Kultur
Kommentare 1

Über Kabeljau und Dorsch

Kabeljau & Dorsch ist in Berlin mittlerweile eine feste Institution, wenn es um frische und noch wenig bekannte deutsche Literatur geht. Die Lesungsreihe will zeigen, was bisher im Literaturbetrieb noch wenig Öffentlichkeit erfahren hat; will abbilden, wie sich die junge Literatur vor dem Feinschliff gestaltet. Malte Abraham, einer der Veranstalter, war so nett, mir einige Fragen zum Format zu beantworten.

Malte, Kabeljau & Dorsch, klingt zunächst ja irgendwie maritim, nach Meer und salziger Luft. Wie kommt so ein Name nach Berlin, zu einer Lesungsreihe? Wie ist sie entstanden?

Den Namen gab es bevor wir wussten, was wir damit anfagen sollten. Wenn wir Instrumente spielen könnten und besser aussehen würden, gäbe es jetzt eine Band, die so heißt. Die Lesereihe haben wir gegründet als wir vor zwei Jahren nach Berlin gezogen sind. Da gab es hier natürlich schon viele Leseformate. Aber meistens hieß Lesung: arrivierte AutorInnen, Buchpräsentation, die Vorstellung eines Literaturmagazins. Wir wollten aber zeigen, was noch keine so große Öffentlichkeit gefunden hatte, das, was vor dem Lektorat passiert, wie sich die junge Literatur gestaltet, bevor sie in den Verlags- und Betriebsstrudel gerät. Wir wollten dabei sein, wo etwas gerade erst entsteht, wir wollten talentierte Schreibende präsentieren, die bis dato noch niemand wahrgenommen hatte.

Wer ist im Organisationsteam?

Der Kern des Teams ist die Redaktion. Das sind Sven Schaub, Chris Möller und ich. Außer uns dreien gibt es aber noch mehr Leute, die fest zum Team gehören und die Veranstaltung entscheidend mitprägen. Dazu gehören Ann-Kathrin Brandt, unsere Grafikerin, und unsere Fotografen. Beim letzten Mal war das z.B. Schirin Moaiyeri, die schon oft unsere Abende festgehalten hat.

Wer kann bei Kabeljau & Dorsch auftreten und lesen?

Die Idee der Lesereihe war, dass das im Prinzip jeder kann. Jeder, der sich in dem redaktionellen Auswahlverfahren durchsetzt. Diese Zugangsoffenheit ist uns besonders wichtig. Deshalb generiert sich der aller größte Teil unserer Autoren auch nicht aus Anfragen, sondern aus Einsendungen. Wer einen Text mit einer maximalen Lesedauer von 15 Minuten hat, kann den an redaktion@kabeljauund-dorsch.de schicken. Egal ob Lyrik, Prosa oder Drama.

kd2

Es gibt ein redaktionelles Auswahlverfahren. Worauf legt ihr besonders Wert?

Wir wählen ausschließlich nach literarischer Qualität aus. Was literarische Qualität ist, würde ich mit Dringlichkeit beschreiben. In den Diskussionen geht es immer wieder darum, ob der jeweilige Text eine Dringlichkeit hat und ob Form, Perspektive und Sprache zwingend sind für den Text. Vita und Lebenslauf fallen bei der Entscheidung für oder gegen einen Text nicht ins Gewicht.

Ihr möchtet einen Einblick in gegenwärtige Literatur geben. Kann man mittlerweile, nach so einigen Lesungen, so etwas wie einen thematischen oder stilistischen Trend ausmachen? Worüber wird besonders häufig geschrieben?

Das Tolle ist, dass man das eben nicht kann. Man kann weder von einer gleichförmigen Institutsprosa reden, noch davon, dass die Texte selbsbezüglich und weltabgewandt wären, wie das immer wieder über die junge Literatur behauptet wird. Zu allermeist von alten Männern aus dem Hochfeuilleton, die an der Gegenwart sowieso seit Jahren nicht mehr teilnehmen. Das Problem ist nur, dass denen noch zugehört wird. Auf unserer Website sind einige Mitschnitte der vergangenen Lesungen zu finden und dort kann man nachhören, wie viele und unterschiedliche Zugriffe es in der jüngsten Autorengeneration auf unsere Zeit gibt.

K & D hat es auch schon in Wien gegeben. Wäre es eine Überlegung, diese Lesungsreihe auch über Berlin hinaus zu etablieren, um junger Literatur ein Forum zu bieten? Oder soll es eher eine Berliner Institution bleiben?

Außer Wien haben wir ja auch im Rahmen vom PROSANOVA Festival eine Lesung veranstaltet und würden das auch immer wieder machen, wenn uns der Kontext gefällt. Aber Kabeljau & Dorsch als feste Lesereihe in einer anderen Stadt zu machen, ist nicht der Plan. Zum einen, weil wir hier sind, zum anderen, weil es in anderen Städten vergleichbare Lesereihen gibt: z.B. in Köln „Land in Sicht“, in München „Meine drei lyrischen Ichs“ oder in Leipzig die „Hausdurchsuchungen“.

Hast du eine schöne Kabeljau-Geschichte aus dem literarischen Nähkästchen?

Es ist natürlich immer wieder so, dass Agenten oder Lektoren auf uns zu kommen und uns um den Kontakt zu einem Autor bitten. Aber spannender ist vielleicht, dass Yevgeniy Breyger hervorragend dartet, dass Thomas Köck ein sehr ausgelassener Tänzer ist und dass Clara Sondermann noch mehr Sprachen spricht, als aus denen sie übersetzt.

kd1

Was wünschst du dir für die Zukunft von Kabeljau & Dorsch?

Wir sind gerade dabei eine Kabeljau & Dorsch Anthologie herauszubringen. Dabei wollen wir einerseits praktisch erproben, was alles in einem E-Book Format möglich ist, zum anderen zeigen, dass Literatur nicht nur Text ist, sondern viele Erscheinungsformen hat. Die Texte ausgewählter Autoren werden in Audio, Video und Fotoarbeiten übersetzt und in einem E-Book versammelt, das im Juni erscheint. Wir wünschen uns also zu allererst, dass die Anthologie so gut aufgenommen wird, wie es die Lesereihe bis jetzt wurde.

Wem würdest du empfehlen, mal bei euch zu lesen?

Wenn ich das nicht allen Autoren empfehlen könnte, müssten wir grundlegend etwas an dem Konzept ändern. Aber an das Konzept glaube ich. Besonders würde ich das aber Autoren ans Herz legen, die auf sich aufmerksam machen möchten, die Kontakt suchen in die sogenannte Szene. Aber auch denen, die literaturhausfrustriert sind und nicht mehr an ein Publikum glauben, das bei Buch an Reclam denkt, bei Text an Interpretation.

Kabeljau & Dorsch bei Facebook.

Malte Abraham, geboren 1988 in Hamburg. Studiert Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien, z.Zt. Aufenthalt an der Universität der Künste Berlin. Er war Stipendiat des Klagenfurter Literaturkurses 2014. Veröffentlichungen u.a. in Bella Triste, Entwürfe, Lichtungen und Der Greif. Er ist Redakteur bei STILL – Magazin für junge Literatur & Fotografie und Veranstalter der Lesereihe Kabeljau & Dorsch.

1 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Über Kabeljau und Dorsch - #Bücher | netzlesen.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.