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Ursula Ackrill – Zeiden, im Januar

zeiden

Siebenbürgen war seit jeher ein Land, das unter der Herrschaft anderer stand. Mal gehörte es zum Königreich Ungarn, dann war es Teil der Habsburgermonarchie, nach dem Ersten Weltkrieg wurde es Rumänien zugesprochen, zu dem es auch heute gehört. Und inmitten dieser geschichtlichen Wechselfälle, immer als Minderheiten präsent, waren die Siebenbürger Sachsen, deren Kultur trotz allem tief im Land verwurzelt ist. Ursula Ackrill erzählt in ,Zeiden, im Januar‘ von den Rumäniendeutschen, die sich während des Zweiten Weltkriegs nicht nur Nachteile von einer Unterstützung des Dritten Reiches versprachen.

Leontine Philippi ist eine resolute und meinungsstarke Frau. Sie bewohnt allein das einstige Haus ihres Freundes und ehemaligen Geliebten Albert Ziegler, der in seinem Heimatort Zeiden noch immer als Wunderkind und Fliegerass gefeiert wird. Er war der erste siebenbürgisch-sächsische Pilot, ein erfinderischer Genius, der leider, so erzählt man sich, bei einem Flugmanöver von den Deutschen abgeschossen wurde. Freilich versehentlich, sagt man, schließlich war der Albert einer von ihnen, ein Deutscher. Es ist der Winter 1941, das zweite Kriegsjahr. Schon immer waren die Siebenbürger Sachsen in ihrem Land eine Minderheit, doch nach dem Ersten Weltkrieg verloren sie mit der Zuordnung zum Königreich Rumänien die meisten ihrer zuvor gut geschützten und verteidigten Privilegien. Zwar hatte man gehofft, dass Rumänien weiterhin eine minderheitenfreundliche Politik betreiben würde, sah sich aber in diesen Hoffnungen katastrophal enttäuscht. Und so beginnt in Siebenbürgen Stück für Stück eine ideologische Annäherung an Hitlers Reich. Nicht, dass man etwas gegen Juden auszusetzen hätte, lange schon lebte man Tür an Tür zusammen mit ihnen und hat, im Gegensatz zu Spannungen gegenüber den Rumänen, keinerlei nennenswerte Konflikte. Doch mit dem Erstarken der Deutschen unter Hitler sieht man die Chance gekommen, die alte Sonderstellung wieder einzunehmen. Treten, statt getreten werden, bläut man den Jungen ein, die man statt in die rumänische Armee in die Waffen-SS schleust.

Und dann kommt so ab 1871 und neulich lautstark die Kunde aus Deutschland zu uns herübergeweht, dass Deutschsein etwas Überlegenes ist, dass wir tatsächlich besser sind als die anderen. Wir denken, Deutschland will uns jetzt prämieren, weil wir langfristig und unter Widerständen deutsch geblieben sind. Wir denken, morgen kommt der Weihnachtsmann  und belohnt uns Buben und Mädchen. Wir haben es verdient. Versteht ihr?

Leontines Ziehkind Maria, die desöfteren aus Bukarest anreist, um Leontines Haus in Ordnung zu halten, gerät ganz unbedarft zwischen die Fronten, als sie die Habseligkeiten kauft und verkauft, die andere gegen Fluchtgeld eingetauscht haben. Franz Herfurth, ein Jugendfreund Leontines und nun Schularzt in Zeiden, unterstützt diese neue politische Ausrichtung und trägt mit anderen Ärzten dazu bei, junge taugliche Männer der Waffen-SS zuzuführen. Vielen im Ort gilt ihre Sonderstellung und ihr kulturelles Erbe weit mehr als eine Frontstellung gegen Hitlerdeutschland und so wird Chronistin Leontine zur streitbaren Oppositionellen, an der man sich reibt. Angesichts der instabilen politischen Lage wird das kleine Zeiden zum wichtigen Nebenschlauplatz historisch bedeutsamer Entscheidungen, deren Konsequenzen offensichtlich nur die alte Leontine überblickt. Durch viele Perspektiv – und Ortswechsel entsteht ein vielstimmiges Panorama der Bewohner, die auf dem brodelnden Vulkan ums Überleben kämpfen.

