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Kristine Bilkau im Interview!

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© Thorsten Kirves

Ihr Debütroman ,Die Glücklichen‚ ist ein beeindruckendes Gesellschaftsporträt, in seinem Zentrum die Ängstlichen, die Lebensoptimierer, für die jeder Fehler den Verlust ihres persönlichen Glücks bedeuten könnte. Scheitern müssen wir wieder lernen, Perfektion ist Stillstand. Auf der Leipziger Buchmesse habe ich Kristine Bilkau zum Interview getroffen.

Sie sind auch Journalistin. Wie sind sie vom journalistischen zum literarischen Schreiben gekommen?

Ich habe schon während des Studiums literarisch geschrieben, aber war immer zu schüchtern und zu unsicher, um es irgendjemandem zu verraten. Ich habe das immer schön heimlich gemacht und versucht, mich nebenbei dort zu verwirklichen, wo es eben ging. Zum Beispiel habe ich meine Magisterarbeit so geschrieben, dass sie besonders schön war und mein Professor sagte dann: ,Das war aber angenehm zu lesen‘. Ich habe das also irgendwie in andere Kanäle laufen lassen. Im Journalismus habe ich auch gemerkt, dass es mich eingrenzt, dass ich mich an Informationen halten muss und nicht das schreiben kann, was ich gerne schreiben würde. Mit dem ersten Prosatext bin ich 2008 rausgegangen, als ich ihn zum open mike geschickt habe und prompt eingeladen wurde. Das war dann der Türöffner, da habe ich mich getraut, bin ins kalte Wasser gesprungen und habe professionelles Feedback bekommen.

Die Figuren im Roman, Georg und Isabell, werden in allem, was sie tun, beruflich und privat, von einer ungeheuren Versagensangst gequält. Ist diese Angst symptomatisch für unsere Zeit?

Ja, wenn ich das jetzt genauer analysiere. Beim Schreiben habe ich tatsächlich nicht so viel analysiert, da bin ich eher nach dem Gefühl gegangen und habe die Figuren teilweise auch sehr intuitiv entwickelt. Jetzt hinterher beginnt die Zeit der Analyse und dadurch, dass ich darüber spreche, reflektiere ich auch mehr. Ich glaube schon, dass sich die Leute immer weniger Fehler verzeihen, dass alles immer mehr in Richtung Optimierung geht, sowohl in der Arbeitswelt als auch im Privaten. Bishin zur eigenen Freizeit, in der man kleine Pausen damit füllt, dass man kurz sein Handy rausholt. Man funktioniert nur unter diesem Deckmantel der Optimierung und ich glaube schon, dass das etwas mit uns macht. Die Frage ist nur, ob meine Figuren oder Leute, die heute so ähnlich ticken, sich dessen bewusst sind.

Wie sind Isabell und Georg zu Ihnen gekommen? Basieren Sie auf Menschen aus Ihrer Umgebung?

Es gibt keine konkreten Menschen, keine konkrete Cellistin in meiner Umgebung und auch nicht den einen Journalisten, der genau so tickt wie Georg. Es ist eher so, dass ich aus vielen verschiedenen Richtungen etwas nehme; wie in der Chemie aus verschiedenen Zutaten etwas zusammenbaue.

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© Thorsten Kirves

Haben Sie selbst denn auch Ängste mit der Veröffentlichung des Romans verbunden? Es ist ja schließlich ein Debütroman. Wie gehen Sie selbst mit Ängsten um?

Interessante Frage.

Man hat ja vielleicht schon Sorge, dass der Roman nicht gut aufgenommen oder womöglich gar nicht beachtet wird …

Klar, gerade in den letzten Monaten vor der Veröffentlichung, als es immer konkreter wurde, war mir das natürlich schon unheimlich. Die Arbeit findet so im Verborgenen statt und das ist auch ein ganz behüteter Raum. Man arbeitet, die Lektorin sagt ab und zu mal was und alles ist recht konstruktiv. Ich habe mich schon ein bisschen davor gefürchtet, dass jetzt jeder sein Urteil abgeben darf, jeder kann jetzt sagen, was er will. Aber im Augenblick bilde ich mir ein, dass ich darüber hinweg bin. Man muss da einfach zu sich stehen. Und auch einstecken, wenn etwas kommt, was nicht so toll ist. Im Bezug auf die Figuren würde ich dann sagen, man muss eben damit umgehen, dass auch mal irgendwas nicht so toll läuft.

Georg sucht, als er noch arbeitet, immer wieder online nach Häusern auf dem Land, er besucht als Journalist auch einen Aussteiger und Selbstversorger. Glauben Sie, dass das eine Möglichkeit ist, diesem Druck zu entgehen – eben einfach aussteigen? Oder ist das eher eine Flucht?

Ich glaube, das ist eine Flucht. Wenn man das macht, kommen ganz neue Probleme auf einen zu, die teilweise vielleicht auch viel gravierender sind als die, die man vorher hatte. Im Bezug auf meinen Roman ist es natürlich eine Flucht. Und Georg weiß das auch. Er sagt es ja auch selbst und geht immer in den virtuellen Raum. Dort, wo es eben nicht greifbar ist und er nur konsumieren kann.

