Rezensionen, Romane
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Peter Wawerzinek – Schluckspecht

Dass Alkohol zu einer der gefährlichsten und gleichzeitig anerkanntesten Drogen gehört, ist längst kein Geheimnis mehr. Alkoholismus jedoch ist für viele Betroffene ein Problem, das sie vor sich selbst und ihrem Umfeld geheimhalten (müssen). Peter Wawerzinek hat nun in seinem autobiographisch angelegten Roman schonungslos und offen dargelegt, wie schleichend und scheinbar unbemerkt der Abstieg in die Alkoholabhängigkeit gehen kann.

2010 erhielt Peter Wawerzinek, dem man angesichts seines augenfälligen Alkoholkonsums keine große literarische Karriere mehr zutraute, überraschend für einen Auszug aus ,Rabenliebe‚ den Bachmannpreis. Im Herbst fand sich Wawerzinek mit seinem Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises wieder, – schon damals ein Buch, das viel mit Wawerzineks eigenem Leben und Erleben zu tun hatte. ,Rabenliebe‘ erzählte von ihm selbst und der unverständlichen Zurückweisung durch seine Mutter, die ihn als Kind in der DDR zurückließ. Peter Wawerzinek wuchs in mehreren Pflegefamilien auf, ein stabiles Familienleben hat er so, wie die meisten es kennen, niemals erlebt. Der ,Schluckspecht‚ erzählt nun von Wawerzineks Weg in die Sucht – und von einem ungewöhnlichen Weg hinaus.

Ich lege den Vater auf Eis. Ich lege die Mutter auf Eis. Mein Kopf ist ein Kühlfach. In ihm gefriert der Wunsch auf Vollständigkeit und Familie.

Der Held der Geschichte wächst bei Onkel und Tante auf, die so gut als möglich versuchen, dem Jungen eine Familie zu bieten. Tante Luci selbst ist ein Original besonderen Kalibers, die ihn früh vor Alkohol warnt. Er sei ,der schlimmste Teufel der Welt‚. Nichtsdestotrotz darf der Junge natürlich hier und da probieren, im Keller wird Most gekocht, Gartenfrüchte zu feinen Likören verarbeitet. Sein Onkel, den er liebevoll Onkelonkel nennt, trinkt täglich und offen, verfällt bisweilen von nachdenklichem Schweigen in ethanolbefeuerte Redseligkeit. Wovor gewarnt wird, das wird interessant und so gelingt es Tante Luci nicht, in ihrem Zögling eine dauerhafte Abneigung für Alkohol in all seinen Facetten zu verankern. Im Gegenteil. Die Jugend wird den Beginn der „Säuferlaufbahn“ einleiten.

Den Trinker und Säufer trennten Welten. Der Trinker verschaffe sich Erleichterung, wenn er trinkt. Der Säufer ertränke nur seine Probleme. Der Trinker dagegen steige heiteren Gemüts in die Abhängigkeit wie in einen Swimmingpool und schwimme auf dem Alkohol wie ein Papierschiffchen.

Wo die Jugendzeit für viele ohnehin eine Zeit des eher maßloseren Alkoholgenusses ist, findet der Schluckspecht der Geschichte nach vielen im Keller verbrachten Stunden mit Freunden nicht mehr aus dem Suff hinaus, er verpasst gewissermaßen eine lebensentscheidende Abzweigung auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Er trinkt täglich, trinkt, bis er ohnmächtig wird, bis sein Gedächtnis versagt. Trinkt, wenn alle anderen längst aufgehört haben, trinkt bis zur Besinnungs – und Haltlosigkeit. Und nicht nur das: Er versucht es zu verbergen, zu ummanteln, mit schönen Begründungen und Rechtfertigungen aufzuhübschen. Zwar merkt er deutlich, dass sein Konsum die Pfade der Normalität längst verlassen hat, das allein jedoch bewegt ihn nicht zu handeln. Lieber erzählt er Tante Luci Geschichten darüber, was er in der großen Stadt tut. Und die glaubt ihm bereitwillig.

Wir sind ja im Leben mehr als eine Person. Wir entscheiden uns nicht für diese oder jene Variante, wir sind sie alle.