In ihrem Garten vergräbt Maria im nächsten Sommer eine Schatulle mit Papieren, in ein Kleid gewickelt, das mit Blut und ausgeschmetterten Zähnen verfilzt ist. Drei Sommer später ziehen Russen durch Zeiden und fragen sie: „Wie weit bis Berlin?“

Ursula Ackrill hat, das wird bereits nach kurzer Lektüre klar, viel historisch verbürgtes Material gesichtet und daraus ihre Chronik entworfen. Einige Protagonisten haben eine reale Entsprechung. Jedes Kapitel ist nicht nur mit einer Ortsangabe und einem exakten Datum, sondern sogar mit einer Uhrzeit überschrieben. Einerseits verleiht das gerade gen Ende dem Geschehen eine ganz eigene Dynamik, andererseits dienen ständige Sprünge in Zeit und Handlung nicht unbedingt dem besseren Verständnis von  Geschichte und Figuren. Pendelte die Handlung tatsächlich nur zwischen Fixpunkten des Januars 1941, ließe sich dagegen wenig sagen, mitunter aber werden Zeitsprünge von dreißig Jahren innert kürzester Zeit abgefrühstückt. Kaum ist man als Leser einer Situation Herr geworden, sieht man sich womöglich Jahrzehnte zurückversetzt. Auch wenn die Anachronien meistens noch irgendeinen Zusammenhang zum gegenwärtigen Geschehen haben, wirken sie oft doch unmotiviert bis unnötig. Vieles davon wäre erzählerisch anders zu lösen gewesen; Versuche, sich in Personen und Motivationen hineinzudenken, müssen scheitern vor einer stetig flackernden Handlung.

Auch sprachlich bietet der Roman diverse Stolpersteine, die dem Leser schlimmstenfalls die Lektüre nicht nur erschweren, sondern gar erheblich verleiden. So findet man seltsame Satzkonstrukte wie: „Sein Lächeln stach Edith, die nicht aufsah, ihre Arme aber mit Gänsehaut überzog.“ Wer überzieht hier wen mit Gänsehaut? Ist es nicht eigentlich das Lächeln, das Unbehagen verursacht? In Ursula Ackrills schief zusammengeschriebenen Satz aber macht es ganz den Anschein, als zöge sich Edith selbst die Gänsehaut einem Kostüm gleich über ihre Arme. Aufgeplusterte Ungetüme wie: „Zwischen ihm und der Sonne häuft sich vaporisierende Materie und leert die Luft schleunigst von Photonen.“ sind keine Seltenheit und machen einen stilistisch doch eher holprigen, wenig gewandten Eindruck. So manch ein Vergleich wirkt unfreiwillig skurril („(..) mit beiden Händen auf den Knien, dass ihre Vagina auf – und zuschnappte wie ein Hilferuf.„), Vieles will in diesem Roman einfach nicht zusammenpassen, die Figuren bleiben trotz ihrer starken Motivationen blass und dem Leser eigentümlich fern.

Unbestritten hat Ursula Ackrill, selbst in Siebenbürgen geboren, sich für ihren Roman ein reizvolles Thema gesucht, schöpft das Potential dessen aber nicht im Mindesten aus. Dass der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, wurde bereits nach Bekanntgabe der Nominierung als Überraschung gefeiert; nach der Lektüre bleibt dieses Gefühl allerdings bestehen, statt sich in die deutliche Überzeugung zu verwandeln, dass es schon zu recht auf dieser Liste steht. Ein gut ausgewähltes und ausführlich recherchiertes Thema, dem sich bisher wohl kaum ein Roman in dieser Ausführlichkeit angenommen hat, kann in diesem Fall leider nicht über stilistische Engpässe und orientierungslos hin – und herwabernde Handlungsstränge hinwegtäuschen. Schade!

Ursula Ackrill: Zeiden im Januar, Verlag Klaus Wagenbach, 256 Seiten, 9783803132680, 19,90 €

Stimmen von außerhalb:

Literaturkritikerin Ursula März bei Deutschlandradio Kultur

Besprechung im Tagesspiegel

Sehr positiv besprochen auch auf ZEIT Online

Freilich müsst aber ihr das nicht genauso sehen wie ich und deshalb möchte ich dennoch ein Exemplar von Ursula Ackrills Roman verlosen. Das Buch sollte die Chance bekommen, auch von anderen Interessierten unter die Lupe genommen zu werden, die vielleicht sogar zu einem anderen Urteil gelangen! Schreibt mir bis zum 28.02. in die Kommentare, weshalb euch der Roman reizt. Beschäftigt ihr euch vielleicht gerade mit einigen Nominierten der Leipziger Buchmesse? Lasst es mich wissen! Das Los entscheidet.

