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Auf Messers Schneide mit Maria Odoevskaya

© Heike Köllzer

Maria Odoevskaya ist eine zierliche junge Frau, deren Äußeres zunächst keinerlei Rückschlüsse auf ihre Sprachgewalt zulässt. Sie wirkt manchmal schüchtern, nervös. Nicht unbedingt wie jemand, der gern auf einer Bühne stehend ein Publikum mitreißt. Wie sehr man doch manchmal in der Beurteilung seiner Mitmenschen einer Täuschung unterliegen kann, demonstriert Maria Odoevskaya auf beeindruckende Weise, wenn sie eine Bühne betritt. Man sieht sie oft bei Poetry Slams, im Juni dieses Jahres wird sie Lübeck bei den U20 Poetry Slam Nationals in Regensburg vertreten. Als sie am 30. Januar im Haus der Lübecker Bücherpiraten einen Abend lang Einblick in die Entstehung ihres Debütromans ,By Your Name‚ gibt, wird unweigerlich deutlich, wie gewandt Maria Odoevskaya mit Worten umgeht, welch feines Gespür für Sprache und psychologische Motivationen sie besitzt. Mithilfe einiger – oft ebenfalls schreibender – Freunde bringt sie Ausschnitte des Romans szenisch auf die Bühne. Die Figuren treten aus ihrem fiktionalen Rahmen und werden lebendig.

Das fast fertige ,By Your Name‚ ist ein Coming Of Age Roman und wie so oft geht es darin um den Weg zu sich selbst, durch Selbstzerstörung und Selbstzweifel, durch Isolation und Emanzipation von familiären Konflikten. Man könnte ängstlich werden und befürchten, es handle sich um eine jener Geschichten, in denen Teenager diese Art von Weltschmerz offen zur Schau stellen, die sich meistens von selbst erledigt. Doch in der szenischen Lesung des Abends entpuppen sich Maria Odoevskayas Beschreibungen als feine Beobachtungen menschlichen Miteinanders und Auseinanders und der Roman sowohl als eine Liebes- als auch eine Familiengeschichte, die schwerlich auf die Selbstbespiegelung eines einzelnen heruntergebrochen werden kann, ohne dem Text Gewalt anzutun. Es geht um Marisa und Espen, beide aus zerrütteten oder wenigstens schwierigen Familienverhältnissen, die zueinander finden und letztlich aneinander scheitern; weil sie sich zu ähnlich sind, sie zu passgenau sind in ihrer Destruktivität.

Ich könnte sie küssen – scheiße, ich hätte sie küssen können – und ihren Nacken halten und ihr mit den Fingern durch die Haare fahren und in diese verdammten, riesigen braunen Augen schauen und sehen, wie die Pupille sich verengt, ich könnte sie anfassen und vergessen, dass ich es bin, der das tut, und sobald sie weg ist, könnte ich mir die Hände brechen und die Zunge abbeißen, und stattdessen. Ich könnte sie lieben, wirklich, abgöttisch, ich könnte mir glauben, dass ich das tue, ich könnte sie das glauben lassen.

Ich freue mich sehr, dass ich mit Maria Odoevskaya ein Interview führen durfte. Sie hat, wie sie mir noch erzählte, mittlerweile eine Agentur gefunden, sodass wir womöglich bald eine erfrischende und drastische neue Stimme in einem Debütroman entdecken können.

Maria, eine inflationäre, deshalb aber nicht minder interessante Frage: Was hat dich zum Schreiben gebracht? Seit wann schreibst du?

Zurückverfolgen lässt sich das wohl bis zum Alter von 12/13 Jahren, da wurde aus dem Schreiben über Musik etwas zwar nicht (semi-)Professionelles, aber zumindest Regelmäßiges. Mit dem literarischen Schreiben habe ich 2010 angefangen.

Gibt es so etwas wie eine schriftstellerische Routine in deinem Leben oder überfällt dich gewissermaßen die Inspiration von irgendwo und du musst immer Zettel und Stift bei dir haben?

Schön wär’s – tatsächlich habe ich immer einen Stift dabei, sowie ein Buch, bei dessen Inhalt sich Textideen und Mitschriften entgleister Konversationen und seltsamer Aussagen die Waage halten.

