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Petra Hartlieb – Meine wundervolle Buchhandlung

,Wenn du in Wien bist, musst du zu Hartliebs gehen‘, munkelt man, in Buchhändlerkreisen und darüber hinaus. Und ja, tatsächlich, Hartliebs ist zu einer Adresse geworden, die man sich merken muss. Wie es aber dazu kam, dass Hartliebs quasi ganz versehentlich eine Buchhandlung kauften, – erzählt Petra Hartlieb nun auf charmante und humorvolle Weise.

Und plötzlich haben sie eine Buchhandlung gekauft. Nur eine kleine Spinnerei, eine scheinbar harmlose Waghalsigkeit und plötzlich haben Hartliebs den Zuschlag bekommen. Sie wohnen in Hamburg, die unlängst überraschend erworbene Buchhandlung steht in Wien. Oliver Hartlieb ist ausgebildeter Buchhändler und zu diesem Zeitpunkt schon länger für einen großen deutschen Verlag tätig, sie ist Pressereferentin und Literaturkritikerin. Beiden ist klar – ein Zurück gibt es nicht. Und so sprechen sie bei der Bank für einen Kredit vor, packen einige Habseligkeiten und fahren nach Wien. Eine Wohnung haben sie noch nicht, sie wohnen mit der kleinen Tochter bei Freunden. Der große Sohn bleibt zunächst in Hamburg zurück.

Und dann stehen wir in einem vierzig Quadratmeter großen düsteren Raum, Regale bis zur Decke, ein schmutziger Plastikboden, Drehsäulen mit Büchern, eng und zugestellt, eine flackernde Neonröhre – und finden es gut. Also, natürlich finden wir es hässlich, aber irgendwie … fühlt es sich gut an.

Es beginnt eine Zeit, in der Hartliebs ihr Leben gewissermaßen in der Buchhandlung verbringen. Renovieren, herrichten, der erste Wareneinkauf, die ersten Kunden. Lange dauert es nicht und der Laden läuft. Petra Hartlieb ist keine ausgebildete Buchhändlerin, doch sie hat genug Leidenschaft, um sich in die Materie rekordverdächtig schnell einzuarbeiten. Sie kann Geschichten erzählen, sie kann überzeugen. Ganz abgesehen vom Laden selbst, der den Charme des Nostalgischen versprüht. Deckenhohe Regale und Leitern, ohne die man nicht bis ganz nach oben gelangt, Bücher in „Bodenhaltung“, Mitarbeiter, die genau wissen, wo welches Buch zu finden ist. Petra Hartlieb und ihre Kollegen arbeiten oft bis zur Erschöpfung, legen Nachtschichten ein, um all den Bestellungen Herr zu werden, die jeden Tag aufgegeben werden. Das erste Weihnachtsgeschäft kommt.

Und erklären kann man das Ganze wahrscheinlich nur mit dem Begriff Leidenschaft. Man könnte vielleicht auch verrückt dazu sagen. Denn ganz normal ist es wohl nicht, wenn man nach einem Zehnstundentag,an dem man gefühlte zweihundert Bücher aller Genres nacherzählt hat, am Küchentisch sitzt, völlig begeistert die Vorschaupakete von Rowohlt und Hanser aufreißt und sich über einen neuen Auster oder T.C. Boyle freut, als hätte man noch kein einziges Buch auf dem Nachttisch liegen.

,Meine wundervolle Buchhandlung‘ ist einerseits natürlich ein Buchhändlerbuch. Eines, das daran erinnert, weshalb man diesen Beruf gelernt hat und warum man ihn noch immer ausübt, so enervierend es manchmal sein kann. Abendessen mit Blixa Bargeld und T.C. Boyle, ein Büchertisch bei Jonathan Franzen und Stammkunden, die im Weihnachtsgeschäft selbstgemachte Lasagne vorbeibringen. Man möchte und muss sich verlieben in diese Beschaulichkeit und die Begeisterung, mit der bei Hartliebs Bücher verkauft werden. Amüsant, spritzig und kurzweilig erzählt Petra Hartlieb die Geschichte ihrer Buchhandlung und macht den ganz besonderen Zauber auch jenen begreiflich, die bisher nicht hinter die Kulissen spähen konnten. Wer glaubt, dass eine Buchhandlung einfach bloß ein Geschäft ist, in dem Bücher verkauft werden wie andernorts Toastbrot und Gewürzgurken, der irrt. Ein charmantes, ein schönes, ein leidenschaftliches Buch. Nicht nur für Buchhändler.

