Rezensionen, Romane
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Nino Haratischwili – Das achte Leben

Nino Haratischwili schreibt mit diesem Mammutroman in vielerlei Hinsicht Geschichte. Nicht nur die Geschichte einer Familie über mehrere Generationen, die Geschichte Georgiens des 20.Jahrhunderts, geschüttelt und zerrissen von zwei Weltkriegen und ihren Folgen, sie gibt auch der Literatur ihren großen und brilliant zwischen Fakt und Fiktion balancierenden Familienroman zurück!

In manch einem Buch beginnst du zu lesen und es liest fortan in dir, schlägt Wurzeln, nimmt dich in Beschlag von Kopf bis Fuß. ,Das achte Leben (Für Brilka)‚ ist so ein Buch, ist einer dieser Romane, die in einem Leserleben rar gesät sind, weil sie aus der Masse herausragen wie eine massive Statue, um die das Leben unbeirrt herumfließt. Gute und sehr gute Bücher gibt es viele, immer wieder. Bücher, von denen du überzeugt bist, dass sie einen bleibenden Eindruck auf dich hinterlassen werden, auch wenn noch Jahre ins Land und durch dich hindurchgehen, sind selten. Kürzlich wurde hier auf dem Blog die Frage nach großer Literatur aufgeworfen und dankenswerterweise rege diskutiert. Nino Haratischwili hat mit ,Das achte Leben (Für Brilka)‘ große Literatur geschaffen, ein Epos, das individuelle Familiengeschichte mit der Geschichte eines ganzen Landes verwebt.

Ich verdanke diese Zeilen einem Jahrhundert, das alle betrogen und hintergangen hat, alle die, die hofften. Ich verdanke diese Zeilen einem lange andauernden Verrat, der sich wie ein Fluch über meine Familie gelegt hatte.

Ich gebe von vornherein unumwunden zu, dass es schwierig ist, diesen Roman zusammenzufassen, ihn in seiner Vielfalt und Kunstfertigkeit nicht durch banale Beschreibungen seines Inhalts herabzustufen, ihn mit bloßen Worten (ohne leuchtende Augen und ausschmückende Gesten) gerecht zu werden,auch wenn er selbst mit bloßen Worten 100 Jahre Welt – und Familiengeschichte vor den Augen des Lesers wiederauferstehen lässt. Verzeiht also, wenn ich nur anreißen kann, was der Roman über viele Seiten meisterlich auszuführen versteht. Beginnend um 1900 mit einem Schokoladenfabrikanten, dessen Schokolade man nachsagte, auf dem, der sie nicht in Maßen genieße, laste unweigerlich ein Fluch, wandert Erzählerin Niza erzählend durch Geschichte und Familie. Erzählt von Stasia, Tochter des Chocolatiers, der Oktoberrevolution, dem Ersten Weltkrieg, von Stasias bildhübscher Schwester Christine, von den Kindern Kostja und Kitty, die beide auf ihre Art und Weise Karriere machen. Kostja weiterhin im Osten, Kitty als gefeierte sowjetische Exotin im westlich geprägten London. Von ihren Kindern, ihrer Prägung, dem Zweiten Weltkrieg, dem langsamen Zerfall der UdSSR. Endend gewissermaßen mit Brilka, der all die „Teppichfasern“ ihrer Familiengeschichte von ihrer Tante gewidmet und geschenkt werden. Denn auch sie befreit sich so letztlich von all den Dämonen, die ihr Lager in ihrem Leben aufgeschlagen haben, die es dominieren wie einst die großen Diktaturen die Sowjetunion.

Die Welt tanzte einen Reigen. Die Skelette unter der Erde gaben den Rhythmus vor. Die Rosen wuchsen nur noch schwarz. Alle Wege fühlten sich an wie Hängebrücken, schwankend, jederzeit zum Absturz bereit. Sogar der Schnee bekam eine bläuliche Färbung. Der Himmel war durchlöchert; Einschusslöcher sah man auch am Horizont und die Sonne strahlte zwar müde vor sich hin, konnte aber nicht mehr wärmen.

nino

Man blickt auf diesen Koloss von Buch, auf rund 1270 Seiten, Dünndruck, auf ein wunderschön gestaltetes Cover, auf einen Umschlag, der das Buch einmal gänzlich umschließen kann und denkt vielleicht: Das schaffe ich nie, wie lange soll ich daran lesen? Es wäre in diesem Falle ein Versäumnis tragischster Art, es nicht wenigstens zu versuchen. Denn dieser Roman ist nicht nur sprachlich unerhört gut, ohne darin irgendwo auf diesen anfangs unüberschaubar vielen Seiten nachzulassen, sondern auch inhaltlich. Für jeden geschichtlich und politisch interessierten Leser bietet Nino Haratischwili unzählige Ankerpunkte der Weltgeschichte, wofür sie selbst ausführlich in ihrer Heimat – heute lebt die Autorin in Hamburg, geboren ist sie im georgischen Tbilissi – in Archiven recherchierte und Menschen befragte. Das gibt diesem Roman eine viel größere Dimension, ordnet ihn in einen größeren Kontext. Das macht ihn im wahrsten Sinne des Wortes welthaltig, so viel Welt, Leben, Menschen und Schicksale stecken in ihm. Zu keiner Zeit hat man jemals ernstlich das Gefühl, dass Nino Haratischwili einer ihrer zahlreichen Erzählfäden aus der Hand glitte, vielmehr verwebt sie sie kunstfertig zu dem Teppich, von dem anfangs bereits die Rede ist.

