Rezensionen, Romane
Kommentare 4

Christopher Isherwood – A Single Man

George ist Literaturprofessor und mit sich und seiner Welt seit dem Tod seines Freundes allein. Sein Leben ist zusammengeschrumpft auf tägliche Verrichtungen, die er fast im Autopilot erledigt, er ist „George, der Chauffeur“, „George, der Professor“, ein Mann, der sich inmitten seiner Rollen und Gewohnheiten selbst zurücklässt. Christopher Isherwoods erstmals 1964 erschienener Roman ist weit mehr als die tragische Geschichte eines alternden Professors, – es ist die Geschichte eines zurückgestoßenen Einzelgängers und einer bigotten Gesellschaft.

I really admire the sort of person that George is: It isn’t me at all. Here is somebody who really has nothing to support him except a kind of gradually waning animal vitality, and yet he fights, like a badger, and goes on demanding, fighting for happiness. That attitude I think rather magnificent.

Ich bewundere Georges Persönlichkeit sehr: Er ist mir gar nicht ähnlich. Er hat wirklich nichts, das ihn aufrechterhält außer einer nach und nach abnehmenden tierischen Lebenskraft,  und dennoch kämpft er wie ein Dachs, fordert weiter, kämpft für das Glück. Ich glaube, so eine Einstellung ist ziemlich großartig.

So beschreibt Christopher Isherwood die Hauptperson seines Romans im Interview mit der Paris Review. Und in der Tat ist Einzelgänger George ein harter Brocken. Streckenweise sehr verbittert und verlassen, quält ihn noch immer der Tod seines Freundes Jim, mit dem er zusammenlebte. George ist Literaturprofessor und homosexuell, was ihn schon für die meisten Nachbarn zu einer wenn nicht unbedingt gefährlichen, so aber doch potentiell suspekten Lebensform macht. Das allerdings tritt nicht immer durch offene Ablehnung zutage, sondern oft genug auch durch radikale Toleranz. Toleranz, die sich als Aufgeschlossenheit präsentieren will und dann doch wieder bloß ein Korsett des milden Lächelns ist. Lass ihn doch, so ist er eben.  Seinen Nachbarn erzählt er nichts von Jims Autounfall, er erfindet für ihn ein neues Leben in der alten Heimat.

Und heutzutage antwortet er auf die Fragen von Mrs. Strunk und den anderen, dass er in der Tat gerade von Jim gehört habe, und ja, Jim gehe es gut. Sie fragen immer seltener. Eigentlich ist es ihnen egal.

In George brodelt die Wut über die Heuchelei seiner Nachbarn, die zwischen den Mahlzeiten ein bisschen Psychoanalyse betreiben, über seine Studenten, die unbeirrt und aller Wirklichkeit zum Trotz noch immer glauben, sie könnten einmal Romane oder Gedichte schreiben und es zu etwas bringen! Zwar kämpft er immer wieder um ein kleines Stück annehmlichen Lebens, seine Motoren sind aber oft genug der Zynismus und die Lebens – und Daseinsverdrossenheit. Während Christopher Isherwood sich in ,Leb wohl, Berlin‚ , das die Vorlage zum Musical Cabaret lieferte, viel mit dem Leben in Deutschland befasste –  er wohnte selbst mehrere Jahre in Berlin und war dort häufiger Gast in einschlägigen Nachtlokalen -, ist ,A Single Man‚ ein sehr amerikanischer Roman. Es geht um Scheinheiligkeit, verfallende Kleinstädte, Vereinzelung, vielleicht auch Einsamkeit. Darum, wer wir sind und bleiben, wenn der Mensch, der uns kannte, uns plötzlich genommen wird. Darum, wie unsere verschiedenen Alltagsrollen das Regiment übernehmen. Darum, was vom Leben irgendwann einmal übrig bleibt, wenn wir Zeit haben, es zu betrachten.

Isherwood beschreibt mit spitzer Feder und in so wohltuend prägnantem und pointierten Stil die Innenwelt dieses Mannes, dass man beeindruckt sein muss von einer solchen Beobachtungsgabe. Witzig, scharfzüngig und präzise muss man Isherwoods Roman nennen, nichts hier ist überflüssiges Bei – und Füllwerk, wenn man auch nicht allen gedanklichen Ausflügen des vielgesichtigen George auf Anhieb folgen mag! Als man gerade meint, dieser Tag in Georges einsamem Leben ginge nach einem ausgiebigen Umtrunk bei einer Freundin so zu Ende wie zahllose vor ihm, trifft er auf einen seiner Studenten. Zwischen beiden besteht eine ganz eigene Anziehungskraft und gegenseitige Bewunderung und für einige Stunden gelingt es George, sein so eng umgrenztes Leben zu verlassen. Möglicherweise sogar für immer.

Verdammtes Leben. Am liebsten würde er seinen Einkaufswagen einfach stehenlassen, aber der ist bereits mit Lebensmitteln vollgepackt. Das würde den Angestellten nur zusätzliche Arbeit machen, und einer von ihnen ist ziemlich hübsch. Die Alternative, alles an seinen Ort zurückzulegen, erscheint ihm wie eine Herkulesarbeit, denn er ist ganz träge vor Traurigkeit. Es ist die Art von Trägheit, die einen ins Bett schickt und dort festhält, bis man wirklich krank ist.

,A Single Man‘ hat Regisseur Tom Ford so begeistert, dass er sich, auch in aufrichtiger und leider niemals erwiderter Bewunderung Isherwoods, im Jahr 2009 entschloss, den Roman mit Colin Firth in der Hauptrolle zu verfilmen. Zum Abschluss also einen fast hypnotischen Trailer, der Lust darauf macht, George erneut zu begegnen.

Christopher Isherwood: A Single Man, aus dem Englischen von Thomas Melle, Hoffmann und Campe Verlag, 158 Seiten, 9783455405019, 18,00 €

Eine weitere Rezension findet ihr auf Herzpotential.

4 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Der Einzelgänger - #Bücher | netzlesen.de

  2. Liebe Sophie, ich habe den Film gesehen, der ist wirklich großartig! Aber deine Rezension macht mir wirklich große Lust darauf, auch den Roman wegen seines „prägnanten und pointierten Stils“ wie du schreibst, kennenzulernen. Hast mich auf jeden Fall angefixt 😉

    • Liebe Karo,

      das freut mich zu hören! Der Einstieg in diesen Roman hat zum Stärksten gehört, was ich dieses Jahr so gelesen habe, muss ich sagen. Ein bisschen zynisch, ein bisschen verbittert, aber sowas mag ich ja. 😉

  3. Sehr schöne Rezension, wie viele andere auch in deinem Blog-Projekt. Für die Vielen, die jetzt Lust bekommen haben „A Single Man“ zu lesen, sei vielleicht erlaubt, noch hinzuzufügen, dass
    Christopher Isherwood ein weiteres Meisterwerk geschrieben hat: „Löwen und Schatten“ – eine
    englische Jugend in den Zwanziger Jahren. Erinnerungen an Schule und Studium, an London und Cambridge, auch an seine Freunde Stephen Spender und W.H. Auden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.