Du trittst auch häufig bei Offene Bühne Shows oder Poetry Slams auf. Hast du beim Schreiben des Romans jetzt deutliche Unterschiede bemerkt in deiner Herangehensweise?

Absolut. Man schreibt anders, wenn man seine Sätze nicht vorlesen, vortragen, vorschreien muss. Ich hatte keinerlei Gefühl für die Standfestigkeit meiner Satzstatik, bis ich meine Texte auf der Bühne erprobt hatte. Die ersten Versuche hatten mir dann auch die formale Sperrigkeit und die inhaltliche Unzugänglichkeit meiner (kürzeren) Texte aufgezeigt. Entsprechend habe ich versucht, sie zu entschlacken, sie melodischer und fassbarer zu machen. Natürlich kann man an einen Poetry Slam-Text, der sich innerhalb seiner gegebenen 5-6 Minuten erschließen muss, nicht die gleichen stilistischen Ansprüche stellen wie an ein Romanmanuskript, aber was ich beim Bühnenschreiben gelernt habe, sickerte schnell auch in meine anderen, nicht auf Performance und Sofortwirkung ausgelegten Texte.

Du studierst Biologie, ein Fach, das an sich sehr wenig prosaisch ist. Ist das ein Ausgleich für dich?

Definitiv, das war auch einer der ausschlaggebenden Gründe dafür, dass ich mich für dieses Fach entschieden habe. Es bewahrt mich davor, früher als nötig in einer intellektuellen Echokammer zu landen und irgendwann keine Hobbies zu haben, weil sie meine Arbeit geworden sind. Und es ist wahnsinnig faszinierend, weil es Dinge und Prozesse beschreibt, die komplexer sind, als selbst der kreativste Mensch sich ausdenken kann.

Ein Cover des bekannten Cohen-Songs

Der Titel deines Debütromans, an dem im Augenblick noch gearbeitet wird, ist ,By Your Name‘, basierend auf einem Song von Leonard Cohen. Inspiriert Musik dich zum Schreiben?

Tatsächlich habe ich erst mit dem literarischen Schreiben angefangen, als sich beim Schreiben über Musik die Metaphern mehr und mehr verselbstständigten. Ähnlich wie andere narrative Werke bei Fanfiction-Schreibern oder bei anderen die eigene Biographie war die Musik mein literarisches Paar Stützräder. Der Vorteil darin ist, dass die Abstraktion schon in der Tätigkeit liegt, dass man nicht erst dafür sorgen muss. „Tanzen zu Architektur“ nannte Frank Zappa das, und in der Tat muss man sich ziemlich anstrengen, dabei nicht bescheuert auszusehen. Aber genau diese Herausforderung hat mich immer gereizt, genau diese unüberwindbare Kluft zwischen Musik und dem Schreiben darüber hat meinen Kopf auf Reisen geschickt. Wenn ich die Spuren zurückverfolge, dann nimmt Musik auf das Entstehen meiner Texte auch immer noch einen viel größeren Einfluss als irgendeine andere Kunstform.

Hast du an dich als Autorin bzw. an deine Text besondere Ansprüche oder lässt du dich erst einmal treiben?

Ich will wehtun. Nicht so stark, aber an den empfindlichen Stellen. Ich will lindern, weil es oftmals schon reicht, wenn eine körperlose (Autoren-)Stimme von den eigenen schmerzempfindlichsten Stellen weiß, wenn man nicht mehr isoliert ist. Ich will genau sein, so genau, dass ich mir sicher sein kann, den bestmöglichen Weg gefunden zu haben, ein Gefühl, einen Zustand, eine Stimmung auszudrücken. Um das zu erreichen, muss ich eigenständig sein. Ich will einen Rhythmus, einen Fluss, aber bloß nicht zu viel Harmonie, ich will Komplexität, der man die dahinterstehende Mühe nicht anmerkt. Ich will wahrscheinlich zu viel. Ich habe im Grunde überhaupt kein Konzept davon, was es heißt, sich „erst einmal treiben zu lassen“.

Die Geschichte um Espen und Marisa ist mit düster vermutlich noch sehr wohlwollend umschrieben. Es geht um Drogen, Selbstzerstörung, familiäre und gesellschaftliche Zwänge, Einsamkeit. Wie in vielen deiner Texte. Was an diesen Themen ist dir besonders wichtig?

