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Stephanie Bart – Deutscher Meister

Der junge Johann ,Rukelie‘ Trollmann ist im Deutschland der 20er und 30er Jahre ein Superstar des Boxsports. Wendig, gerissen, gut trainiert, ein Entertainer im Ring. Doch im Zuge der stetigen Unterwanderung der Gesellschaft durch die Nationalsozialisten wird Trollmann zum Problem. Er ist Sinto, ein „Zigeuner“, den es unbedingt vom Meisterschaftstitel fernzuhalten gilt. Stephanie Bart schreibt mit ,Deutscher Meister nicht nur ein ganz persönliches Sportlerdrama, sie entwirft eine Momentaufnahme nationalsozialistischer Diktatur und Gesellschaft.

Der Führer sagte, er goutiere das Boxen. Gäbe es unter Jugendlichen mehr gestählte und vom Boxsport trainierte Körper, die Gesellschaft wäre eine bessere, das Boxen galt ihm als Königsdisziplin. Zuvor eine Sportart, die zwar interessiert verfolgt, gesellschaftlich aber nicht höher gehalten wurde als andere, wird sie unter Hitler zur nationalen Sache. Der Boxsport muss reformiert werden, das glaubt auch der Verband deutscher Faustkämpfer. Scheinbar ohne jeden moralischen Skrupel beginnt der Erste Vorsitzende des VDF also, jüdische Boxer, Sekundanten und Veranstalter systematisch aus dem Verband auszuschließen. Gewissenhaft streicht er durch, wer die nationale Sache an dieser Stelle nicht mehr vertreten kann, – er hat den Rückenwind der Macht, das Geleit der herrschenden Zustände im Land.

Nie waren die Umstände so geeignet wie jetzt, die feinen Herren der Behörde zu entmachten. (…) Und weiter ließ er das Lineal  über die Namen laufen und strich die jüdischen Boxer, Manager, Trainer, Veranstalter, Technischen Leiter, Ringärzte, Ringrichter, Punktrichter, Zeitnehmer, Sprecher, Sekundanten; er strich sie alle von der Liste.

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Trollmann, 1928

Einen jedoch kann er nicht streichen, weil er einen makellosen deutschen Pass besitzt und als unbestrittener Publikumsliebling gilt – Johann ,Rukelie‘ Trollmann. Ein Sinto, ein Zigeuner, keiner, der die germanische Rasse vertreten könnte und sollte. Er ist ein gewandter, junger Mann, der im Ring oftmals durch das auffällt, was Presse und regierungsnahe Funktionäre abschätzig als „Mätzchen“ bezeichnen. Heute würde man es vielleicht Entertainment nennen oder Selbstinszenierung, zum damaligen Zeitpunkt war ein solches Verhalten, von einem Sinto, unter keinen Umständen hinnehmbar. Wenn man nun Trollmann schon nicht verschwinden lassen kann, muss er im Ring bezwungen werden, unter vermeintlich fairen und regelkonformen Bedingungen. Am 09. Juni 1933 gewann Trollmann klar nach Punkten gegen Adolf Witt den Meistertitel im Halbschwergewicht. Nachdem man seitens des Verbands noch ungeschickt versucht hatte, Trollmann den Titel gar nicht erst zu überlassen, tut man es doch. Man beugt sich dem rasenden Publikum. Doch nur kurz: Acht Tage später wird Trollmann der Sieg unter fadenscheinigen Begründungen wieder aberkannt.

Am nächsten Morgen holte er sich ein paar Zeitungen und las es schwarz auf weiß: Trollmann ohne Titel, Beschluss der Behörde, Thema erledigt. Er war schon oft genug betrogen worden, er kannte den Betruf in – und auswendig, den Stich, die Einsamkeit nicht während des Kampfes, sondern bei der Urteilsverkündung, das Nichtausweichenkönnen, die Lüge, die kochende Zigeunerscheiße, die Blicke der Funktionäre und Offiziellen.