Mit Thomas Glavinic eine Zigarette geteilt, mit Sven Regener ein bisschen über österreichische Kleinverlage geplaudert, mich mit Wladimir Kaminer darüber ausgetauscht, wie man die Messeparty am besten überlebt („Du musst viel Wasser trinken, den ganzen Tag über schon, und zu jedem Glas Wein mindestens ein Glas Wasser.“), mit Eckhard von Hirschhausen ein Taxi geteilt und darüber diskutiert, wer bezahlt.

Weitere Eindrücke findet ihr bei ,Willkommen im Bücherkaffee‚,masuko und Urwort.

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung, DuMont Verlag, 208 Seiten, 9783832197438, 18,00 €

8 Kommentare

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  2. Liebe Sophie,
    ich habe ja nur ein Praktikum im Buchhandel gemacht und ich argwöhne, dass ich als Urlaubsvertretung in der Reiseabteilung, in der auch die Ausgabe der vorbestellten Bücher (Sommerferien = Schulbuchvorbestelltung) stattfand, wie gerufen kam. Deshalb ist an mir die Begesiterung für DAS BUCH, eigentlich ja meine Motivation für dieses Praktikum, komplett vorbei gegangen, ich hätte auch Koffer aus dem Regal oder Fleischwurstscheiben aus der Theke verkaufen können. Insofern hört sich Petra Hartliebs Buch so an, als könnte ich bei der Buchlektüre einiges meiner damaligen Motivation doch noch nachholen.
    Viele Grüße, Claudia

    • literaturen sagt

      In diesen hektischen Zeiten hat der Buchhandel tatsächlich wenig Romantisches, da gehts einfach nur ums Ranklotzen in adäquater Geschwindigkeit und ohne viel nachzudenken. Aber das ist natürlich nicht immer so und wenn man länger in Buchhandlungen arbeitet, entfaltet sich manchmal ein etwas anderer, weniger stressgetrübter Blick. Wie wenn man mit Kollegen oder Kunden leidenschaftlich über ein Buch diskutiert oder gar sehnsüchtig gemeinsam auf eines wartet .. da merkt man schon ein bisschen, warum man da ist. 😉 Ich befürchte aber, das ist etwas, was sich eben nur auf längere Sicht einstellt, denn dieses Fleischthekengefühl kenne ich auch noch aus den Anfangs – bzw. zu Stoßzeiten. 😉

  3. Das ist ein Buch, das ich gerne finden möchte, obwohl ich, glaube ich, in der Buchhandlung Hartlieb noch nie war, nur eine ungefähre Vorstellung davon habe, wo sie sich befindet und wenn mich jemand nach den Wiener Szenebuchhandlungen fragt, die man unbedingt besuchen müßte, würde ich Anna Jeller und Brigitte Salanda antworten, an der ersten komme ich oft vorbei, wenn ich am Abend zu Lesungen und Veranstaltungen gehe und habe mir am Tag des Buches auch mein „blindes Päckchen“ geholt und mein Mann bestellt sich seine Weihnachtsbücher meistens dort. Es gibt aber noch „Kuppitsch“ und einige andere Buchhandlungen, einige sperren zu, weil die Leute, mich wahrscheinlich eingeschlossen, zu wenig kaufen und dann bekommt man am letzten Tag des Abverkaufes den Ralph Dutli um drei Euro und freut sich, mit einem ganz kleinen bißchen schlechten Gewissen darüber und die Petra Hartlieb habe ich, glaube ich, das erste Mal auf der Buch-Wien vor ein paar Jahren gesehen, als sich noch im Buch-Wien Leiberl, in dem in der Messebuchhandlung verkauft wurde, einen ihrer Krimis vorstellte. Eine wahrhaft engagierte Buchhändlerin und Autorin, die mich beim letzten „Rund um die Burg“ damit verblüffte, daß sie sagte, daß sie Leute, die sie mit einem Amazon-Päckchen sieht, fragen würde, ob ein Buch darin sei und ihnen, dann einen Vortrag hielte. Leider wird sie mich damit wahrscheinlich nicht sehen, denn irgendwie würde ich ihr ganz gerne ganz höflich sagen, daß sie das eigentlich nichts angeht, aber natürlich verstehe ich die Sorge und finde ihr Engagement sehr gut, auch wenn ich persönlich Bücher, die im gebundenen Ladenpreis zwanzig Euro kosten für zu teuer halte und daher lieber zu den offenen Bücherschränken gehe. Also vielleicht liegt das Buch einmal darin, dann lese ich es natürlich gerne, denn ich bin ja auch ein Bücherfreak und Geschichten über Bücher und Buchhändler faszinieren mich immer noch, einige davon könnte ich inzwischen selbst erzählen…

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