Ein Teppich ist eine Geschichte. In ihr verbergen sich wiederum unzählige andere Geschichten. Du bist ein Faden, ich bin ein Faden, zusammen ergeben wir eine kleine Verzierung, mit vielen anderen Fäden zusammen ergeben wir ein Muster. Die Muster sind einzeln schwer zugänglich, aber wenn man sie im Zusammenhang betrachtet, dann erschließen sich einem viele fantastische Dinge. Teppiche sind aus Geschichten gewoben. Also muss man sie wahren und pflegen. Ich bin mir sicher, wir sind da auch eingewebt, auch wenn wir das nie geahnt haben.

Wenn man sich also in diesem Herbst vornähme, nur einen einzigen Roman zu lesen, der einen sowohl durch kalte und regnerische Tage trüge wie auch durch jene sanften Sonnenscheins oder gar ersten Schnees, dann würde ich dieses Buch empfehlen müssen, es ginge nicht anders. Den Roman des Herbstes, der stellenweise an die alten Klassiker erinnert. Vielfach wurde kritisiert, dass sich ,Das achte Leben (Für Brilka)‘ nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gefunden habe und in der Tat ist das enttäuschend. Viel schlimmer aber wäre es doch gewesen, diese unglaublich talentierte junge Frau aus Georgien hätte ihn niemals geschrieben!

Das Unbeschreibliche lässt stets eine wehrhafte Mauer um das Beschreibbare errichten, Brilka.

Weitere Eindrücke gibt es bei Schöne Seiten, masuko13, aboutsomething, und unbändige Vorfreude bei der Klappentexterin.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka), Frankfurter Verlagsanstalt, 1279 Seiten, 9783627002084, 34,00 €

13 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Hundert Jahre Schokolade - #Bücher | netzlesen.de

  2. …. Die Rosen wuchsen nur noch schwarz. Es freut mich, meinen Lieblingssatz aus dem Roman in deiner Rezension zu finden. Dank der ich nochmal in eigene Lese-Erinnerungen abtauchen konnte.

  3. Liebe Sophie,

    eine ganz großartige Rezension!! Die Textstellen, die du heraus gesucht haben, zeigen mir ganz klar und deutlich um welch hervorragenden Roman es sich handeln muss, berühren mich doch schon diese wenigen Worte, mit denen die Autorin so viel ausdrückt.
    Da ich mich mit diesen, deinen Worten angesprochen fühle „Man blickt auf diesen Koloss von Buch, auf rund 1270 Seiten, Dünndruck, auf ein wunderschön gestaltetes Cover, auf einen Umschlag, der das Buch einmal gänzlich umschließen kann und denkt vielleicht: Das schaffe ich nie, wie lange soll ich daran lesen? Es wäre in diesem Falle ein Versäumnis tragischster Art, es nicht wenigstens zu versuchen.“ werde ich das Buch direkt mal auf meine Wunschliste setzen und bei nächster Gelegenheit aus der Buchhandlung mitnehmen. Danke.

    Liebe Grüße Nanni

  4. Nun also von Dir eine weitere, große Liebeserklärung an diesen Roman. Bei uns zu Hause ist er auch schon angekommen. Nur habe ich (leider, muss ich mittlerweile einräumen) der besten Ehefrau der Welt den Lektüre-Vortritt gelassen, den sie mit wachsender Begeisterung genießt. Parallel, wenn ich es denn mal in die Hand bekam, habe ich zumindest die ersten 80 Seiten angelesen. In der Tat, der Text packt einen sofort.
    Interessant fand ich übrigens, dass Nino Haratischwili in dem lesenswerten Kurzinterview, das in der Leseprobe zum Roman abgedruckt ist, ausgerechnet Litells „Die Wohlgesinnten“ als eines der Bücher bezeichnet, das sie in den vergangenen Jahren beeindruckt hat. Ich galube, beide Bücher sind, jeweils auf ihre völlig unterschiedliche Art, tatsächlich große Historienromane (oder große Romane, in der Historie eine große Rolle spielt).
    Nach dieser Erwähnung der „Wohlgesinnten“ und dem ersten Anlesen bin ich jetzt doppelt auf „Das achte Leben – für Brilka“ gespannt.
    Deine Begeisterung und die vieler anderer trägt ihren Teil zur Spannung bei.
    Puh, viel Text für einen Kommentar; aber das mußte jetzt mal raus. lg_jochen

  5. Liebe Sophie, ich stecke noch mittendrin, bin schon jetzt vollends begeistert von diesem Werk. Wunderbar ist dein Satz: „Wenn man sich also in diesem Herbst vornähme, nur einen einzigen Roman zu lesen, der einen sowohl durch kalte und regnerische Tage trüge wie auch durch jene sanften Sonnenscheins oder gar ersten Schnees, dann würde ich dieses Buch empfehlen müssen, es ginge nicht anders.“ Ein gleicher Gedanke tanzte die Tage ebenfalls durch meinen Kopf. So nicke ich begeistert in deine Richtung und lächle, weil ich noch viele Seiten vor mir habe.

    Schokoladengrüße sendet dir,

    Klappentexterin

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