Ihm wird ein weiterer Kampf unter erniedrigenden und regelwidrigen Bedingungen zugestanden. Trollmann soll gegen Gustav Eder kämpfen, sich jedoch im Kampf nicht bewegen, nicht fintieren, nicht laufen, wie man es von ihm kennt. Es ist eine Farce, die Trollmann nur umso deutlicher herausstellt als er sich die Haare blond färbt und als Karikatur eines Ariers in den Ring steigt. Johann Trollmann unterliegt gegen Gustav Eder, was das Ende seiner Karriere einläutet. 1939 wird er zur Wehrmacht eingezogen, kehrt verletzt zurück, wird schließlich 1942ins KZ Neuengamme deportiert und 1944 im KZ Wittenberge von einem Lageraufseher erschlagen.

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Stolperstein zum Gedenken in Berlin-Kreuzberg, Foto: Paul David Doherty

Was ist nun also das Besondere an dieser Boxerkarriere, an diesem tragischen Verlauf, den Stephanie Bart in ihrem Roman auf bewundernswert präzise Art nachzeichnet? Die Geschichte um Trollmann ist nicht nur für sich allein genommen eine tragische und erzählenswerte, sie wirkt exemplarisch für eine Zeit der Willkür, des Terrors und der Gewalt. Einer Diktatur, die in allen Bereichen des täglichen Lebens wirkt, regelt und Andersartiges ohne einen Anflug von Reue zerstört. Das gilt nicht nur für Trollmann, sondern auch für einige Nebenschauplätze, die Stephanie Bart in die Geschichte hineinfließen lässt. So zum Beispiel die sogenannte Köpenicker Blutwoche, eine massive Säuberungsaktion der SA, die noch einmal einige in ihren Überlegungen bestärkt, das Land zu verlassen. Es ist eine entfesselte, eine grenzelos eskalierende Gewalt, die die durch Regeln und Normen begrenzten Kämpfe innerhalb eines Boxrings harmlos erscheinen lassen. Beim Lesen wird deutlich, wie genau Stephanie Bart, die für ihren Roman ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds erhielt, recherchiert hat, wie tief sie sich in diese Geschichte hineingrub. Es geht um Strukturen, gesellschaftliche und politische, um die Struktur des Kampfes. Trollmanns Kämpfe werden enorm ausführlich geschildert, jeder Schlag, jede Finte, alles wird auf nahezu dokumentarische Weise festgehalten. ,Deutscher Meister‘ ist ein beeindruckendes Zeit – und Gesellschaftspanorama, vor das der Ausschnitt einer ganz individuellen Leidens – und Lebensgeschichte tritt.

Bart ist nicht die einzige, die sich Trollmanns Geschichte bisher gewidmet hat. So erschien Anfang 2013 ,Gibsy‚, ein deutscher Film, der die Karriere Trollmanns zum Gegenstand hat. Lange Zeit waren Trollmann und die unrechtmäßige Aberkennung seines Titels in der Öffentlichkeit kein Thema, erst um 1990 wurde das Problem diskutiert. 1993 ist Trollmann offiziell als Deutscher Meister im Halbschwergewicht in die „Riege Deutscher Meister“ aufgenommen worden. Sechzig Jahre nach seinem Sieg.

Stephanie Bart: Deutscher Meister, Hoffmann und Campe Verlag, 381 Seiten, 9783455404951, 22,00 €

Rezensionen gibt es auch bei meinen Bloggerkollegen so einige: u.a. bei Schöne Seiten (neben der Rezension gibts auch ein Interview mit Stephanie Bart), buzzaldrins Bücher (ebenfalls mit Interview), Fantasie und Träumerei und Karthauses Bücherwelt.

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  1. Pingback: [Literaturen] Die harte Rechte der Diktatur - #Bücher | netzlesen.de

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