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Martin Lechner – Kleine Kassa

Georg Röhrs, Lehrling im Eisenwarenhandel des Oskar Spick, soll einen verdächtig leichten Koffer zu seinem Bestimmungsort, der „Kleinen Kassa“, bringen und gerät durch eine einzige Unachtsamkeit so plötzlich wie unwiderruflich in eine absurde Verfolgungsjagd, die stellenweise Lewis Carroll Konkurrenz gemacht hätte.

Eigentlich liest man diesen Roman und denkt an gleich mehreren Stellen: „Was zur Hölle?“ Man ist sich unsicher, ob man das aus Ungläubigkeit oder Amüsement tut, aus Unsicherheit oder Verwirrung. Sicher ist nur: Man tut es. Mehrfach. Martin Lechner schreibt mit ,Kleine Kassa‘ einen irgendwie surrealen Hochgeschwindigkeitsroman und streift dabei gar viele Themen. Verantwortung, Freundschaft, Liebe, das Erwachsenwerden. Wenn man allerdings so schnell unterwegs ist, kann man Vieles nur anreißen. Lehrling Georg Röhrs trifft, während er für seinen Chef einen Koffer von A nach B transportiert – man wittert krumme Geschäfte! -, von dessen Inhalt er nichts weiß, eine falsche Entscheidung. Er steigt aus dem Bus aus, in dem er sitzt, weil er meint, seine Liebe Marlies auf einem Werbeplakat gesehen zu haben. Sie ist es nicht und der Bus fährt von dannen.

Bevor das Radio verstummte, ließ der Moderator seine Stimme anschwellen wie ein Ringrichter und kündigte ein rasend unwahrscheinliches Wochenende an, Entschuldigung, ein unwahrscheinlich rasendes, ja, ein regelrechtes Hochgeschwindigkeitswochenende erwarte den Hörer hier im Heidekreis.

Man wird den Radiomoderator, der in die Landschaft plärrt, im Laufe der Lektüre noch prophetisch finden, denn mit ihm und dem Verlassen des Busses beginnt eine mittelschwere Katastrophe. Georg Röhrs kämpft sich durch Gestrüpp und Geäst, immer den Koffer in der Hand, den er um keinen Preis verlieren darf, stolpert über eine Leiche (deren Namen er später annimmt), die da einfach so in der Gegend herumliegt, klaut einem misstrauischen Mitbürger sein Motorrad und wird nach und nach zum meistgesuchten jungen Mann im ganzen kleinen Linderstedt. In seinen Gedanken jagt sein Chef ihm bereits wutentbrannt wegen des Kofferdiebstahls nach, weshalb er zu einem Friseur geht und sich eine Perücke am Kopf befestigen lässt. Mit jeder seiner Entscheidungen macht er sich den Unwissenden verdächtiger, obwohl er doch gänzlich unschuldig an allem ist, was Seltsames in der Provinz vor sich geht. Allerdings ist Georg Röhrs selbst etwas speziell; dass er Wasser mit Spülmittel trinkt, gehört noch zu seinen weniger aparten Angewohnheiten.

Er legte den Kopf in den Nacken. Breite schwarze Badewannen schoben sich über den Himmel, verschwappten schon die ersten Tröpfchen. Auf keinen Fall würde er die kommende Nacht im Freien verbringen.

Martin Lechners Sprache ist gewandt und kunstfertig, manches Mal auch so verschlungen, dass man sich durch einen Urwald aus Worten und Ausdrücken kämpfen muss. Sie schlägt Purzelbäume diese Sprache, verausgabt sich und manches Kunststück, es liegt in der Natur der Sache, geht dabei auch daneben. Im Roman wimmelt es von surrealen Szenen, schrägen Wendungen und absurden Situationen. Immer zur rechten Zeit auftauchende Obdachlose mit improvisierten Instrumenten, traurig singende Mütter und Söhne, die angeblich ihren Zivildienst in einer Psychiatrie ableisten, denen man dann aber doch zutraut, sie könnten wegen ihres instabilen Gesundheitszustandes dort sein. Nichts, was hier passiert, ist, was es auf den ersten Blick scheint. Diese Tatsache, dieses Gertriebensein von Katastrophe zu Katastrophe sorgt für ein halsbrecherisches Tempo, von dem einem manchmal schwindlig wird. Und in diesem Schwindel fällt es manchmal schwer, die Figuren und ihr Handeln tatsächlich zu begreifen. Ein bisschen was von der Vergeblichkeit allen Strebens klingt an, wenn einem dämmert, dass der Inhalt des ominösen Koffers ein Geheimnis bleiben wird.

,Kleine Kassa‚ steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 und ganz sicher hat dieser Roman so einiges zu bieten. Einen besonderen und unverwechselbaren Stil, Wahnwitz, Tempo und zweifellos ein gewisses „Verstörungspotential„. Wem es gar nicht zu abgedreht zugehen kann, der wird mit Martin Lechners Roman (dessen Trailer ihr hier sehen könnt) wohl seine Freude haben, alle anderen wünschen sich nach dieser Lehrlingsjagd vielleicht, hin und wieder wäre kurz die Bremse betätigt worden.

Am 05.09. ist Martin Lechner mein Interviewpartner bei ,Bitte übernehmen Sie‚.

Martin Lechner: Kleine Kassa, Residenz Verlag, 264 Seiten, 9783701716227, 22,90 €

7 Kommentare

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  2. Liebe Sophie,
    das scheint mir, so wie Du es schilderst, ein Buch zu sein, dass unbedingt verfilmt werden möchte – bloß dass ich den Film dann lieber nicht sehen wollen würde. Will sagen: mit Deinem schönen Text hast Du mir dieses Buch glücklicherweise von der langen Liste geschrieben. Gleichzeitig hast Du mich dazu gebracht, ein wenig über dieses Geschwindigkeitsding nachzugrübeln und ich bin da auf einen Film aus dem Jahr 1982 gestossen, den ich damals im Tübinger Arsenal Kino gesehen habe.

    Der Film heisst ‚Koyaanisquatsi – Life out of Balance‘, hat einen grossartigen Soundtrack von Philip Glass (eigentlich ist der Soundtrack der heimliche Star des Films) und ‚handelt‘ von eben dem, dem aus der Balance geratenen Leben.

    Man kann den Trailer hier https://www.youtube.com/watch?v=tDW-1JIa2gI ansehen. Wenn man in Youtubes Suchmaschine ‚Koyaanisquatsi‘ eingibt findet man noch eine Menge andere Ausschnitte des Films und den ganzen Film habe ich auf Vimeo gefunden, von einem Ungarn hochgeladen:

    Liebe Grüsse
    Kai

  3. Ich habe nun auch in Gedanken ein kleines Häkchen hinter „Kleine Kassa“ gesetzt. Muss ich nicht lesen 😉 Danke dafür!
    Der Empfehlung von Kai für den Film „Koyaanisquatsi“ kann ich mich an dieser Stelle gern anschließen. In den späten 80er Jahren gesehen, unvergessen. Ganz großes Kino!

  4. Pingback: Martin Lechner liest am 8. Dezember im Bukafski | sensor Magazin – Mainz

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