Erzählungen, Rezensionen
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Michael Frayn – Streichholzschachteltheater

Michael Frayn hat Humor. Das weiß man spätestens seit ,Willkommen auf Skios‚. Er schreibt auch für die Theaterbühne, wurde 2004 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Für seine Aufarbeitung bedeutender Ereignisse deutscher Zeitgeschichte. Mit ,Streichholzschachteltheater‘ präsentiert Michael Frayn nun dreißig ,zündende‘ Unterhaltungen, weniger für die Bühne als für den Kopf, unheimlich komisch und hochintelligent!

Man stelle sich nur einmal vor, man säße im Nobelpreiskomitee in Stockholm und müsse den jeweiligen Gewinnern auf ihrem Fachgebiet die freudige Nachricht überbringen. Eigentlich nichts, was in unserer Vorstellung Komplikationen hervorriefe. Nähmen wir aber weiterhin an, jeder dieser zukünftigen Preisträger legte bereits nach den Worten ,Ich wollte Ihnen mitteilen, dass sie gewonnen haben ..‚ pikiert auf, weil er den Anrufer mindestens für unseriös hält. Eine solche Situation enthält überraschend viel Komik, die Michael Frayn in einem seiner Dialoge brilliant herauszuarbeiten versteht. Überhaupt liebt Frayn das Absurde, das alltäglich Banale, das von Zeit zu Zeit an einen Loriot-Sketch erinnert. So werden wir als „Zuschauer“ der zündenden Dialoge Zeuge zweier Ehepaare in einem Café, von denen sich eines über in der Vergangenheit besuchte Urlaubsorte austauscht. Da geht es nach Marrakasch, Haititi und Holonunu. Die Ehefrau am Nebentisch sieht sich gezwungen, diesen ständig verballhornten Regionen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, bis sie schließlich wutschnaubend das Etablissement verlässt.

Ich machte mir nur Sorgen für den Fall, dass ich mir Sorgen machen müsste. Dass ich zu Ihnen käme und herausfinden würde, es bestünde kein Grund zur Sorge – oder dass ich nicht käme und dann herausfinden würde, es bestünde Grund zur Sorge bei etwas, wegen dem ich gar nicht zu Ihnen kam, weil ich mir Sorgen machte, zu Ihnen zu kommen und dann herauszufinden, es sei etwas, wegen dem ich mir keine Sorgen machen muss.

So der hypochondrische Monolog eines Patienten. Es gibt Statuen in einer Krypta, die mit den Jahrhunderten ihr Zeitgefühl verlieren, Reporter, die mit aller Ernsthaftigkeit über Hamlet berichten als handle es sich um ein politisch brisantes Ereignis und einen Wettbewerb, der jährlich den zum Sieger kürt, der am erfolgreichsten er selbst war. Das an sich gibt schon ausreichend Anlass zum Schmunzeln, noch viel intelligenter und komischer nimmt sich hier aber Michael Frayns Auflösung dieses Ereignisses aus. Wird dort doch, aus Gründen der Innovation und Progressivität, jemand ganz anderer ausgezeichnet. Eine Frau statt eines Mannes, die sich wortreich für diese Ehrung bedankt.

Dass die Juroren den Gavin Outright-Preis an jemand anderen verliehen haben als an Gavon Outright selbst, ist ein toller Tribut an seine eigene komplette Bedeutungslosigkeit. Danke dafür, Gavin, dass du dein wunderbares ausgelaugtes Selbst bist. Danke für deine konsequente Uneigentlichkeit, für dein unermüdliches Bemühen um das Fehlen jedweder näher bestimmbaren Persönlichkeit. Du hast den Begriff Selbstlosigkeit neu definiert.

Steckte nicht schon genug Skurillität in einer solchen Preisverleihung an sich, treibt Michael Frayn es auf die Spitze und brilliert auf ganzer Linie mit seinen pointiert formulierten Einfällen. Selbst die Pause wird im Streichholzschachteltheater zu einem großen Moment der Selbstfindung und persönlichen Entfaltung. Geschickt spielt Michael Frayn mit Erzählebenen, spricht den Leser immer wieder außerhalb der Dialoge an und kreiert auf diese Weise das Gefühl, tatsächlich unmittelbar an einer Theateraufführung teilzunehmen. Einer jedoch, die das Ensemble selbst nicht für besonders gelungen hält, weshalb man am Ende gebeten wird: Warum kommen Sie nicht einfach letzten Mittwoch noch mal und lesen es dann? Wer ein Freund ist des heiteren Gedankenspiels, des absurden Witzes oder der schnöden Komik des banalen Existierens, der wird mit den Dialogen und Monologen Michael Frayns seine helle Freude haben. Und obgleich sie nicht zur Aufführung bestimmt sind, würden sie sich fraglos auf der einen oder anderen Bühne hervorragend machen. Ganz sicher!

Michael Frayn: Streichholzschachteltheater, aus dem Englischen von Michael Raab, Dörlemann Verlag, 240 Seiten, 9783038200123, 17,90 €

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