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Dorthe Nors und ihr Handkantenschlag

Sie mag keine Geschichten, die belehrend den Zeigefinger heben. Viel mehr geht es ihr um das Spiegeln menschlichen Handels und Empfindens, sagt die dänische Autorin Dorthe Nors in einem Interview. Die heute 44-jährige studierte Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte und veröffentlichte 2001 ihr erstes Buch. Drei weitere folgten, so auch 2008 ,Kantslag‚, das ihr zum Durchbruch verhalf. 2014 unter dem Titel ,Karate Chop‚ auch auf Englisch veröffentlicht, wurde es frenetisch von der amerikanischen Presse gefeiert. Sie sei ein aufstrebender Star, die Publishers Weekly verkündet sogar, kein Wort sei bei Dorthe Nors am falschen Platz.

Sie selbst bezeichnet ,Handkantenschlag‚, das sechs Jahre brauchte, um in deutschen Regalen zu landen (dank dem Osburg Verlag), als eine Art Logbuch. Dorthe Nors lebte für zwei Jahre an verschiedenen Orten in Dänemark und lernte bei ihren Reisen unzählige Menschen und ihre Geschichten kennen. Es waren gute Begegnungen und weniger gute, auf jeden Fall aber haben sie sich in das Gedächtnis der aufmerksamen Autorin eingebrannt. Es geht um Einfühlungsvermögen und Genauigkeit, sagt sie. In ihren Geschichten, die oft nur kurze Momentaufnahmen alltäglichen Lebens sind, beleuchtet Dorthe Nors die Fragilität des Normalen und Gewöhnlichen. Nicht alles ist, wie es scheint. Nicht auf jedem Boden steht man so fest, wie man glaubt.

Ich hatte die Gelegenheit, Dorthe Nors einige Fragen zu ihrem Buch und dem Schreiben zu stellen.

Zuallerest – erinnern Sie sich, weshalb Sie mit dem Schreiben begonnen haben?

Ich habe mit dem Schreiben begonnen, bevor ich genau wusste, wie man schreibt. Ich diktierte meiner Mutter Geschichten, sie schrieb sie auf und las sie mir dann laut vor. Wenn ich dabei hörte, dass sie etwas in meinen Geschichten durcheinanderbrachte, wurde ich wütend. Ja, ich war ein seltsames kleines Mädchen. Mein erstes Gedicht schrieb ich mit acht oder neun, das ernsthafte Schreiben begann mit zwölf oder dreizehn. Ich versuchte, einen historischen Roman zu schreiben – und ich meine wirklich versuchte -, denn es war, ganz klar, eine etwas zu große Herausforderung für mich. Aber alles in allem waren das Geschichtenerzählen und Schreiben fast immer schon ein zentraler Punkt meines Lebens.

Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an Kurzgeschichten? Worin liegt der Vorteil dieses einen Moments, den man so präzise beschreiben kann?

Viele Autoren halten die Kurzgeschichte für das schwierigste Genre, weil man so präzise, so auf den Punkt genau schreiben muss, so akkurat und deutlich. Du kannst nicht einfach für eine Seite abschalten wie das im Roman schonmal möglich ist. Da ist es nicht dramatisch, wenn auf einer Seite nicht alles perfekt aufgeht. Aber in einer Kurzgeschichte muss jede Seite, jeder Abschnitt funktionieren. Das erfordert natürlich gute Technik und Präzision; ein gutes musikalisches Gehör, würde ich sogar sagen. Und ich denke, wenn eine Kurzgeschichte funktioniert, ist das wundervoll. Sie kann einen ganzen Roman in sich tragen; nur eben in sehr konzentrierter Form. Das liebe ich.

Gibt es einen anderen Autoren oder eine andere Autorin, deren Kurzgeschichten Sie bewundern?

Ich habe niemals Kurzgeschichten gelesen, um herauszufinden, wie man sie imitiert. Ich war niemals Fan von irgendeinem skandinavischen Autor. Eigentlich habe ich diese Kurzgeschichten geschrieben, ohne genau zu wissen, wie Kurzgeschichten nun genau auszusehen haben. Manchmal denke ich, das war eine Form von positiver Unwissenheit. In den letzten Jahren war ich natürlich sehr neugierig auf die große nordamerikanische Kurzgeschichtentradition. Hier ist meine kleine Auswahl von fantastischen Autoren, die ich liebe: George Saunders, Alice Munro (natürlich!), Lorrie Moore, Flannery O’Connor und Junot Díaz. (und viele mehr)

Handkantenschlag--Erzahlungen-9783955100704_xxlIn einem anderen Interview haben Sie gesagt: „Verwunderung ist sehr wichtig für mich.“ Weshalb?

