Interviews
Kommentare 4

Meg Wolitzer im Interview

Foto: Nina Subin

Gerade hat sie im Dumont Verlag einen Roman veröffentlicht, der nicht nur von Jonathan Franzen gelobt, sondern bisweilen sogar mit ihm verglichen wird. ,Die Interessanten‚ ist ein Buch über Freundschaft und das Leben, aber auch ein gesellschaftlicher Querschnitt durch viele Jahrzehnte amerikanischer Geschichte, von den Siebzigern bis heute. Ich hatte, was mich wirklich sehr freut, die Möglichkeit, Meg Wolitzer einige Fragen zu stellen. Das zweite Interview, neben Dorthe Nors, das ich auf Englisch geführt habe. Und die Antworten kamen tatsächlich den langen Weg von New York hierher! Ein herzliches Dankeschön geht an dieser Stelle natürlich an Meg Wolitzer selbst, aber auch an den Dumont Verlag, der das überhaupt möglich gemacht hat.

Waren Sie jemals in einem Sommercamp und wenn ja, wo und wann?

Ja, ich war mal in einem Sommercamp in Massachusetts, als ich fünfzehn war. Es war dem in ,Die Interessanten‘ sehr ähnlich.

Sie haben ,Creative Writing‘ am Smith College und der Brown University studiert und unterrichten heute selbst. Wie ist es dazu gekommen? Denken Sie, dass man Schreiben lernen kann? Wie viel ist tatsächlich Talent und wie viel Fleiß und Hingabe?

Es ist schwer zu sagen, wie viel gelehrt werden kann, aber ich hatte immer das Gefühl, dass es nicht schlecht ist, eine Gruppe zu haben, mit der man seine Arbeiten diskutieren kann, weil das Schreiben ja doch eher eine einsame und isolierte Tätigkeit ist. Und es kann einem das Gefühl geben, weniger allein zu sein. Talent macht einen großen Teil aus, aber ich denke auch, dass man eine Menge lesen, Gedanken, Stil und Sprache absorbieren muss, um besser zu werden.

Die sechs Freunde in ,Die Interessanten‘ begleiten sich nicht nur einige Sommer lang, sondern Jahrzehnte ihres Lebens. Das ist sehr selten. Haben Sie auch Freunde, die schon solange bei Ihnen sind?

Einer meiner engsten Freunde stammt aus diesem Sommer im Camp. Ansonsten habe ich natürlich Freunde seit langer Zeit, die meisten sind aber jüngeren Jahrgangs.

Fast alle von ihnen – natürlich Ethan und Jonah, aber auch Ash und Catherine – haben bestimmte Talente, auch wenn nicht jeder von ihnen lebt und mit ihnen Geld verdient. Nur Jules scheint keine bestimmte Begabung zu haben und von Zeit zu Zeit leidet sie darunter. Glauben Sie, dass es heutzutage fast gesellschaftlich erwartet wird, etwas Besonderes und Einzigartiges zu tun?

Sicherlich gibt es oft Druck, „besonders“ zu sein und das beginnt heute schon in der Kindheit. Aber ich denke angesichts all der finanziellen Unsicherheiten der letzten Zeit fühlen sich viele Menschen unter Druck gesetzt, richtig Geld zu verdienen. Und das kann diese Jagd nach Besonderheit ersetzen.

In Ihren Roman passiert so viel, letztlich nicht nur ein Leben, sondern sechs davon, was ihn so lebendig macht. Woher kommen Ihre Ideen?

Ich weiß nie genau, woher sie eigentlich kommen. Bis zu einem gewissen Grad natürlich durch ein Leben, in dem ich viel gehört, gesehen und über Menschen und ihre Lebenswege nachgedacht habe.

Haben ,Die Interessanten‘ reale Entsprechungen?

Nein, sie sind reine Erfindungen.

Die sechs Freunde leben die meiste Zeit des Romans in New York, wie Sie auch. Was mögen Sie an der Stadt? Ich habe gerade ein älteres Interview von Susan Sontag gelesen, in dem sie sagte, sie liebe all die Menschen und zahlreichen Möglichkeiten, ihre Freizeit zu verbringen. Würden Sie dem zustimmen?

Eine Sache sind natürlich die vielen Möglichkeiten und auch wenn ich sie nicht nutze, ist es gut zu wissen, dass sie da sind. Wenn ich mich also theroretisch entscheide, mitten in der Nacht nach draußen zu laufen und mit einem ganz bestimmten Freund Musik zu hören, könnte ich das tun. Die Stadt hat sich natürlich verändert, aber ich liebe sie noch immer sehr. So viele Dinge in meinem Leben haben hier stattgefunden.

2012 haben Sie ein Essay über das weibliche Schreiben verfasst. Glauben Sie, dass sich weibliches und männliches Schreiben unterscheidet?

Mein Essay handelte von der Art und Weise, in der literarisches Schreiben von Frauen im Gegensatz zu dem von Männern wahrgenommen wird. Ich glaube nicht, dass ich etwas Allgemeines darüber sagen könnte, wie die verschiedenen Geschlechter schreiben. Dafür gibt es zu viele Arten des Schreibens.

Und zuletzt eine Frage, die sehr interessant ist, wenn es um Autoren geht: Was sind Ihre liebsten Autoren und Bücher?

Einige davon: ,Zum Leuchtturm‘ von Virginia Woolf, ,Die Toten‘ von James Joyce, ,Tage des Verlassenwerdens‘ von Elena Ferrante, ,Goodbye, Kolumbus‘ von Philip Roth, ,Liebeswahn‘ von Ian McEwan, ,Der Tod in Venedig‘ von Thomas Mann und ,Haus der Freude‘ von Edith Wharton.

4 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Meg Wolitzer im Interview - #Bücher | netzlesen.de

  2. Liebe Sophie,
    ein sehr interessantes Interview ist das. Insbesondere den Bezug zu ihrem Roman finde ich interessant. Ich glaube, den will ich auf Dauer doch mal lesen.
    Lustig finde ich immer die Antworten auf die Frage, warum man gerne in dieser oder jener grossen Stadt lebt. Frau Wolitzer sagt da:

    „Eine Sache sind natürlich die vielen Möglichkeiten und auch wenn ich sie nicht nutze, ist es gut zu wissen, dass sie da sind. Wenn ich mich also theroretisch entscheide, mitten in der Nacht nach draußen zu laufen und mit einem ganz bestimmten Freund Musik zu hören, könnte ich das tun.“

    Diese Antwort habe ich schon so oft gehört oder gelesen (egal, ob es um NY, Paris, London, Berlin, Hamburg, Tokio oder gar Köln geht). Und aus eigener Erfahrung macht man dann häufig fast nix von dem, was man machen könnte. Irgendwie scheint allein die Möglichkeit, dass man ALLES immer machen KÖNNTE das Ding zu sein. Was wirft das eigentlich für ein Licht auf uns und unsere Einstellung zum Leben. Sollte vielleicht mal jemand soziologisch untersuchen, würde mich interessieren…

    Liebe Grüsse
    Kai

    • literaturen sagt

      Vielen Dank! Ja, mir hat es auch sehr gefallen..es übt einen richtigen Sog aus, finde ich. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.