Peter Wawerzinek weiß, wovon er spricht und schafft mit seinem Schluckspecht ein ungeheuer sprachmächtiges und offenes Buch, das man in seiner Bedingungslosigkeit nur bewundern kann. Nichts wird hier beschönigt oder im Nachhinein gerechtfertigt, Wawerzineks Schilderungen bilden authentisch einen Weg in die Sucht ab. Es gibt viele. Jeder von ihnen besteht aus einer Vielzahl an Stolpersteinen. Doch ,Schluckspecht‘ ist nicht nur eine Suchtgeschichte, – es ist ein furioses Stück Poesie, wo man es eigentlich nicht vermutet. Peter Wawerzinek jongliert und experimentiert mit Sprache und Worten, legt neue Bedeutungen frei, setzt anders zusammen. Daraus entstehen fantastische Bilder, die man auf sich wirken lässt. Ein bisschen so wie einen guten Wein. Nur, dass sie weniger gefährlich und ungleich erfüllender sind. Ein mutiges und sprachlich filigran ausgearbeitetes Buch, das sich zu lesen lohnt!

Mein Leben ist eine abwärtsführende Rutschbahn in flaschenhalsgrün.

Peter Wawerzinek: Schluckspecht, Galiani Verlag, 456 Seiten, 9783869710846, 19,99 €

9 Kommentare

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  2. Danke für diese Vorstellung – das scheint eines dieser besonderes Kleinode zu sein, obwohl das Thema so so viele Menschen betrifft, ist es ja wie viele andere auch immer und immer wieder ein Tabu…und doch ganz legal…ich frag mich dann immer warum Hasch immer noch nicht legalisiert ist…ich schweife ab. Aufjedenfall klingt es sehr intim und interessant.

    • literaturen sagt

      Das freut mich zu hören! Weil es zwischendurch deutlich stiller hier war, hatte ich mich schon gefragt, ob einige Follower womöglich weg sind. – Von wegen Alkohol und Tabu, im Augenblick wird ja über ein Werbeverbot für Alkohol und Tabak diskutiert. Wäre ja keine völlig abseitige Maßnahme, finde ich.

      • ja das würde ich stark befürworten. Und dann wünsche ich mir noch das Alkoholkranke besser therapiert werden.

        Und was die Follower angeht, vielleicht sind viele im Urlaub oder so? Ich wunder mich auch oft da z.B. in meinem Wollenblog, da habe ich schon einige Follower aber kaum jemand schreibt mal nen Kommentar und auch bei meinem Bücherblog kuck ich manchmal weil ich mich Frage ob es jemand liest, eben weil so wenig Kommentare kommen. Ich wünsch Dir ganz ganz viel Traffic. Alles liebe

  3. Danke, dass deine Besprechung mich motiviert, bald den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und anzufangen, zu lesen. Besitze sogar ein von Peter signiertes und mit einem witzigen Comic-Specht verschöntes Exemplar. Bisher fand ich jedoch nicht den Mut, es zu lesen, aus Angst, es ginge nur um schlimme Alkoholexzesse. Du sprichst von einem furiosen Stück Poesie, in dem es eben nicht ausschließlich um dieses Thema geht. Schön, dann gehe ich das Wagnis ein.
    Einen schönen Sonntag wünscht dir
    Masuko

    • literaturen sagt

      Oh, wie schön! Ich habe Peter Wawerzinek in Leipzig auf der Buchmesse gesehen, allerdings nur aus einiger Entfernung. Es geht zwar viel um’s Besaufen, aber nicht nur um diese Exzesse. Und selbst wenn die eher unangenehmen Situationen beschrieben werden, dann immernoch mit einer sehr feinfühligen Sprache. Ich wünsche dir viel Freude mit dem Buch, sag mir doch bei Gelegenheit, wie es dir gefallen hat! Auch dir einen schönen Sonntag.

  4. Pingback: Das Regal, dass einen in andere Welten schickt oder Wie ich Mitglied bei der Büchergilde wurde | Lesen macht glücklich

  5. Suchtliteratur beschäftigt mich schon länger. Vielen Dank für diesen Tipp, ansonsten hätte ich dieses Werk glatt übersehen.

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