Mich würde es sehr freuen, wenn die Leser von ,Handkantenschlag‘ verwundert wären, denn es ist ein kindliches Gefühl und wenn wir die Dinge wie Kinder wahrnehmen, sehen wir sie, wie sie sind: Es öffnet Türen in unseren Köpfen, wir werden sanfter, neugieriger, offener, rücksichtsvoller. Ich liebe das Wort ,wundervoll‚ im Sinne von ,voller Wunder‚ – das heißt, voller Dinge, über die man sich wundern kann. Wenn wir verwundert sind, hinterfragen wir Dinge und dieser Zustand ist ein guter für einen Leser. Eigentlich der beste.

Während der zweijährigen Reise durch Dänemark haben Sie viele Menschen getroffen, die Sie inspirierten. Gibt es ein ganz spezielles Treffen, über das Sie mehr erzählen können?

Oh, ich will die Menschen nicht so ausstellen und vorführen. Manchmal ist ein Charakter nicht nur ein einziger, sondern auch aus mehreren verschiedenen Leuten zusammengesetzt, die ich getroffen habe. Ich schreibe Geschichten. Ich nehme Stückchen der Realität und verwandle sie in eine andere Wirklichkeit (jedenfalls hoffe ich das). Ich kann soviel sagen: 2006 traf ich einen Mann, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, bei McDonalds in Lower Manhattan die Tür aufzuhalten. Ich habe niemals mit ihm gesprochen oder überprüft, ob er noch alle Finger hat und trotzdem ich ihn nur kurz aus dem Augenwinkel gesehen habe, wurde er zu dem Charakter Nat Newsom. Das ist die Magie des Reisens und Schreibens.

Es hat sechs Jahre gedauert, bevor ,Handkantenschlag‘ in den USA und nun in Deutschland veröffentlicht wurde. Wie fühlt sich das an?

Es ist wundervoll! ,Handkantenschlag‘ wurde 2008 in Dänemark veröffentlicht, aber die Geschichten sind nach und nach übersetzt und auch schon in amerikanischen Literaturzeitschriften abgedruckt worden. Es ist also nicht so als wäre in der Zwischenzeit gar nichts passiert. Es hat nur bis jetzt gedauert, bis das ganze Buch Aufmerksamkeit von der Presse und dem Buchhandel bekommen hat. Es war eine Reise bis hierhin! Ich bin sehr dankbar und kann es kaum erwarten zu hören, wie meine deutschen Freunde diese Geschichten lesen werden. Ich hoffe, sie werden Dir auch gefallen! Und sei verwundert!


Wenn euch dieses Interview neugierig gemacht hat, könnt ihr bis zum 09. September mitmachen und ein Exemplar von ,Handkantenschlag‘ gewinnen. Beantwortet mir einfach in den Kommentaren folgende Frage: Was ist der perfekte Ort für das Lesen von Kurzgeschichten?

Viel Glück!

Rezensionen zu einigen von Dorthe Nors‘ Geschichten findet ihr auf Wortwelten und Verlorene Werke.

8 Kommentare

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  3. Claudia Loewe sagt

    Was für ein schönes Interview!
    Kurzgeschichten kann man ja ob ihrer Kürze so gut wie überall lesen. Im Gegensatz zum Roman (Sofaplatz am Feuer) lese ich sie bevorzugt in der Küche. Meistens liegt das Buch irgendwo am Herd.
    Viele Grüße und einen schönen Abend

  4. Hallo,

    hast du selbst Handkantenschlag gelesen? Ich bin gerade dabei und bin stellenweise wirklich beeindruckt vom Schreibstil der Autorin.
    „Nicht alles ist, wie es scheint. Nicht auf jedem Boden steht man so fest, wie man glaubt.“ kann ich nur so unterschreiben.

    Viele Grüße
    Janine

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