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Marion Brasch im Interview

Foto: Jörg Steinmetz

Gerade erschien ihr neuer Roman ,Wunderlich fährt nach Norden‚. Eine fast mystische Reise an die Grenzen des Erklärlichen und letztlich doch wieder ein Ankommen bei sich selbst. Marion Brasch spricht mit mir über den Roman, Wunderlichs Ursprünge und das Schreiben.

1.Marion, wie kommt man vom Radio zum Bücherschreiben? War das schon lange ein Traum von Dir oder eher ein spontaner Entschluss?

Ich schreibe eigentlich schon lange, allerdings passierte das früher eher sporadisch; meist waren es kleine absurde Geschichten – nichts, das in die Welt hinaus musste. Das „ernsthafte“ Schreiben kam erst durch meinen ersten Roman „Ab jetzt ist Ruhe“. Da musste ich mal etwas länger bei der Sache bleiben, was sonst nicht so meine Art war.

2.Du bist noch immer beim Radio tätig, mittlerweile bei Radio Eins. Was ist das Schöne am Radio?

Radio ist eine großartige Sache, weil es schnell, unmittelbar, unaufwendig und trotzdem ein sinnliches Medium ist; durch die Musik, aber auch durch die Leute, die hinterm Mikrofon sitzen und die man mögen kann oder auch nicht. Ich habe das Glück, bei einem Sender zu arbeiten, bei dem keine Moderationsmaschinen gefragt sind, sondern Menschen mit Persönlichkeit.

3.Wann bist Du Wunderlich in Deinem Kopf zum ersten Mal begegnet?

Das war irgendwann in den 90ern beim Radio. Ich hatte damals eine Musiksendung, für die ich mir eine Figur ausgedacht habe, die zwischen den Songs ein Eigenleben führte. Anfangs hat diese Figur nur erlebt, wovon in den Liedern erzählt wurde, doch dann wurde sie mehr und mehr autark und hat die Geschichten vorgegeben, die dann nur noch mit Musik illustriert wurden. Und dieser Mann hatte schon sehr viel von Wunderlich.

4.Wunderlich ist einer, der sehr viel plant und nichts dem Zufall überlassen möchte, bis ihm mit der Trennung etwas geschieht, was er nicht kontrollieren kann. Bist Du auch eher jemand, der die Dinge bis ins Letzte durchdenkt?

Nein, überhaupt nicht, das wäre mir viel zu anstrengend. Ich lasse die Dinge eigentlich lieber auf mich zukommen. Und Wunderlich plant sein Leben eigentlich auch nur bis zu einem gewissen Grad, glaube ich. Während er im Kleinen die Dinge und auch seine Gefühle gern unter Kontrolle hat, fehlt es ihm im Großen doch sehr an Ehrgeiz und an einem Plan. Er ist jemand, der sich lieber treiben lässt, als ein Ziel zu verfolgen; der lieber reagiert statt zu agieren. Damit steht er sich zwar mitunter selbst auf den Füßen, aber anders als viele seiner Zeitgenossen ist er kein Getriebener. Das ist vielleicht, was uns verbindet.

5.Um den Kopf freizubekommen, fährt Wunderlich nach Norden ans Meer. Eignet sich das Meer besonders gut, um ein bisschen durchzulüften?

Für Wunderlich schon. Und auch das hat er mit mir und vermutlich vielen anderen gemeinsam. Das Meer ist ja so ein Sehnsuchtsort – vermutlich weil der Horizont so weit weg ist, da hat man vielleicht die Illusion, dass das auch den Horizont im Kopf weiter und offener macht.

6.Dein Roman beinhaltet sehr viele mysteriöse Situationen und Wendungen, begonnen mit dem sprechenden Handy über stillgelegte Bahnhöfe, blau leuchtendes Harz und letztlich auch verschwundene Menschen. Hast Du eine Faszination für das Unerklärliche?

Nicht grundsätzlich. Also ich bin niemand, der paranormalen Phänomenen nachhängt und halte nichts von Esoterik. Aber ich liebe Geschichten, in denen nicht alles mit rechten Dingen zugeht; und damit meine ich nicht pure Fantasy, sondern durchaus realistische Gegebenheiten in einer alltäglichen Welt, in der jedoch die Wirklichkeit etwas verschoben ist.

7.Du lässt den Leser mit diesen Seltsamkeiten am Schluss ja ziemlich allein. Begründungen dafür gibt es nicht. Hast Du dich bewusst für diese Offenheit entschieden?

Ja. Auch das hat damit zu tun, dass ich als Leser offene Enden mag. Da kann man doch prima weiterspinnen und selbst nach einer Erklärung suchen, wenn man will. Aber ich kann auch verstehen, wenn Leute das unbefriedigend finden.

8.Ich habe mit anderen Lesern darüber diskutiert und Interpretationen gewagt, die Mutmaßungen gingen von wahnhaften Fieberträumen über eine grundsätzliche Veränderung, die aus Wunderlich einen anderen Menschen und demnach auch aus der Welt um ihn herum eine andere macht. Was würdest Du sagen, geschieht mit dem „Hutmann“?

Erstmal finde ich es toll, dass Sie mit anderen darüber diskutieren – das ist doch das beste, was einer Geschichte passieren kann. Naja, und was Wunderlich betrifft – es sprechen doch einige Indizien dafür, dass er das alles nicht geträumt hat, oder? Aber wer weiß…

9.Wie war es für Dich, nach einem stark autobiographisch gefärbten Roman nun etwas ganz Fiktives zu schreiben? Ist Dir das schwergefallen?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich hatte bei „Ab jetzt ist Ruhe“ auch schon sehr viel Spaß daran, mir Szenen und Figuren auszudenken, um die wahre Geschichte meiner Familie lebendiger zu machen, ohne sie zu verfälschen. Mit dem neuen Roman hatte ich alle Freiheit der Welt und konnte meinem Affen Zucker geben, das war toll.

10.Eine letzte Frage, die ich gern Autoren stelle: Was oder wen liest Du persönlich gern?

Ich liebe die Geschichten des Magischen Realismus, was man vermutlich „Wunderlich fährt nach Norden“ auch anmerkt. Ich habe früher die großen Lateinamerikaner wie Gabriel Garcia Márquez, Jorge Luis Borges oder Bioy Casares verschlungen. Aber ich mag vor allem auch amerikanische Erzähler wie Raymond Carver, Ernest Hemingway, Kurt Vonnegut oder Sherwood Anderson. Alle sehr verschieden, alle sehr besonders.

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