Wohin führt einen der unbedingte Wunsch, immer alles richtig machen zu wollen?

Das führt zum Stillstand, zu einer Art von Lähmung. So wie meine Cellistin ja im Prinzip auch wie gelähmt ist. Ich finde, an einer Musikerin kann man das eben so deutlich zeigen, dass der Wille, alles richtig zu machen und diese Angst, dass irgendwas außer Kontrolle gerät – es geht da ja viel um Kontrollverlust – dazu führt, dass bei ihr ja eigentlich genau das passiert, wovor sie sich fürchtet.

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© Thorsten Kirves

Von Experten wird ja immer wieder gesagt, dass Scheitern eine ungemein wichtige Erfahrung ist. Aber gerade das erlaubt sich ja keiner mehr …

Nein, keiner will scheitern. Weil zu scheitern auch Zeit kostet, scheitern ist nicht effizient, denken die Leute. Ich glaube auch deshalb, weil das in bestimmten Kreisen fast eine Art Tabu ist und keiner mehr wirklich Schwächen zeigt. Auch unter jungen Eltern, wenn sich die Frage stellt, wie es mit dem Kind läuft, wenn man vielleicht ein Problemkind hat; dann haben sie eigentlich keine Lust, darüber zu reden und am Ende redet niemand darüber, weil jeder eine Fassade hochzieht.

Man stellt ja auch fest, dass Isabell und Georg sehr auf ihren kleinen familiären Kreis beschränkt sind. Sie haben kaum Sozialkontakte, kaum Vertraute. War das eine bewusste Entscheidung?

Teils, teils. Teilweise hat es dramaturgische Gründe. Ich habe auch darüber nachgedacht, muss ich jetzt eine Szene erzählen, wo die beiden abends mit Leuten beim Essen sitzen .. aber ein bisschen fließt es ja ein. Georg hat seinen Kollegen, mit dem er ins Fitnessstudio geht, er erinnert sich an ein Essen, wo sie beide mal zerstritten hingegangen sind. Es findet also schon statt. Sie denkt über andere Mütter in der Kita nach und wie sie sich mit ihnen vernetzen kann. Aber dass es wenig ist, stimmt schon. Und das kennen wahrscheinlich auch viele Eltern mit kleinen Kindern, dass das ein bisschen klaustrophobisch wird. Aber auch das ist vorübergehend. Und liest sich manchmal vielleicht auch viel trostloser als es tatsächlich ist.

Georg ist Journalist, sieht sich mehrfach der Kündigung gegenüber und wird schließlich auch entlassen. Sie sind selbst Journalistin. Wie empfinden Sie diesen Umschwung in der Branche, diese ständigen Unkenrufe und vermeintlichen Totsagungen des Journalismus?

Ich bin 2003 oder 2004 in den Job gekommen, das war schon nach dem Platzen der dotcom-Blase 2000. Das heißt, ich bin schon mit einem Krisengefühl in den Job gekommen, weil alle auch von Krise gesprochen haben. Und auch die sind ja meine Generation, d.h. die sind auch schon in den Job gekommen mit dem Gefühl, es ist alles ganz schwer, es gibt nur ganz wenige Jobs, man muss genau aufpassen, was man macht und bloß nichts falsch machen. Das wird sich auch nicht verbessern, es hat sich einfach manifestiert. Dann kam 2008 die Lehman Brothers Krise, auf die Digitalisierung haben viele auch noch immer keine Antwort gefunden und laborieren herum.

Mittlerweile hat man sich also an diesen Zustand gewöhnt …

Ja und ich befürchte fast, dass, wenn es mal wieder ein bisschen besser läuft, das von den Verlagsmanagern auch gar nicht so gern kommuniziert, sondern lieber weiter dieser Sparkurs aufrechterhalten wird. Weil auch das irgendwie effizient ist und wir uns alle daran gewöhnt haben. Es gab ja auch mal die Forbes Liste der unattraktivsten Jobs [Anmk.: Der unattraktivste Job 2014 war tatsächlich der Holzfäller, – gleich danach kommt aber, wenig überraschend, der ,Newspaper Reporter‚] und dort war der Zeitungsjournalist, glaube ich, sogar auf Platz 1, in Bezug auf: Was wird von ihm gefordert, was muss er leisten, wie ist seine Bezahlung und wie sind seine Perspektiven? Deswegen ist dieser Job wohl wirklich so ein Stellvertreter – aber ich will das jetzt gar nicht niedermachen. Es wird bestimmt auch wieder Umbrüche geben, die etwas Konstruktives bringen.

Eine letzte Frage: Was würden Sie selbst Ihren Figuren Georg und Isabell raten?

Mehr in der Gegenwart leben, auch wenn das wie ein Klischee klingt. Es wenigstens versuchen. Und sich selbst gegenüber nicht so ungnädig, sondern ein bisschen wohlwollender zu sein.

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