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Inger-Maria Mahlke – Wie ihr wollt

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In Inger-Maria Mahlkes neuem Roman geht es königlich zu. Im Mittelpunkt royaler Verstrickungen steht Mary Grey, kleinwüchsige Großnichte Heinrichs VIII und Schwester der ,Neuntagekönigin‘ Jane Grey. Weil sie unerlaubt geheiratet hat, wird sie unter Hausarrest gestellt, wo sie 1571 versucht, ihrer scheinbar ausweglosen Situation wenigstens eine Retrospektive für die Nachwelt abzuringen.

Anfang 2013 schrieb Inger-Maria Mahlke noch über die Trostlosigkeit eines Mietshauses und seine Bewohner („Rechnung offen„), knapp zwei Jahre später über die Trostlosigkeit von Königshäusern und deren strengen, atemraubenden Reglementierungen moralischer Art. Mary Grey steht zum Zeitpunkt ihrer Aufzeichnungen unter Hausarrest, nachdem sie heimlich den Pförtner Thomas Keyes geheiratet hat. Bereits ihre Schwester Catherine Grey war wegen einer heimlichen Heirat in Ungnade gefallen, sie war also gewarnt. Zwar hätte Mary Grey, die als hässlich und verkrüppelt galt, mutmaßlich niemals als Thronerbin in Frage gekommen, Eheschließungen mussten aber dennoch mit Königin Elisabeth abgesprochen sein. Sie wird also aufgrund ihres royalen Ungehorsams bei Thomas Gresham, einem königlichen Diplomaten im Ruhestand, auf dem Landsitz Bishopsgate, einquartiert. Den Landsitz darf sie nicht verlassen, oft genug verlässt sie nicht einmal ihr Zimmer. Ihr Dienstmädchen Ellen, die einzige von Inger-Maria Mahlke erdachte Figur, geht ihr bei allen täglichen Verrichtungen zur Hand.

Werde immer kindischer. Schrumpfe, nicht äußerlich, nein, da ist es nicht schlimmer als sonst, mein Inneres, was immer das ist, schrumpft. Wird immer kleiner, bis es in ihre Erwartungen passt.

Die Erzählung Mary Greys verläuft nun zweigliedrig, einerseits in der Gegenwart ihres Arrests, andererseits in den Aufzeichnungen über ihre Familie, politische Verwerfungen und höfische Intrigen. Wenn sie die Königin schon nicht dazu bewegen kann, sie zu begnadigen, freilich ohne jeden Machtanspruch, will sie wenigstens erzählen, wie es gewesen ist. Sie rebelliert, indem sie demonstrativ weiterhin den Ehering trägt, obwohl ihr Mann bereits im Gefängnis gestorben ist. Bei seiner Verhaftung soll er gesagt haben, er sei dann eben nicht verheiratet, wenn es so recht sei. Sie aber stellt die trauernde Witwe zur Schau, nicht bereit, für ihren Fehltritt ostentativ zu büßen. Stattdessen schreibt sie sich die Finger wund, erzählt von der Herablassung, mit der sie aufgrund ihrer körperlichen Unzulänglichkeit immer schon behandelt wurde, von der Krönung ihrer Schwester Jane Grey und ihrer Hinrichtung nur kurze Zeit später. Von Ränkespielen hinter vorgehaltener Hand und dem Kampf des Protestantismus gegen den Katholizismus.

Die Dinge vermisse ich gar nicht. Die Kleider, Bücher und Ringe, Ketten, Broschen, Täschchen und Beutel und Ponys und Sänften und Lehrer und Tischchen und Sessel und Decken und Kissen, Häuser und Wälder und Seen und Gärten mit Pavillons. Nein, ich vermisse das Gefühl, dass uns all das zusteht.

,Wie ihr wollt‘ ist ein ungewöhnlicher Roman, der auf sehr unmittelbare Weise die royale Doppelmoral offenlegt. Er dokumentiert die Intrigen, Gemeinheiten und Zwänge des monarchischen Systems der Tudorzeit bravourös anhand eines Einzelschicksals, ohne jedoch darüber hinwegzutäuschen, dass dieses Schicksal von Mary Grey nur bedingt hinterfragt wird. Zwar bittet sie Elisabeth immer wieder um Gnade, sehnt sich in die Freiheit zurück, bleibt aber dennoch in ihren Wünschen und Sehnsüchten („Ich vermisse, dass uns all das zusteht“) unweigerlich Teil des Systems. Inger-Maria Mahlkes Wahl der Ich-Perspektive gewährt detailliert Einblick in Mary Greys Empfinden und demonstriert eindrücklich einen gelegentlich offen hervortretenden und trockenen Humor. Hier hat man es nicht mit einer Historienschnulze zu tun, die das Leben in königlichen Palästen romantisiert, sondern ganz im Gegenteil mit einem Roman, der ganz schonungslos Verfehlungen und Unterdrückung dokumentiert. Nichtsdestotrotz ist für den Roman ein gewisses Hintergrundwissen der historischen Akteure unerlässlich. Wer sich bisher nie mit der Tudorzeit beschäftigt hat, wird zunächst erschlagen sein von Namen und Begebenheiten, die erschlossen werden wollen und müssen. Wer sich das zutraut, der wird mit einem besonderen, historisch genauen und überraschend komischen Roman belohnt, der hier und da auch Parallelen zur Gegenwart zulässt. Letztlich dürfte sich auch heute bedeutend häufiger die Frage stellen „Weshalb gehöre ich nicht dazu?“ als „Was könnte falsch sein an diesem System?“.

Inger-Maria Mahlke: Wie ihr wollt, Berlin Verlag, 272 Seiten, 9783827012135, 19,99 €

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