Rezensionen, Romane
Kommentare 4

Maik Brüggemeyer – Catfish

Ein Bob Dylan Roman. Was um Himmels willen ist ein Bob Dylan Roman? Ein Roman über Bob Dylan oder mit ihm? Fiktiv oder biographisch? Was ,Catfish‘ von Maik Brüggemeyer anbelangt, so ist es ein bisschen von allem. Der Musikredakteur des Rolling Stone und Liebhaber Dylans unternimmt in seinem Roman eine Reise, garniert mit zahlreichen Anekdoten und Zitaten von und über Bob Dylan. Herausgekommen ist ein überraschend artifizieller Referenzroman.

Über das private Leben und Erleben von Bob Dylan ist seit jeher wenig bekannt. Interviews gewährt er den Musikredakteuren dieser Welt nicht eben häufig und wenn doch, spricht er nicht unbedingt ausufernd über sich selbst. Viel mehr hat er sich im Laufe seiner Karriere stets gewandelt, nicht nur musikalisch, sondern auch hinsichtlich seiner Rollen, die er verkörperte. Wer die Kunstfigur Bob Dylan begreifen will, muss den Marsch durch seine Songs antreten, in denen zwischen Referenzen zu Bibel, Popkultur und alten Folk – und Bluessongs immer auch ein bisschen von ihm zu finden ist. Was genau, das ist niemals eindeutig. Und oft genug, schreibt Maik Brüggemeyer, stellt Dylan eher Fragen als dass er einfache Antworten hätte. How does it feel? How many roads must a man walk down before you call him a man? Die Suche nach diesem wandelbaren, stets in Entwicklung befindlichen Wanderers Dylan führt Maik Brüggemeyer nach Amerika, nach New York und Paterson, einer Kleinstadt in New Jersey, die als Geburtsstätte Allen Ginsbergs und durch den gleichnamigen Gedichtzyklus von William Carlos Williams einige literaturgeschichtliche Berühmtheit erlangte. Er begegnet dabei skurillen und surrealen Gestalten, die jeweils eine ganz bestimmte Facette Dylans verkörpern. Den weisen abgerissenen Landstreicher zum Beispiel, der eine ganz besondere Schreibmaschine mit sich trägt.

„Und es wird auch nirgendwo sonst festgehalten, was getippt wurde.“
„Nein.“
„Das ist vollkommen sinnlos.“
„Das ist ja das Schöne daran. Ich habe es In-den-Wind-schreib-Maschine genannt.“

Er folgt einem Mann, der sich Bob nennt. In einen Folkclub namens The Bitter End, der auch in Bob Dylans Musikerkarriere eine Rolle spielte. Nach Paterson, wo eine Art Wanderbühne Kunststücke präsentiert, die direkt aus den Tiefen vergangener Tage zu stammen scheinen. So wird Brüggemeyer Zeuge einer sogenannten Minstrel Show, die nach heutigem Verständnis hochgradig rassistisch und politisch inkorrekt wäre. Der Roman fühlt sich an wie ein rätselhafter Fiebertraum, dessen Bedeutung sich einem nur in Gänze erschließt, wenn man die zahlreichen Anspielungen zu deuten weiß, die immer wieder im Text versteckt sind. Nicht immer ist Dylan versteckt, manchmal sind es auch Wegbegleiter (s.u.), Zitate über ihn.

„Ist was zu sagen gegen One Night Stands?“
„Was meinst du damit? Mädchen, die einen in ihre Schlafzimmer aus norwegischem Holz entführen und einen dann bitten, im Bad zu übernachten, weil sie am nächsten Morgen früh raus müssen?“

Der Roman changiert immer wieder zwischen Tatsachenbericht und symbolhaften Begegnungen, die sich plötzlich wie ein Roman in der Reportage einer Reise lesen. Und vermutlich ist dem Künstler Bob Dylan mit dieser collageartigen und zeitlosen Hommage voller Querverweise auf eine sehr durchdachte Art Genüge getan, transportiert des doch die Geschichten der Songs auf eine ganz neue Ebene der Fiktion. Es ist eine lobenswerte Herangehensweise, den Künstler in seiner Kunst zu suchen und nicht in Fragmenten seines Privatlebens und gleichzeitig wenig zweifelhaft, dass dieses Buch wahrscheinlich besonders eines für Musikredakteure ist, die sich an den zahllosen popkulturellen, musikhistorischen und dylanbezogenen Anspielungen erfreuen können. Aber Catfish (benannt nach einem weniger bekannten Dylansong) ist glücklicherweise nicht nur denen vorbehalten, sondern auch jenen, die einfach ein Faible für Bob Dylan, skurille Charaktere und literarische Spielerei mit der Wirklichkeit haben.

Maik Brüggemeyer hat seinem Roman nicht nur einige Hinweise für ebenso Reiselustige angefügt, sondern auch auf Spotify eine Catfish-Playlist erstellt. Die kann man davor hören, dabei und danach.

Maik Brüggemeyer: Catfish – Ein Bob Dylan Roman, Metrolit, 260 Seiten, 9783849303631, 22,00 €

4 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Maik Brüggemeyer – Catfish - #Bücher | netzlesen.de

  2. ein super buch. das macht so richtig spass und ich habe mich durch verschiedene dylan platten gehört und mir das dicke buch mit seinen liedtexten besorgt.
    danke für den spotify tipp!
    den werde ich genießen.

  3. Ach, das bringt doch ein wenig Licht in diesen tristen Tag. Deine Rezension macht wirklich Lust auf das Buch, aber vorab höre ich nun schon mal die Playlist! Danke dir!

  4. Danke für die Besprechung. Mir hat sie deutlich gemacht, dass ich das Buch wohl eher nicht lesen möchte. A.) Weil meine Begeisterung für Bob Dylan sich in engen Grenzen hält (was sooo schwer ja nicht wiegen muss) und B.) weil ich befürchtet habe, Brüggemeyer schreibt seinen Roman (auch ein wenig) im Stil seiner Rolling Stone Artikel. Das wieg sehr schwer, denn dort stört mich dieser informierte, flapsig-anspielungsreiche (und mitunter überhebliche) Ton schon länger. lg_jochen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.