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Victoria Schneider – Seid ihr Charlie?

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Wie sieht es aus in Frankreich, nach dem Attentat auf Charlie Hebdo? Wie weit reicht die zur Schau gestellte Solidarität in der Gesellschaft tatsächlich? Eine sehr empfehlenswerte und informative Reportage von Victoria Schneider ist letzte Woche in der Hanser Box erschienen.

Als am 07. Januar zwei islamistisch motivierte Attentäter in die Redaktion der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo eindrangen und insgesamt elf Menschen töteten, darunter der Chefredakteur Stéphane Charbonnier und einige der bekanntesten Karikaturisten des Landes, war nicht nur Frankreich erschüttert. Weltweit solidarisierten sich Menschen mit den Getöteten und sahen sich verpflichtet, gegen diesen Angriff auf Meinungs – und Pressefreiheit, wenn nicht auf unsere westlichen Werte überhaupt, auf die Straße zu gehen. „Je Suis Charlie“ war als Motto innerhalb kürzester Zeit in aller Munde, es wurde zum Schlachtruf weit über Landesgrenzen hinaus. Doch wie sah es eigentlich in Frankreich aus, abseits der Trauermärsche, die im Fernsehen und anderen Medien immer wieder gezeigt und verbreitet wurden? Wie steht es tatsächlich um die Solidarität innerhalb der Bevölkerung? Wie viel davon ist Show, vielleicht auch unmittelbarer Ausdruck von Hilflosigkeit? Realitätsverkennung?

Victoria Schneider hat mit ,Seid Ihr Charlie?‘ eine beeindruckende Reportage geschrieben, die ein deutlich nüchterneres Bild zeichnet. Sie hat mit den Menschen in den Banlieues, den verarmten Vorstädten, gesprochen, die sich weder mit der Redaktion Charlie Hebdos noch mit Frankreich insgesamt identifizieren. Mit Menschen, die teils schon in zweiter oder dritter Generation in Frankreich leben und doch in dieser Gesellschaft keinen Platz zu finden scheinen. Von „Ghettoisierung“ ist immer wieder die Rede, ohne dass letztgültig klar ist, wer sich von wem abschirmt. Die Gründe für mangelndes Heimatgefühl und Verwurzelung sind vielfältig, reichen vom bekannten Phänomen der Urbanisierung bishin zum französischen Laizismus, der von einigen insbesondere nach dem Attentat kritisch hinterfragt und auf den Prüfstand gestellt wird. Laizismus bedeutet, dass Religion in Frankreich Privatsache ist. An den Schulen gibt es keinen Religionsunterricht, ebensowenig darf dort über Religion gesprochen oder freimütig diskutiert werden. So mancher sieht darin, neben Armut, Ausgrenzung und Rassismus, einen Grund für die fundamentalistische Radikalisierung. Wer sich in seinem Land nicht zuhause fühle, besinne sich auf seine Wurzeln, infolgedessen vielleicht auch auf seine Religion. Und die werde vielen, in Ermangelung anderer Diskussionsräume, auf der Straße nähergebracht, in verfälschter und radikaler Form.

,Seid ihr Charlie‚ begnügt sich nicht damit, Vermutungen über Zusammenhänge anzustellen, der Text führt direkt an die Ursprünge, in die Problemviertel hinein. Stellt denen Fragen, um die es geht. Liefert keine einfachen, stereotypen Antworten, mit denen man Gewissen und Geist beruhigt, um sich wieder anderen Tätigkeiten zu widmen. Die Lektüre zeigt unweigerlich, dass es um mehr als zwei Fanatiker geht, denen man nicht rechtzeitig Einhalt bieten konnte. Fraglos eine Reportage, die zu lesen einen Erkenntnisgewinn bedeutet und Einblick in eine tief gespaltene Gesellschaft offenbart.

Victoria Schneider: Seid Ihr Charlie?, Hanser Verlag, 51 Seiten, EPUB, 978-3-446-24967-7 , 2,99 €

4 Kommentare

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  2. Liebe Sophie,
    habe mich sehr gefreut, dass Du auf diesen Text von Victoria Schneider hinweist. Schabe die Reportage vor ein par Tagen, nachdem sie herauskam gleich gelesen und muss sagen, das ist ein sehr informativer, hintergründiger und kluger Text, der mir sehr gut erklärt hat, warum ich immer so ein komisches Gefühl beschlich, bei den vielen Charlies, die es plötzlich gab. Hinter diesem Problem steckt eine ganze Menge mehr (nicht nur, aber hier sehr schön gezeigt, im laizistischen Frankreich). Und Victoria Schneider redet mit genau denen, die jetzt von vielen in Sippenhaft genommen werden. Man sollte das wirklich zur Schul- oder wenigstens zur Pegida-Pflichtlektüre machen.
    Danke nochmals und liebe Grüsse
    Kai

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