Rezensionen, Sachbuch
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Versuch über ungeschriebene Bücher

Hinter jedem Buchtitel steckt eine Möglichkeit. Und auf jede druckgewordene Realität kommen unzählige Bücher, die entweder niemals das Licht der Welt erblickt oder vor ihrem Auftritt in der Öffentlichkeit noch ein neues Titelkleid bekommen haben. Nicht immer zur Freude des Autors, manches Mal zugunsten der Publikumswirksamkeit. Anette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger haben 71 Autoren der Gegenwart zu ihren ungeschriebenen, umgetitelten Büchern befragt.

Als ob es nicht schon genug geschriebene Bücher gäbe, erblickt nun auch noch eine Sammlung von Büchern das Licht, die nie geschrieben wurden. Flüchtige Ideen, Sätze, die einen ungeheuer griffigen Titel abgeben, zu dem allerdings noch die Geschichte fehlt, Gedanken, die sich über Jahre hinweg immer wieder leise zu Wort melden. Das sind die Stoffe, aus denen ungeschriebene Bücher bestehen. Der Titel als wichtiger Bedeutungsrahmen, als Gedankenstütze und als Kaufanreiz macht einen wesentlichen Teil eines eines Buches aus. Auch wenn er, auf das Gesamtwerk bezogen, höchstens ein Kleinstpartikel einer Geschichte ist, kann er von großer Bedeutung für einen Autoren sein. Ja, für manchen steht er sogar fest, bevor die dazugehörige Erzählung zu ihrem Ende gefunden hat. Anette Pehnt, die bereits mit „Angst“ ein beachtliches Sammelsurium menschlicher Ängste katalogisiert hat, Friedemann Holder und Michael Staiger haben in ,Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher‘ ein bisschen in den Autorenschubladen gestöbert und interessante Dinge zutage gefördert. Und nicht nur das – diesen vorwiegend noch eher im gedanklichen Stadium befindlichen Werken wurden von Grafikern und Designern der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und des Fachbereichs für Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld ein Cover angepasst, das sitzt. Und fast sowas flüstert wie: In irgendeinem Universum gibt es sie doch, diese Bücher!

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Wer konnte ahnen, dass Tilman Rammstedt seit längerer Zeit versucht, ein Buch mit dem Titel „Das Hüten fremder Hunde“ zu schreiben, in dem absolut alles zu Bruch geht? (der Titel stammt aus dem Kleingedruckten einer Haftpflichtversicherungspolice) Gabriele Kögl würde einen großen Familienroman aus „Meine Mutter kauft sich einen Strand“ machen, mit einer Prise Gesellschafts – und Zeitkritik. Terézia Mora denkt gar über „Seilschläfer“ nach. Menschen, die sich aufgrund einer beengten Wohnsituation statt ein Bett zu teilen, mehr oder weniger lässig über Wäscheleinen hängen, um im Schlaf nicht umzukippen. Es wäre ein trauriges, ja, ein tragisches Buch. Manch eine Geschichte erblickt zwar das Licht der Welt, wie Rolf Lapperts „Musik in den Träumen von Hunden“, zu kaufen ist es heute allerdings unter dem Titel „Auf den Inseln des letzten Lichts“. Hunde im Titel seien nicht gefragt (was Tilmann Rammstedt ja womöglich in Schwierigkeiten bringen könnte!). Auch Feuerwanzen sind eher problematisch, gleich zweimal wurden Feuerwanzentitel von Verlagsseite abgelehnt, zu viel Ekel und Animositäten ist mit den kleinen Tierchen verbunden. Darüber, dass Ulf Stohterfolts „Pochende Kolben“ nicht erschienen ist, ist man indessen vielleicht nicht ganz so traurig (wie der Autor selbst), Franzobels „Die Liebe der Frauen zu Wasserfällen oder Das österreichische Kamasutra“ hätte man aber womöglich doch mal angelesen.

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,Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher‘ ist ein kostbarer Ideenfundus, aus dem heraus sich wunderbar neue Ideen und Gedanken schöpfen lassen, ein kleines literarisches Perpetuum mobile, das nicht nur Bücherliebhabern Freude macht. Ganz abgesehen davon fragt man sich insgeheim selbst, welche Titel einen wohl von Vornherein in die Flucht geschlagen hätten und warum man die Bedenken von Verlagsseite nicht immer nachvollziehen kann. Diese Sammlung ist ideal für Entdecker, obwohl man doch die ganze Zeit weiß, dass man mehrheitlich über ungelegte Eier spricht. Macht nichts. Es macht deshalb nicht einen Moment weniger Spaß, Ideen von Juli Zeh, Arno Geiger, Clemens J. Setz, Nora Bossong, Thommie Bayer und vielen anderen nachzuverfolgen und mitzudenken. Wie viele Bücher wohl noch gedacht und ungeschrieben ihrer Entdeckung harren?

Anette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger: Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher, Piper Verlag, 224 Seiten, 9783492056335, 24,99 €

3 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Versuch über ungeschriebene Bücher - #Bücher | netzlesen.de

  2. *haha* wie witzig, vor allem die „Pochenden Kolben“ – die hätte E.L. James auch für ihre „Shades of Grey“-Serie verwenden können. Wie oft hab ich selbst schon im Kopf Wortscrabble gespielt und gedacht: DAS wäre mal ein guter Buchtitel! Kann ich als Zeitvertreib an der Supermarktkasse nur empfehlen 😉

  3. Interessant. Vor allem, wo man überall Anregung bekommen kann (Stichwort: Kleingedrucktes einer Versicherungspolice)!

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