Erzählungen, Rezensionen
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Phil Klay – Wir erschossen auch Hunde

Für die meisten finden Kriege im Fernsehen statt. In der Zeitung allenfalls. Weit entfernt von alltäglichem Dauerstress und dem verzweifelten Versuch, sich zu entspannen. Phil Klay, der selbst als US-Marine im Irak stationiert war, liefert mit seinem Erzählband ,Wir erschossen auch Hunde‚ den Krieg und seine Sinnlosigkeit mit Wucht und Eindringlichkeit direkt ins heimische Wohnzimmer.

Krieg ist heute automatisiert, die Feindbilder sind klar. Man tut gut daran, weder Mission nach Handeln zu sehr zu hinterfragen. Und auch wenn man nach Hause zurückkehrt, bleibt man dort. In zwölf Erzählungen aus Truppenlagern in Afghanistan oder dem Irak beschreibt Phil Klay auf vielfältige Weise den Umgang mit Krieg, Tod, Gewalt und Befehlen. Viele seiner Figuren haben das selbstständige und kritische Denken längst aufgegeben und sich einer Idee unterworfen, die sie für gut und ehrenhaft halten. Viele fürchten einfach nur um ihr Leben, auch wenn keiner von ihnen es zugeben kann. Sie handeln so automatisch wie die Waffen und Geschütze, die sie bedienen.

In dem Moment denkt man nicht darüber nach. Da überlegt man, wer in dem Haus ist, was für Waffen er hat, wie er dich und deine Freunde umbringen will. Man geht Block für Block vor, mit einem Gewehr, das bis fünfhundertfünzig Meter präzise ist, erschießt aber Leute auf fünf in kleinen Betonkästen.

Da ist der Lance Corporal, der bei einer Mission zum ersten Mal Menschen tötet, hunderte Meter entfernt. Statt sich wie ein Held zu fühlen, der den Feind ausgelöscht hat, beginnt er sich hilflos zu fragen, ob womöglich einer der Aufständischen überlebt haben könnte. Er fragt den Sergeant, ob man nicht eine Einheit losschicken könne, die sich ansieht, was sie angerichtet haben, hunderte Meter entfernt. Er wird ausgelacht. Phil Klay schreibt von der Entmenschlichung der „Feinde“, vom Aufgehen des Einzelnen in der Gruppe. Als ein Marine im Gefecht stirbt, weil er seine Kameraden aus der Schusslinie zieht, geht es nicht um ihn als Mensch. Als es um die Belobigung und Auszeichnung dieser Heldentat geht, wird klar: Der einzelne Mensch ist ersetzbar.

„Wir vergeben keine Orden dafür, dass einer ein toller Kerl ist.“, sagte ich.
„Er war aber ein toller Kerl“, sagte Boylan.
„Ach, nee? Das ist ja wohl scheißklar. Aber in der Belobigung beschreibt man nicht seine großartigen menschlichen Eigenschaften, bla, bla, bla. Da muss er dem Vergleich mit jedem anderen Marine standhalten, der haarsträubend mutige Sachen gebracht hat. (…)“

Es geht um Korruption, darum, dass es wichtiger und angesehener ist, Witwen das Imkern näherzubringen als eine vernünftige Wasserversorgung sicherzustellen. Es geht um die PRP-Einheit – Personnel Retrieval and Processing, die die amerikanischen Gefallenen vom Feld holt und für den Heimtransport vorbereitet. Ein Reservist der PRP-Einheit bittet einen jungen Corporal darum, seinen Ehering doch um den Hals zu tragen, er sei derjenige, der den Toten die Eheringe vom Finger ziehen müsse. Wenn sie bei der Marke um den Hals baumeln, ist es leichter. Für alle. In ,OIF‘ arbeitet Klay fast ausschließlich mit militärtypischen Abkürzungen und Codes, für die es am Ende des Buches eigens ein Glossar gibt. Fast alle Begriffe fallen in diese Geschichte, die für den Laien auf Anhieb zwar schwer verständlich scheint, am Ende aber ein wichtiges Gefühl hinterlässt: nämlich Distanz. Emotionale Beteiligung muss um jeden Preis vermieden werden – was böte sich hier besser als codierte und kalte Brocken von Sprache?

In voller Kampfmontur sind Marines furchteinflößend. In Trauer sehen sie aus wie Kinder.

Phil Klays Erzählungen sind beeindruckende und vielfältige Aufnahmen des Krieges in unserer Gegenwart. ,Redeployment‘ (dt. ,Umgruppierung‘, ,Neueinsatz‘), wie der Titel im Original lautet, wurde dieses Jahr mit dem National Book Award ausgezeichnet und zu Recht mit viel Lob und guten Worten bedacht. Nicht zuletzt auch deswegen, weil Klay sich nicht ausschließlich auf besonders haarsträubende, magenhebende Gefechtsszenen verlegt, sondern einen präzisen Blick für das Dahinter und vorallendingen auch das Danach beweist. Was passiert nach den Gefechten? Was passiert nach der Heimkehr?  Es sind Erzählungen von großer sprachlicher Qualität und Klarheit, die aufrütteln, die sensiblisieren, die Einblick gewähren in eine Welt, die wir uns oft weiter weg wünschen als sie ist. Vielleicht ist Klay hier ein Remarque seiner Zeit geglückt.

Phil Klay: Wir erschossen auch Hunde, aus dem Amerikanischen von Hannes Meyer, Suhrkamp Verlag, 300 Seiten, 9783518465431, 16,99 €

Außerdem: Ein Interview mit Phil Klay bei The Paris Review.

3 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Betrachtungen aus der Schusslinie - #Bücher | netzlesen.de

  2. Hm. Habe ein Interview mit ihm im TV gesehen, war da schon sehr beeindruckt und neugierig auf das Buch. Wenn Du nun einen Remarque seiner Zeit vermutest, dann ist ein Gang in die Buchhandlung wohl unumgänglich. Geh ich mal los.

  3. Ich habe dich bei blogboard gefunden. Und nachdem ich diesen Beitrag gelesen habe, bin ich gerade ganz unglücklich, weil ich jetzt noch mehr bereue, so wenig Zeit zum Lesen zu haben. Aber hier in Schweden ist ja jetzt die tiefdunkle Jahreszeit und kindle Bücher bekomm ich ja zum Glück überall. Ich bin immer wieder entsetzt, wie sehr wir die Kriege auf der Welt ausblenden können, es ist ganz einfach, so zu tun, als hätte das alles nichts mit uns zu tun. Dafür sind solche Bücher so wichtig, danke für die Vorstellung. Liebe Grüße, Theo

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