Krimi, Rezensionen
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Anthony Horowitz – Der Fall Moriarty

Dass Anthony Horowitz eine Leidenschaft für den conan doyleschen Meisterdetektiv hat, steht bereits seit ,Das Geheimnis des weißen Bandes fest. Ihm ist es gelungen, die Stimmung eines alten Sherlock Holmes Falls zurückzuholen und ihn dennoch mit einer zeitgemäßen Modernität zu verbinden. Mit seinem neuen Roman ,Der Fall Moriarty‘ wagt er sich wieder aufs viktorianische Parkett und entwickelt erneut einen packenden Kriminalfall. Mit Abstrichen.

Was geschah an den Reichenbachfällen? Eine Frage, über die in fachkundigen Kreisen wie im Literarischen immer mal wieder debattiert wird. Ursprünglich mit dem Zweck, Sherlock Holmes ein für alle Mal sterben zu lassen, entwickelte Arthur Conan Doyle diese Szene. Holmes und sein Erzfeind Professor Moriarty ringen an Schweizer Gewässern um Leben und Tod, schließlich stürzen beide hinab. Conan Doyle muss erleichtert gewesen sein, sich schlussendlich einer Figur entledigt zu haben, die bereits ein Eigenleben zu entwickeln schien. Doch er hatte die Rechnung ohne zahlreiche Verehrer und Bewunderer gemacht, die den vermeintlich realen Menschen entweder betrauerten oder das Ende der fiktiven Geschichten lautstark monierten. Sherlock Holmes war eine Auferstehung beschieden („Das leere Haus“), der man anmerkt, dass sie nicht von Vornherein so geplant war. Doch es gibt viele Wahrheiten rund um die Reichenbachfälle. Das weiß auch Anthony Horowitz.

Glaubt irgendjemand wirklich, was an den Reichenbachfällen passiert ist? Viele Berichte sind darüber geschrieben worden, aber mir scheint, dass bei allen das Wichtigste fehlt … nämlich die Wahrheit.

Mit diesem ersten Satz ist das Feld bereits abgesteckt. Wir sollen eine Wahrheit erfahren, die in allen anderen Berichten sträflich vernachlässigt worden ist. Frederick Chase, Ermittler der New Yorker Agentur Pinkerton und Athelney Jones, Mitarbeiter von Scotland Yard, treffen in der Schweiz zusammen, auf einem Polizeirevier und bei der Leiche Moriartys. Der eine sucht das amerikanische Pendant zu Moriarty, der andere Moriarty selbst. Athelney Jones ist, ganz im Gegensatz zu Frederick Chase keine Erfindung von Anthony Horowitz, er bedient sich eines Ermittlers, der bereits bei Conan Doyle einen Auftritt hatte. Chase jedenfalls erzählt Athelney Jones von Clarence Devereux, einem Mann, der das gesamte kriminelle Leben in Amerika aus dem Verborgenen heraus kontrolliere und nun offensichtlich seine Finger nach England ausstrecke. Es ginge ihm um eine Zusammenarbeit mit Professor Moriarty. Der aber liegt tot vor den beiden, jedenfalls wenn man dem Schild Glauben schenken darf, das an dessen Handgelenk baumelt. Gesehen hat den Meisterverbrecher ja selten jemand. Doch weiß Devereux das auch?

Und so ging es nach London. Es heißt, dass alle guten Amerikaner nach ihrem Tod nach Paris dürfen. Die weniger Braven enden wahrscheinlich so ähnlich wie ich und  müssen ihre Überseekoffer aus der Charing Cross Station schleifen, während die Bettler über sie herfallen und die Menschenmassen vorbeiströmen.

Die beiden beginnen in London mit ihren Ermittlungen, die sie bis in die amerikanische Botschaft führen. Es wird viel Blut vergossen, falsche Fährten werden gelegt und Geheimbotschaften entschlüsselt, ein Kind entführt und die Spannung bis zuletzt gehalten. Das Ende überrascht mit einer Wendung, die man kaum vorhersehen konnte, selbst wenn man Detektiv eines Schlages wie Sherlock Holmes wäre. Auch in diesem Roman streut Anthony Horowitz Verweise auf klassische Sherlock Holmes Fälle ein. Bediente er sich in seinem ersten Roman des Arztes Dr. Trevelyan aus ,The Resident Patient‚ ist es nun John Clay, ein Krimineller blauen Blutes, der in ‚The Read Headed League‚ einen Bankraub plante. Da allerorten noch von dem Tod Sherlock Holmes‘ ausgegangen wird, konstruiert Anthony Horowitz nun eine Beziehung zwischen Chase und Jones, die der von Holmes und Watson sehr ähnlich ist. Athelney Jones besitzt eine bewundernswerte Auffassungsgabe, Chase übernimmt die Rolle des nachhakenden Dr. Watson. Das ist zwar einerseits sehr komfortabel, denn so erweckt er den Eindruck, man läse einen Sherlock Holmes Roman ohne Sherlock Holmes, andererseits gelangt man zu der Frage, weshalb nicht ein Fall konstruiert wurde, der das ursprüngliche Personal beibehält, wenn die Rollenverteilung dieselbe ist. Insgesamt ist ,Der Fall Moriarty‚ aber ein mitreißender, solider Krimi mit viktorianischem Ambiente und vielen unerwarteten Wendungen. Mit wohltuender Geschwindigkeit entspinnt sich eine Geschichte rund um das Universum „Sherlock Holmes“. Flüssig zu lesen, gut konstruiert und empfehlenswert für Leser, die sich gern einen Krimi klassischerer Machart genehmigen! Nur zu viel Sherlock Holmes darf man darin nicht erwarten, – inhaltlich würde der Roman auch ganz ohne seinen Stempel funktionieren.

Anthony Horowitz: Der Fall Moriarty, aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff, Insel Verlag, 341 Seiten, 9783458176121, 19,95 €

Eine weitere Rezension gibt’s bei Herzpotential.

3 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Der Fall Moriarty - #Bücher | netzlesen.de

  2. Vielen Dank für deine Rezension! Ich habe das Buch erst vor kurzem gelesen und deine Meinung trifft recht gut das, was ich mir beim Lesen ebenfalls gedacht habe :). Aus demselben Grund hat mir auch der Vorgänger „Das Geheimnis des weißen Bandes“ eine Spur besser gefallen, weil Horowitz dort noch mit den Originalcharakteren arbeiten konnte (durfte?). Dort wirkte das Detektivgespann dann auch authentischer als bei „Der Fall Moriarty“. Ich bin ja neugierig, ob es von Horowitz jetzt weitere Bücher aus dem Holmes-Kosmos geben wird oder nicht. Und wenn ja, wie er das in das bereits vorgegebene Zeitgefüge integrieren wird :).

  3. Ach ja, und wie immer habe ich noch einen Satz vergessen: Ich wollte eigentlich noch erwähnen, dass mir „Der Fall Moriarty“ aber trotzdem auf seine Art gefallen hat, weil hier endlich einmal der Gegenspieler von Holmes, der im Original von Doyle sehr einseitig und bösartig beschrieben wurde, mehr Tiefgang bekommt. Sollte Horowitz ihn wieder zu einem Helden seiner Bücher machen, würde ich schon deswegen weiterlesen, weil es mich interessiert, was er in Amerika erlebt :).

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