Rezensionen, Romane
Kommentare 2

Teresa Präauer – Johnny und Jean

Sie kommen aus der Provinz in die „zweitgrößte Stadt“, der eine mit beeindruckender Präsenz, der andere mit zahlreichen Bildern von Fischen. Beide geben sie sich neue Namen, um das Alte hinter sich zu lassen, um all das abzustreifen, was ihnen jetzt, als Kunststudenten in der hippen Großstadt, bloß noch lästig erscheint. Teresa Präauer schreibt einen Roman von Freundschaft und Kunst, aber auch von den Unsicherheiten des Erwachsenwerdens.

Johnny und Jean – so nennen sie sich – sind Kunststudenten und infolgedessen schon qua ihrer Studienwahl zu einer gewissen Selbstinszenierung verpflichtet. Aus der Kleinstadt gelangen beide Männer in die große Stadt; der eine fügt sich mit seiner Präsenz und seinem Charisma fast organisch in seine Umgebung, der andere kommt mit Bildern von Fischen daher, die wenig Beachtung in Künstlerkreisen finden. Jean, französisch ausgesprochen, ist der hippe und überall beliebte Künstlertyp, dem alles zu gelingen scheint, was er anpackt. Johnny, „der Amerikaner“, fantasiert zunächst bloß, stumm wie seine getuschten Fische, von einer Freundschaft zu Jean. Zu Jean-der-alles-kann, Jean-der-jeden-begeistert. Er ist nur Johnny-der-Zigaretten-dreht.

Ein Jahr lang gehe ich geduckt durch die Straßen der Stadt. Wenn ich zum Himmel blicke, sehe ich dort Jeans ausgerolltes Bild über mir, das die Sonne verdeckt, ein ganzes Jahr. Ich schäme mich für die Fische und dafür, dass ich es nicht verstanden habe, sie daheim zu lassen in meinem Bubenzimmer.

Schleichend und schrittweise vollzieht sich eine Annäherung der beiden grundverschiedenen Charaktere. Jean, der wochenlang auf Müllkippen allerlei Unrat gesammelt, verschraubt und vor seiner Wohnungstür drapiert hat, lädt seine Kommilitonen zu einer Party ein. Die sollen sich durch den Schrottberg arbeiten und das auf Video festhalten. Jedenfalls ist das Jeans stille Erwartung bei seiner Installation, die sehr zu seiner Enttäuschung niemand erfüllt hat, als sie endlich zu ihm durchdringen. Er ist exaltiert, flieht in die Kunst und sich selbst als Kunstfigur vor dem gewalttätigen Vater, den er in der Provinz zuhausegelassen hat. Jean wird schnell zu einer lokalen Berühmtheit, darf in Galerien in der Stadt ausstellen, seine Arbeiten finden ein reges Echo in der Presse. Johnny bleibt im Hintergrund.

Die Menschen, die in Häusern wohnen, hängen ihre Bilder ja meistens zu hoch. Nicht die in den Galerien, sondern die in den Wohnzimmern. Meinst du damit etwa wieder meine Bilder?, fragt Herr Dalí und droht bei fortgesetzter Kritik an seinem Werk mit dem Schmelzen meiner Wanduhr. (…) Nur zu, sage ich zu Herrn Dalí, nehmen Sie meine Uhr, die Zeit rennt mir sowieso davon. Es ist bald ein Jahr vergangen, und ich stecke noch so sehr im Anfang fest.

Nicht nur, dass die Jungen versuchen müssten, sich von ihrer Herkunft und ihrem Elternhaus zu emanzipieren, über ihnen wachen auch die großen Künstler, nie um einen Kommentar verlegen. Wenn Jean und Johnny nicht gerade im Lokal am Kai Pastis trinken und über ihre Künstlerzukunft philosophieren, versucht Johnny, etwas aus sich und seinen Werken zu machen – immer wieder auch im Dialog mit den großen Meistern. Ob Duchamp, beide Cranachs, Dalí, Beuys, sogar Charlie Chaplin mischt sich in den Dreh eines Stopmotion-Films. Und die Frage über allem: Was bedeutet Freiheit? Freiheit von wem? Freiheit in der Kunst? Freiheit im Leben.

präauer2

Teresa Präauer, die für ihren Debütroman ,Der Herrscher aus Übersee‘ mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, schreibt mit ,Johnny und Jean‘ einen Roman, in dem selten so ganz klar ist, was wirklich passiert, was Gegenstand eines Gedankenspiels oder einer Fantasie ist, was Traum und was Wirklichkeit. Wie Farben verlaufen die einzelnen Stränge ineinander und als noch eine Frau ins Spiel kommt, die beide unabhängig voneinander an verschiedenen Orten in Europa getroffen haben, fragt man sich, ob das sein kann. Es ist ein kunstvolles Spiel mit Realitäten und Identitäten, vermutlich sind Johnny und Jean eher Matthias und Stefan – aber sie wollen vielleicht doch lieber jemand anders sein. Im Glanze großer Meister. Viel wird geraucht, viel wird geträumt, viele Anspielungen werden gemacht, von denen manche wohl nur dem Kunstkenner ins Auge springen, Teresa Präauer selbst hat Malerei studiert und auch selbst den Buchumschlag gestaltet. Ein sprachlich gelungenes und verträumtes, verspieltes Buch von großen Fragen, in der Kunst wie im Leben.

Wir sind eine kleine Maschine, die einem gemeinsamen Ziel entgegenrattert, nein, schnurrt: unser Motor ist die Freundschaft, unser Treibstoff der Pastis.

Teresa Präauer: Johnny und Jean, Wallstein Verlag, 208 Seiten, 9783835315563, 19,90 €

Eine weitere Besprechung findet ihr bei deep read.

2 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Wenn Cranach mit Dalí - #Bücher | netzlesen.de

  2. Pingback: Teresa Präauer: Johnny und Jean | We read Indie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.