch in der Buchhandelslandschaft. Und so muss zum Schluss doch erwähnt werden, dass sich organisatorisch im nächsten Jahr – es wurde sich einhellig seitens der Verlage und Organisatoren dafür ausgesprochen, diese kleine Indie-Messe nach Möglichkeit zu wiederholen – hinsichtlich der Einbindung des örtlichen Buchhandels dringend noch einiges ändern muss. Unabhängige Buchhandlungen haben oft bedeutend mehr Spielraum, genau jene unabhängigen Verlage zu unterstützen, von denen hier die Rede war. Und in Lübeck gibt es mit der Buchhandlung Langenkamp, dem Pressezentrum und Arno Adler gleich drei Buchhandlungen im Zentrum der Stadt, die in diese Veranstaltung nicht eingebunden und komplett außen vor gelassen wurden. Viele wussten gar nicht, dass sie überhaupt stattfindet. Es gab keine Werbematerialien, mit denen in den Läden die Veranstaltung an den Kunden hätte herangetragen werden können. Das sorgte für einigen Unmut, der vermeidbar gewesen wäre. Wenn sich an dieser Stelle im nächsten Jahr etwas verändert, stehen die Chancen gut, dass sich hier eine Kleinstmesse etabliert, die mit entsprechender Presse auch über Lübecks Stadtgrenzen hinaus ein Publikum finden kann!

Zuletzt noch eine Liste der Verlage, die dabei waren:

mairisch Verlag | Lilienfeld Verlag | AvivA Verlag | weissbooks | Kunstmann Verlag | Weidle Verlag | Matthes & Seitz | binooki | Verbrecher Verlag | Voland & Quist | Wallstein Verlag | Reprodukt | Jung und Jung | Transit Verlag | Berenberg Verlag | Edition Nautilus | zu Klampen Verlag

3 Kommentare

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  2. Liebe Sophie,

    hach, da wäre ich sehr gerne dabei gewesen! Also vielen lieben Dank für deinen schönen und sehr interessanten Bericht (plus die tollen Fotos) über das Indiebookweekend in Lübeck. Ja, wirklich schade, dass nur so wenige ortsansässige Buchhandlungen davon wussten. Aber im nächsten Jahr – ich hoffe doch sehr, dass es eine Fortsetzung gibt – wird das hoffentlich nicht mehr vorkommen. So dass noch mehr Lübecker diese bemerkenswerte unabhängige Verlagswelt kennenlernen werden.

    Ganz herzlich
    Klappentexterin

  3. Manuela Gewin-Bock sagt

    Liebe Sophie,
    Danke! für den tollen Bericht, für dein Plädoyer für die Buchhandlungen, die „vergessen“ wurden und dafür, dass du mich angestiftet hast, die Buchmesse doch noch zu besuchen. So habe ich etliche Verleger getroffen und die Menschen kennengelernt, die hinter den tollen, außergewöhnlichen Verlagsprogrammen stehen. Diese Begegnungen hätte ich auch vielen Kollegen aus dem Buchhandel gegönnt (nicht nur aus Lübeck) und vielleicht könnte man bei einer Neuauflage auch den Börsenverein zumindest informieren, sodass die norddeutschen Kollegen die Chance bekommen, daran teilzunehmen.

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