Erzählungen, Rezensionen
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Carlos María Domínguez – Das Papierhaus

Exzessives Büchersammeln und Lesen ist nicht immer nur eine charmante, etwas verschrobene Eigenheit – es kann auch zu einer Leidenschaft werden, die einsam und merkwürdig macht. Carlos María Domínguez beweist in seiner Erzählung ,Das Papierhaus‚, die erstmals 2004 erschien, dass die Literatur mehr Macht hat als man gemeinhin glaubt. Sie verändert Leben. Zum Guten wie zum Schlechten.

Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.

So beginnt Domínguez‘ Erzählung und wahrscheinlich schickt es sich für einen Buchliebhaber einfach, auf eine sehr prosaische Art und Weise aus dem Leben zu scheiden. Ein Buch lesend vom Auto erfasst oder am Regal von einem dicken Wälzer erschlagen werden, als Hund durch den Genuss von tausend Seiten „Die Brüder Karamasow“ sterben – es gäbe weniger schöne Szenarien. Dennoch ist Bluma Lennons Tod natürlich eine tragische Sache. Sie lehrte an der Universität Cambridge und ihr junger Kollege, der gleichzeitig ihr Liebhaber und Erzähler der Geschichte ist, muss nun ihren Platz einnehmen. Das täte er auch anstandslos, wenn nicht eines Tages plötzlich ein an Bluma adressiertes Buch auf seinem Schreibtisch landen würde. Es ist ,Die Schattenlinie‚ von Joseph Conrad und enthält eine Widmung Blumas, darüber hinaus scheint es verdreckt und mit einer bröckeligen Zementschicht überzogen.

Niemand hat es gern, wenn ihm ein Buch abhandenkommt. Lieber verlegen wir einen Ring, eine Uhr oder unseren Schirm als ein Buch, das wir vielleicht nicht mehr lesen werden, das aber mit dem vertrauten Klang seines Titels ein altes, vielleicht verloren gegangenes Gefühl in uns wachruft.

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Ihr Kollege beginnt nun nachzuforschen, wer dieser ,Carlos Brauer‘ ist, an den Bluma das Buch einst geschickt hatte und stößt dabei auf die so tragische wie mystische Geschichte eines Mannes, dem das Bücherlesen eine Welt gab und ein Leben nahm. Letztlich endete er, der eine gigantische Bibliothek sein Eigen nannte und Stunden mit komplizierten Katalogisierungen zubringen konnte, an einem Strand und in einer Hütte, die neben Steinen auch aus Schätzen seiner Bibliothek bestand. Er lebte in einem „Papierhaus“, allein und abgeschieden, von den meisten Menschen als Sonderling verschrien. Wir alle wissen, dass Literatur eine wunderbare, aber auch gefährliche Sache sein kann – nicht erst seit Don Quichote. Wer sich nur noch Tag und Nacht in seine Bücher vergräbt, läuft Gefahr, den Kontakt zur Realität zu verlieren.

Irgendwann hatte er so viele Bücher – über zwanzigtausend, glaube ich – dass er die Bücherregale in seinem keineswegs kleinen Wohnzimmer quer stellen musste wie in einer öffentlichen Bücherei. Sogar im Bad standen an allen Wänden Bücher, und sie sind ihm nur deshalb erhalten geblieben, weil er kein warmes Wasser mehr laufen ließ, um den Dampf zu vermeiden. Er duschte kalt, im Sommer wie im Winter.

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Carlos María Domínguez hat eine Geschichte über Bibliomanie, gleichermaßen aber auch eine Liebeserklärung an die Literatur und ihre Kraft geschrieben. Dieses schmale Büchlein, mit seinen 89 Seiten wirklich ausnehmend kurz, erfährt durch die wunderbaren Illustrationen von Jörg Hülsman nochmal eine deutliche Aufwertung und ist ein perfektes Geschenk für alle Literaturliebhaber, denen ihre Liebe manchmal über den Kopf wächst. (Seht mich einen etwas bekümmerten und verklärten Blick auf meine Regale werfen!) Auch wenn die Romantisierung von Büchern und Literatur manchmal überhand nimmt, so kommen wir doch wahrscheinlich alle darin überein, dass mehr an ihnen sein muss als bloß Papier und Druckerschwärze. Domínguez, ein gefeierter und berühmter Autor im lateinamerikanischen Raum, hat dieser inneren Überzeugung des Lesers diese Geschichte gewidmet, die nun dank dem Insel Verlag wieder in besonders schöner Ausstattung zu haben ist. Zum Immer-wieder-lesen.

Carlos María Domínguez – Das Papierhaus, aus dem Spanischen von Elisabeth Müller, mit Illustrationen von Jörg Hülsmann, Insel Verlag, 89 Seiten, 9783458176152, 12,00 €

Eine weitere Rezension gibt es auf dem Durchleser-Blog.

6 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Leid und Leidenschaft - #Bücher | netzlesen.de

  2. Eine Hymne auf das Büchlein hier und eine auf dem Durchleser-Blog.
    Was soll ich jetzt noch sagen? Meine schleichende Geschwindigkeit beim Bloggen wird mir noch zum Verhängnis.
    Trotzdem behalte ich Dominguez weiter auf dem Zettel mit der Liste der noch (vor Weihnachten) zu lobenden Bücher.
    lg_jochen

  3. Ich mag zwar tragische Geschichten nicht, aber das Buch macht mich neugierig. Vermutlich wegen des Titels und der schönen Illustrationen. Ich werde es mir mal genauer ansehen. 🙂

  4. muss sich mir ja wohl kaufen… nachdem ich selber schon einige bücher über bibliophile und -mane vorgestellt habe. was die episode mit den 20.000 büchern angeht, habe ich neulich bei fadiman gelesen, daß – von gladstone lernen heißt siegen lernen – in einem raum von 12 auf 6 m ca. 60.000 bücher unterzubringen sind. es ist noch luft nach oben! :-))
    lg
    fs

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