Krimi, Rezensionen
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Melanie Raabe – Die Falle

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Eine anerkannte und von der Kritik geschätzte Autorin hat seit elf Jahren das Haus nicht verlassen. Das hat ihr nicht nur den Ruf eingebracht, etwas eigenartig und exzentrisch zu sein, sondern öffnet Spekulationen über ihre Existenz immer wieder Tür und Tor. Nichts deutet auf eine große Veränderung hin, bis Linda Conrads eines Tages im Fernsehen das Gesicht eines Mörders erblickt. Nicht nur irgendeines Mörders. Dieser Mann hat ihre Schwester getötet.

Linda Conrads schreibt Prosa. So ist es immer gewesen. Feingeistig, ästhetisch anspruchsvoll und mit psychologischer Finesse. Sehr zum Ärger ihres Verlegers entscheidet sie sich plötzlich für einen Genrewechsel, der stilistisch kaum rabiater sein könnte – sie möchte einen Thriller schreiben. Aber nicht etwa, weil sie plötzlich ihre Leidenschaft für gefällige Spannungsliteratur entdeckt hätte, sie möchte mit diesem Roman dem Mörder ihrer Schwester Anna eine Falle stellen. Es ist bereits über ein Jahrzehnt her, dass Anna in ihrer Wohnung mit sieben Messerstichen getötet wurde, neben ihr lag ein Strauß Blumen. Linda fand sie tot und sah den Mörder fliehen. Bei einer Tat, die mit solcher Brutalität begangen wird, sind sich die Ermittler schnell sicher, dass es sich um eine Beziehungstat handeln muss. Aufgeklärt wird der Fall dennoch nie. Und Linda entfremdet sich als Zurückgebliebene nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von der Welt im Allgemeinen. Ihr Haus am Starnberger See wird fortan ihr Refugium, ihre Welt und ihre Wirklichkeit.

Dinge, die es nicht gibt in meiner Welt: Kastanien, die plötzlich vom Baum fallen. Kinder, die mit den Füßen durch Herbstlaub rascheln. Kostümierte Menschen in Straßenbahnen. Schicksalhafte Zufallsbegegnungen. Kleine Frauen, die von ihren großen Hunden durch die Gegend gezogen werden, als führen sie Wasserski. Sternschnuppen. Entenküken beim Schwimmunterricht. Sandburgen. Auffahrunfälle. Überraschungen. Schülerlotsen. Achterbahnen. Sonnenbrand.

Nachdem sie an einem Abend plötzlich das Gesicht von Viktor Lenzen, einem landesweit bekannten Journalisten, im Fernsehen sieht, ist sie sicher, dass ihr dieser Mann sehr bekannt vorkommt. Sie beschließt, einen neuen Roman zu schreiben. Ein Thriller soll es sein, der den Mord an ihrer Schwester so detailgetreu wie möglich widergibt. Dann will sie Lenzen zu einem Interview bitten, nur ihn, ausschließlich, um Antworten auf die so drängende Frage zu erhalten, warum er ihre Schwester vor elf Jahren getötet hat. Warum Anna? Und warum hat er sie gehen lassen? Wenn sie schon das Haus nicht verlassen kann, muss sie dafür sorgen, dass er zu ihr kommt. Dafür ist sie auch bereit, ihr erstes Interview seit Jahren zu geben. Sie stellt ihm eine wohlüberlegte Falle – aber wer kann schon wissen, welche Vorbereitungen die Gegenseite trifft?

Eine Falle bezeichnet eine Vorrichtung zum Einfangen oder Töten. Eine gute Falle sollte zweierlei sein: sicher und simpel.

Melanie Raabe umschifft mit ihrem Debüt gekonnt viele Spannungsklischees, an denen die Geschichte unweigerlich zerbrochen wäre. Man ist ihr dankbar, dass sie nicht die erstbesten Lösungen für eine überraschende Wendung hineinschreibt und dass sie sich nicht für ein so stereotypes wie kitschiges Ende entscheidet, obwohl es nahelag. Man kann weder behaupten, dass Raabes Roman sich unzureichend an der Blutrünstigkeit so manch anderer Thriller orientiert hätte noch dass er stattdessen, schließlich spielt er in Deutschland, unangenehm provonziell ausgefallen wäre. Mit viel Geschick lässt sie den Leser immer wieder auf falsche Fährten anspringen, die sie legt, in Fallen tappen, die sie aufstellt. In die Handlung eingebettet sind Ausschnitte des von Linda Conrads geschriebenen Thrillers. So entsteht eine Art doppelte Erzählung, eine verortet in der Gegenwart, die andere versehen mit Rückblenden; eine vermeintlich fiktiv, die andere sehr real. Es ist ein Kniff, der die Spannung erhöht und den Leser unkompliziert über damalige Abläufe ins Bild setzt. ,Die Falle‚ ist ein gelungener Spannungsroman, psychologisch gut komponiert, temporeich und bis zum Schluss überraschend!

Melanie Raabe: Die Falle, btb Verlag, 352 Seiten, 9783442754915, 19,99 €

Mehr Informationen und Termine auf Melanie Raabes Homepage.

4 Kommentare

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  3. Ich fand diesen Krimi auch sehr spannend, allerdings habe ich ihn als Hörbuch „gelesen“ – seit der Geburt meiner Tochter bin ich auf Hörbücher umgestiegen und entdecke erst gerade wieder das Gefühl eines „echten Buches“ auf dem Schoß neu 🙂
    Thriller und Krimis verschlinge ich geradezu und bin immer auf der Suche nach etwas Neuem, Besonderem, da man als Vielleser schnell gelangweilt ist von den ewig gleichen „Tricks“ und „Kniffen“, die den Leser in die falsche Richtung führen sollen, es aber letztendlich dann leider nicht tun. Kann deshalb auch sehr empfehlen:
    – Psychothriller von Sebastian Fitzek
    – Gone Girl (Gillian Flynn)
    – Ein guter Sohn (Peter James)
    Liebe Grüße, Christine

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