Im Grunde bin ich schon immer der Überzeugung gewesen, dass die Gedanken und Entschlüsse, die in emotionalen Grenzzuständen gefasst werden, sich am klarsten, am wahrsten anfühlen. Wenn ich Hemingways Rat befolgen und den wahrsten Satz, den ich kenne, schreiben will, muss ich diesen Grenzzuständen hinterherjagen, sie für die Leser erfahrbar machen, um die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass auch sie den versuchten wahrsten Sätzen glauben. Warum es dann quasi immer das negative Extrem sein muss? Glücklichen – oder auch nur zufriedenen – Menschen fehlt nichts. Unglücklichen Menschen fehlt etwas. Aus der Quelle des Unglücks und Mangels (Einsamkeit, äußere Zwänge) und den Wegen und Mitteln, sie zu bekämpfen (Selbstzerstörung, Sucht) lässt sich eine Erfahrung ableiten, die so ziemlich allgemeingültig ist. Unabhängig von Biographie und Sozialisation, jeder von uns war schon mal an dem Punkt, als der wahrste und einzig fassbare Gedanke war: „Mach, dass es aufhört.“

Gibt es Autoren, die dich beeinflusst haben?

Sarah Kane. Weil Kane von der Expedition in den Urwald der eigenen Psyche nicht zurückkam, aber zumindest davon erzählt hat. Weil kein literarisches Werk, das ich kenne, ästhetisch derart schmerzhaft grenzüberschreitend ist wie „4.48 Psychosis“. Weil es Dinge gibt, die man mit Worten nicht ausdrücken kann, und kein literarisches (!) Werk dieser Tatsache derart demütig und eindrucksvoll Rechnung trägt wie „4.48 Psychosis“. Weil es jenseits von Worten und Satzstrukturen, in Bruchstücken und Zahlen und Leerräumen eine Resonanzfrequenz für „Mach, dass es aufhört“ findet, die jeden erreicht, der sich darauf einlässt.

Georg Büchner. Weil es einladend unvollendet ist, man sich an dem Fragmentarischen, scheinbar Zufälligen von „Woyzeck“ immer wieder erfolglos abarbeiten kann und weil das Stück wahrscheinlich doch perfekt ist, wie es ist.

Hubert Selby Jr. Weil hier Schönheit und Ekel, Zärtlichkeit und Gewalt, Rhythmus und Chaos, Schmerzen und die Hoffnung, derentwegen man sie überhaupt spürt, unauflösbar verschmelzen, weil „Mach, dass es aufhört“ selten prägnanter auf den Punkt gebracht wurde.

Sylvia Plath. Weil wohl kaum eine Autorin sich so nüchtern, gnadenlos und genau selbst seziert hat wie Plath in „The Bell Jar“.

Franz Kafka. Weil ich ohne „In der Strafkolonie“, „Ein Hungerkünstler“ und „Josefine, die Sängerin“ kein künstlerisches Selbstverständnis hätte.

Theodor Fontane. Weil ich weiß, wo ich nicht landen will.

Wann, glaubst du, wird der Roman fertig sein? Welche Wünsche und Erwartungen verbindest du damit?

Dass er fertig wird. Aber wenn ich mich ranhalte und nicht alles hinschmeiße, wenn mir nur noch zwei oder drei Kapitel fehlen, dann hoffentlich noch dieses Jahr.

Vielen Dank für dieses ausführliche und hochinteressante Interview!

Maria Odoevskaya in einem Artikel auf Deutschlandradio Kultur.

Maria bloggt auf ,messersschneide‚ nicht nur Ausschnitte aus ihrem entstehenden Roman, sondern auch andere Texte, reinschauen lohnt sich!

4 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Auf Messers Schneide mit Maria Odoevskaya - #Bücher | netzlesen.de

  2. Schönes Interview; interessante Autorin! – Danke.
    Besonders bemerkenswert finde ich die Reihe der Autoren, von denen sie sich beeinflusst und angeregt fühlt. Ein beinahe „wilde“ Mischung. lg_jochen

  3. Das Interview ist wirklich klasse und hat mich richtig neugierig gemacht – sowohl auf die Autorin als auch das Buch! 🙂

    Liebe Grüße
    Alex

  4. Ausgesprochen interessante Autorin – ich freue mich darauf, mehr von ihr zu hören, und bin gespannt auf den Roman. Danke dir, liebe Sophie, für das Interview.

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