Rezensionen, Sachbuch
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Joseph Roth – Nacht und Hoffnungslichter

Joseph Roth ist bekannt für Romane wie „Radetzkymarsch“, „Hiob“ oder „Die Legende vom heiligen Trinker“. Seine redaktionelle und journalistische Tätigkeit allerdings wird häufig unterschlagen und zu wenig gewürdigt. Das sollte sich ändern, denn Joseph Roth ist ein brillianter Beobachter, der in seinen oft nur wenige Zeilen umfassenden Miniaturen das (Großstadt)Leben seiner Zeit umfassend abbildet.

Er besaß keine Möbel und keine Sachen. Sein altmodischer Lederkoffer war mit Büchern, Manuskripten und Messern vollgestopft. Die Messer dienten nicht dem Mord – er liebte einfach Messer.

…schrieb Ilja Ehrenburg, russischer Schriftsteller und Journalist, über Joseph Roth. Sein später verklärender Blick auf die Habsburger Monarchie, seine Alkoholabhängigkeit und chronischen finanziellen Sorgen sind weithin bekannt, weniger geläufig sind seine redaktionellen Arbeiten für Zeitungen wie ,Der Neue Tag‘, das ,Prager Tageblatt‘, die ,Freie Deutsche Bühne‘ oder die ,Neue Berliner Zeitung‘. Roth pendelte von Großstadt zu Großstadt, von Wien nach Berlin und hinterließ dort in der journalistischen Landschaft unverkennbare Spuren. Diese Reportagen zu lesen, bedeutet nicht nur, sich Joseph Roth von einer stilistisch ganz anderen Seite zu nähern – auch wenn es ihm gelingt, jede noch so kleine Beobachtung zu einem literarischen Text werden zu lassen. Es bedeutet auch, authentische Einblicke in die Zwanziger Jahre zu nehmen. Was bewegte die Menschen? Was war Tisch – und Stadtgespräch? Mit einer bewundernswerten Akribie, einem äußerst wachen Auge für alle Details streift Joseph Roth durch die Straßen der Metropolen des 20.Jahrhunderts und entdeckt dabei nicht nur die große Politik, sondern oft genug einfach das Leben der Menschen, den aufkommenden Frühling, charmante Marotten und den Firlefanz einer Gesellschaft im Aufbruch.

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Wien um 1920

Ohne die Uhr am Stephansplatz wäre ich kein Schriftsteller. Die Stephansturmuhr ist eines meiner unumgänglich notwendigen Schriftstellerrequisiten. Wenn ich schon gar keinen Stoff habe, so gehe ich zu meiner Stephansturmuhr. Sie hat immer irgendeine Liebenswürdigkeit für mich parat in ihrem Uhrgehäuse. Ich besuche sie regelmäßig, ungefähr wie man eine alte Tante besucht, von der man weiß, daß es nicht ganz richtig mit ihr ist, daß sie aber dennoch irgendwelche Leckerbissen im Schrankfach hat.

Auch in den Wiener Kaffeehäusern ist Roth häufig Gast, immer aus dem Augenwinkel die Wiener Gemütlichkeit beobachtend, nimmt er sie auf dem Papier regelmäßig aufs Korn. Diese Wohlsituierten und Saturierten, vor ihnen Sachertorten und nach ihnen die Sintflut. Auch der sich langsam wandelnde Verkehr, die spürbare Modernisierung des Lebens hält häufig Einzug in seine Texte, sowohl zu Wiener als auch zu Berliner Zeiten. Da sind die Kriegsversehrten, die Heimgekehrten, die Waisen auf den Straßen, das Kreischen der Straßenbahnen, das Hupen der Automobile. Und in dieser enormen Dynamik der Zeit findet Joseph Roth trotz allem noch immer Platz für seinen subtilen, seinen feinsinnigen Humor:

Wie prächtig sich doch die deutsche Grammatik auf Wiener Verhältnisse anwenden läßt! Wo erscheint die leidende Form mehr angebracht als in der Südbahnhalle? In Wien streikt man nicht, es wird gestreikt. In Wien verkehrt man nicht. Es wird verkehrt. In Wien fährt man nicht. Es wird gefahren. Hier steigt man nicht ein. Das ist eine physische Unmöglichkeit. Es wird in der Menge Tausender Passagiere eingekeilt, erstickt, erdrückt, geohnmachtet, gewartet: schließlich aufgemacht, geschoben, getragen, gehoben: und zum Schluß eingestiegen.

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Berlin, Potsdamer Platz, um 1925 – ein Jahr zuvor wurde dort die erste Ampel aufgestellt

Joseph Roths Texte sind stets von einer sprachlichen Feinheit, das sie zugleich als literarisch ausformulierte Miniaturen zu lesen sind. Mit einem ganz besonderen Gespür für Sprache und Stimmung wird selbst das Hinunterblicken aus einem Dachgeschoss oder das Besuchen einer hundertjährigen Dame sprachästhetisch zu einem Genuss wie ihn heutige Reportagen selten bieten. Neben Roths eigenen Texten versammelt der Band ,Nacht und Hoffnungslichter‚ auch Texte einiger seiner Wegbegleiter. So wettert Kurt Tucholsky (als Ignaz Wrobel) über den Berliner Verkehr bzw. dessen aufgeblähte Handhabung und entwirft (als Peter Panter) einen ganz wundervollen beruflichen Werdegang für die städtischen Laternenanzünder. Carl von Ossietzky nimmt das Imperium ,Ullstein‘ einmal näher unter die Lupe, in Wien lobt Karl Kraus eine längst vergessene Lebensweise. Aufstehen und leben, wenn die Dummheiten des Tages schon begangen worden sind. Außerdem enthalten ist Roths kurze Erzählung ,Der blinde Spiegel‘, die sich allerdings innerhalb der journalistischen Texte nicht recht einfügen will. Dennoch: Diese Sammlung ist für alle Leser Joseph Roths, für alle Freunde der literarischen Miniatur, für alle Geschichtsinteressierten eine Fundgrube, die zu entdecken einem Freude machen wird!

Das war schon in der Monarchie ein Unterschied:
Im Dienst konnte man z.B. ein Auge zudrücken. Außer Dienst durfte man sogar beide offenhalten.
Im Dienst sagte man: Sie und Schweinehund. Außer Dienst war man selbst einer und per du.

Joseph Roth: Nacht und Hoffnungslichter, Hrsg. Alexander Kluy, Edition Atelier, 256 Seiten, 9783902498984, 21,95 €

2 Kommentare

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  2. Ist ein toller Autor von dem ich schon viel gelesen habe, die Umstände seines Todes haben mich sehr beeindruckt, im Wiener Literaturhaus gibt es ja immer wieder Veranstaltungen und Ausstellungen, die sich auf Joseph Roth beziehen, ist der frühere Leiter ja auch Präsident der Joseph Roth Gesellschaft und hat einmal sogar eine Reise nach Lemberg auf Roths Spuren veranstalten, bei der ich fast mitgefahren wäre.
    Zum „Radetzkymarsch“ habe ich erst spät gefunden, vorher hat mich das viele Gerede um die verlorene Monarchie und die vielen Männer und die wenigen Frauen, die noch dazu Haushälterinnen oder Prostituierte sind, abgehalten, dann habe ich die Wucht in dem Buch erkannt. Jetzt warte ich noch auf die „Kapuzinergruft“, die ich ja einmal in meinen Vorurteilen auf einem Flohmarkt liegenhaben lassen, beziehungsweise dachte, ich hätte sie schon zu Haus

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