Erzählungen, Rezensionen
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Michael Weins – Sie träumt von Pferden

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In Michael Weins‘ Geschichten mit Tieren kann schonmal ein Wolf mit Mariacron auf seiner Wohnwagen-Ottomane sitzen und den einstigen Ruhm betrauern. Riesige Teddybären aus blauem Plüsch können einen ganz fest ans Herz drücken oder Katzen neben Kindern eine leerstehende Ruine bewohnen. Ihnen allen eigen aber ist die Einfühlsamkeit und Aufrichtigkeit, mit der sie erzählt sind. Man muss sie dafür lieben.

Sanfter Regen fällt wie eine Markise vor den Träumen der Welt.

Sehr oft in Michael Weins‘ Geschichten geht es um schmerzliche Erfahrungen. Schon in Goldener Reiter drehte sich alles um einen Jungen, der mit der psychotischen Erkrankung seiner Mutter umgehen musste; geschrieben vor einem autobiographischen Hintergrund. Weins arbeitet selbst als Psychologe und kommt so gleichsam ständig in Kontakt mit den leidvollen Erfahrungen anderer. Das Besondere ist die Art, wie er sie in Worte kleidet, wie er Geschichten daraus spinnt, die trotz ihres häufig traurigen Inhalts stärkend und aufbauend sind, wie er aus Individuellem Universelles macht. Eben jenen Zauber kann man nun auch wieder in ,Sie träumt von Pferden‚ entdecken. Hier geht es um einen Jungen, der sich in seiner Außenreiterrolle dafür entscheidet, den Wolf zu besuchen, der in einem Wohnwagen etwas außerhalb des Viertels sehr abgeschottet lebt. Er war einst berühmt als ,der große böse Wolf‘, bekannt aus Geschichten mit Zicklein, Schweinen und einem Mädchen mit roter Kappe. Jetzt gilt er bloß noch als verweichlichter „Schwuli“, wie die Jungs auf ihren fuchsschwanzdekorierten Motorrädern sagen. Und weil der Junge ihn besucht, gerät er mindestens ebenso schnell ins Fadenkreuz der Halbstarken. Durch eine kleine Lüge lässt er sich schließlich zu einer ungeheuerlichen Tat hinreißen.

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(…) und ich höre dabei zu, wie ein ganz sonderbarer Laut aus meiner Brust entweicht, ein Laut, den man in ein Einmachglas mit Luftlöchern im Deckel stecken müsste, ein grünes Blatt als Nahrung hinein und den Deckel zuschrauben, ein kleiner pelziger Laut, der sich windet und dreht auf dem Boden des Glases, der sich verpuppt mit etwas Glück, und vielleicht entsteht eines Tages daraus etwas Schönes.

Oft sind es Kinder, die alleingelassen sind mit den Widrigkeiten ihres Lebens. Wie das „Schildkrötenmädchen“ Johanna, deren Vater ein Trinker und deren Job es ist, wie sie selbst zynisch sagt, die Toiletten zu putzen. Und am Morgen die leeren Flaschen in den Keller zu bringen. Ihr Bruder ist von zuhause weggelaufen und sie muss Stillschweigen darüber bewahren, wo er sich aufhält. Oder das Mädchen, deren Mutter mehr einem Tier an der Leine gleicht als einer fürsorglichen Vertrauensperson. Man kann viele von Michael Weins‘ Geschichten auf ganz unterschiedliche Weise lesen und verstehen. So ist die Mutter an der Leine freilich auch ein hervorragendes Bild für einen über die Grenzen des Kindseins hinaus wirkenden Einfluss, den manche Eltern ausüben. Man trägt und führt ihn mit sich, wohin man auch geht.

Sie erinnert mich daran, dass wir Tiere sind, angezogene Tiere, und dass das gut ist. Ich bin einverstanden damit.

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Es ist das Tierische im Menschen und das Menschliche im Tier, das in den Geschichten immer wieder anklingt. So manche Erzählung wirkt wunderlich, absurd, niemals aber verliert eine von ihnen den Humor. Manchmal ist es Galgenhumor, freilich, aber wer auch den verliert, ist schutzlos ausgeliefert. Mit einer unheimlich bildhaften und poetischen Sprache lenkt Michael Weins durch seine Geschichten, die Illustrationen von Katharina Gschwendtner fangen die traumartige Atmosphäre brilliant ein und bilden sie ab. ,Sie träumt von Pferden‚ ist ein brilliantes, ein wunderschönes, ein verträumtes und grundehrliches Buch (innen wie außen!) über das Leben und wie es eben manchmal so spielt. Und gleichzeitig gibt es das ein oder andere Rüstzeug an die Hand, um gelegentlich mitzuspielen. Eine eindringliche Empfehlung an dieser Stelle!

Michael Weins: Sie träumt von Pferden, mit Illustrationen von Katharina Gschwendtner, mairisch Verlag, 128 Seiten, 9783938539354, 16,90 €

5 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Michael Weins – Sie träumt von Pferden - #Bücher | netzlesen.de

  2. Vielleicht sollte ich mir abgewöhnen, vor Verfassen meiner eigenen andere Rezensionen zu lesen – du hast quasi genau das wiedergegeben, was mir auch schon in den Fingern juckt.

    Ein wirklich lohnendes Buch voll bezaubernder neuer Ideen und Sichtweisen.

    • literaturen sagt

      Ja, deshalb mache ich das grundsätzlich nicht. 😉 Aber schön, dass du ähnlich über dieses wunderbare Buch denkst!
      LG

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