17 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Ursula Ackrill – Zeiden, im Januar - #Bücher | netzlesen.de

  2. Da habe ich gerade im Literaturcafe einen Kurzeindruck anhand der Leseprobe gelesen, also würde mich das ganze Buch interessieren, um mir meinen eigenen Eindruck zu machen, ansonsten ist der Leipziger Buchpreis bisher noch sehr an mir vorbeigegangen, von dem Präauer Buch habe ich gehört, die Kafka Biografie würde mich auch interessieren, Nils Hogerson habe ich schon gelesen, daß im Monat der Lyrik ein Gedichtband nominiert wurde, finde ich schön, ansonsten sind es, glaube ich, fünfzehn sehr unterschiedliche Bücher, so bin ich auf die Blogger Paten Aktion sehr gespannt

  3. Schöne Besprechung. Ich hatte auch so meine Probleme mit einigen Stellen im Text, sodass ich über die ersten 20 Seiten nicht hinausgekommen bin. Anstrengend darf Literatur gerne sein, sowohl sprachlich als auch thematisch, aber diese Geschichte ist mir in beiderlei Hinsicht zu zersplittert. Ich bin stellenweise ebenso gestolpert wie du, wurde dann anhand bestimmter Satzfragmente wieder aufgerichtet („[…] hohe Bauten renkten ihr den Kopf aus dem Genick […]“), nur um dann wieder zu stolpern. Nun ist der Roman erstmal zu einem anderen Teammitglied gewandert.
    Liebe Grüße
    Janine

    • literaturen sagt

      Liebe Janine,

      ich bin gespannt, ob eurer anderes Teammitglied vielleicht zu einer anderen Meinung gelangt.

      Liebe Grüße,
      Sophie

  4. Dagmar sagt

    Mich würde das Buch interessieren, weil ich selbst Rumäniendeutsche in der Familie habe und mich dieses Thema schon immer beschäftigt. Die gegensätzlichen Kritiken die es erhalten hat, machen mich neugierig, was mein Eindruck davon sein würde, den ich natürlich als Dank, wenn ich das Buch gewänne, auch hier abgeben würde!

  5. Diese Sprünge und Fragmente sind doch gerade der geniale literarisch-ästhetische Trick dieses Romans, um zu erzählen: in Andeutungen und in Versatzstücken, Zeit aufsplittend, ohne, in chronologischer Reihenfolge ausgreifend bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, schildern zu müssen. Andeutungen und Episoden bleiben, die sich Schritt um Schritt fügen.

    Die Sprache klingt zunächst trocken, ungewohnt, eigenwillig, manchmal holprig. Gegen den Strich gebürstet eben, fremd vielleicht deshalb, weil Fremdes thematisiert wird. Und genau aus diesem Grunde sind diese Sätze nicht schief gebaut, als verstünde die Autorin die Grammatik des herkömmlichen Deutsch nicht gut, sondern sie behandeln eine uns fremde Welt, sprechen und klingen im Dialekt – egal ob der nun erfunden ist oder der der Siebenbürger Sachsen sein soll. Gegen den Schreibschulensound aus Leipzig und Hildesheim bleibt das, was Ursula Ackrill schrieb, allemal erfrischend. Vor allem aber: endlich ein ungewohnter, verstörender Ton.

    Die Fragmentierungen, das Versetzte und sich erst aus den Andeutungen und den gestreuten Geschichten Ergebende sind ja gerade das Programm dieses Buches. Fremdheit und wie sich eine Geschichte Zug um Zug, in Wendungen zusammensetzt. Hinzuweisen bleibt ebenfalls auf das Moment der Zeit, das sich über die genauen Datumsangaben, die teils bis in die Stunden reichen, ergibt.

    • literaturen sagt

      Hallo Bersarin,

      vielen Dank für eine ganz gegenteilige Meinung! Ich denke, es ist immer so, dass man stilistische Eigenheiten entweder als eindringliche Unterstützung des Inhalts sehen kann oder trotz solcher möglicher Korrelationen damit nicht zurechtkommt. Und bei mir war eben eher Zweiteres der Fall. Ich sehe nicht, weshalb eine „fremde“ Sprache grammatikalisch falsch sein muss, um ihre Fremdheit zu vermitteln, weshalb sie so bemüht und gezwungen und aufgebläht sein muss. Aber das ist auch eine Frage des persönlichen Geschmacks, eine Frage der persönlichen sprachlichen Vorlieben.

      Ich habe auch schon viele Romane gelesen, die fragmentarisch aufgebaut waren, das kann gut funktionieren und hervorragend wirken. In diesem konkreten Fall hat dieses Sprunghafte in Verbindung mit der Schwülstigkeit der Sprache eher dazu beigetragen, dass mich die Geschehnisse völlig kaltgelassen haben.

      Gruß,
      Sophie

  6. Katharina sagt

    Nach der Lektüre von Miklos Banffys Siebenbürger Trilogie über Siebenbürgens Weg in den ersten Weltkrieg reizt mich dieser Roman, um zu erfahren wie das Schicksal dieses Landes und vor allem seiner Bewohner im zweiten Weltkrieg weiterging und was würde sich besser dazu eignen als ein so kontrovers besprochener Roman?

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