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Dieter Hildebrandt – Letzte Zugabe

Dieter Hildebrandt galt als einer der größten Kabarettisten Deutschlands. Als Mitbegründer der Münchner Lach – und Schießgesellschaft und mit TV-Formaten wie dem Scheibenwischer war er in punkto politische Satire fraglos richtungsweisend. Als er am 20. November letzten Jahres starb, war die Trauer nicht nur bei Freunden wie Roger Willemsen, mit dem Hildebrandt die letzten Jahre im Rahmen eines gemeinsamen Programms tourte, sondern bei vielen groß, die er beeinflusst und zum Denken angeregt hat. ,Letzte Zugabe‚ enthält die letzten Texte Hildebrandts, geordnet nach bestimmten Themen und Erinnerungen, die für ihn von Bedeutung waren. Kaum einer blieb von seinen pointierten Seitenhieben verschont, weder die Presse noch die Kirche und schon gar nicht die Politik. Doch auch, wenn Hildebrandt von seinen früheren Erinnerungen spricht, wird deutlich: Hier ist nicht nur ein scharfer Beobachter, sondern auch ein Zeitzeuge am Werk.

Nach der Vorstellung, ich wollte mich deprimiert aus dem Saal schleichen, stand Kästner lächelnd vor mir, sagte etwas Tröstendes und lud mich zu einem Kaffee ein. Es war der Beginn einer Reihe von Höhepunkten in meinen Anfängerjahren. Falsch, es war der Höhepunkt. Denn von diesem Augenblick an nickte er mir zu, wenn wir uns begegneten.

…schreibt Hildebrandt in seiner Rede zur Verleihung des Erich-Kästner-Preises. Schön zu lesen, wie jene, die für viele heute Idole und Vorbilder sind, ihren Vorbildern begegnen – und wie es sie prägt. Hildebrandts Texte in ,Letzte Zugabe‘ sind mal längere Betrachtungen, mal kurze Gedanken, vermutlich lose auf ein Papier notiert und noch nicht in Zusammenhang gebracht. Ein Kapitel befasst sich mit der Gründung von stoersender.tv, einer Art kabarettistischem Internetfernsehen, finanziert durch Crowdfunding, das Politsatire, journalistische Belange und soziales Engagement verbindet. Hildebrandt hatte sich davon begeistern lassen und nach seinem Rückzug aus dem Fernsehen hier eine gute Möglichkeit des Ausdrucks gefunden, er war, trotz seines Alters, aufgeschlossen für Neues. Dieter Hildebrandt ist zwar nicht mehr unter uns, stoersender.tv aber arbeitet weiter; mit bekannten Gesichtern wie Urban Priol, Georg Schramm und Konstantin Wecker.

Was muss der Bürger tun? Was müssen wir alle tun? Wir müssen uns einen Ruck geben, wir müssen zusammenrücken, wir müssen Rücken an Rücken schultern, was uns aufgeladen wird. Wir müssen nicht nur Verben beugen, sondern auch das Haupt und dann das Knie. Wir müssen uns sofort einen Gürtel besorgen, damit wir ihn enger schnallen können.

Messerscharf wusste Dieter Hildebrandt zu beleuchten, was schiefging in diesem Land, wusste zu kommentieren und Diskussionen anzustoßen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern dem nötigen Sachverstand und Fingerspitzengefühl. Ob es dabei um Parteien, Arbeitslosigkeit, Energiepolitik oder Schönheitsideale ging, er konnte so manche Widersinnigkeit in nur wenigen Worten sichtbar machen. Das zeigt auch ,Letzte Zugabe‚, wenn auch vielleicht nicht mehr mit der gleichen Durchschlagskraft wie früher. Für jene jedoch, die aufgrund ihres Alters oder aus anderen Gründen bisher wenig Berührungspunkte mit Hildebrandt und dem Kabarett hatten, bietet diese letzte Zugabe einen hervorragenden Einstieg. Hier geht es um Themen, die jedem geläufig sind, weil sie täglich in den Medien mal mehr und mal weniger gut reflektiert werden, hier geht es um Menschen, die jeder kennt. ,Letzte Zugabe‘ ist also, unter diesen Gesichtspunkten, auch so etwas wie ein erster Schritt. Ein erster Schritt in das Wirken eines hochintelligenten Mannes, der uns zum Lachen und gleichzeitig zum Denken brachte.

Schon Elias Canetti schrieb, Hoffmansthal habe geschrieben, dass Werfel Wagner meinte, als er Verdi zitierte, der Werfel gar nicht kennen konnte, wozu Hans-Christoph Dudeguth die Meinung äußerte, dass Professor Zenkel Wieland treffen wollte, und zwar mit einem Satz von Lessing, der Klopstock gar nicht kannte, als er über Herder schrieb, was Goethe geradezu klassisch mit einem Satz von sich selber beendete.

Dieter Hildebrandt: Letzte Zugabe, mit Illustrationen von Dieter Hanitzsch, Blessing Verlag, 271 Seiten, 9783896675378, 19,99 €

10 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Dieter Hildebrandt – Letzte Zugabe - #Bücher | netzlesen.de

    • Lieber Matthias aka Neuköllner Botschaft, ich find´s ja ganz goldig, das Du Dich hier bedankst. Das Danke aber mit einem Link zu meinem Blog zu verlinken finde ich aber nicht wirklich gut, weil ich und mein Blog mit deinem Danke rein gar nicht zu tun haben. Also entweder kommentierst Du den Link zu meinem Blog, oder der Link wird gelöscht, wenn ich darum bitte. und das werde ich in dem Fall, wenn du das nicht von Deinem Danke entkoppelst… Gruß HarryBo

  2. Ich bin eine von denen, die bisher kaum Berührungspunkte mit Hildebrandt und dem Kabarett im Allgemeinen hatten. Erst durch Roger Willemsen, der ihm im Februar beim Mannheimer Literaturfest lesen.hören eine fulminante Hommage gewidmet hat, bin ich auf diesen beeindruckenden Menschen aufmerksam geworden. Sicherlich nicht meine letzte Begegnung mit ihm, auch wenn ich derartige Texte – im weitesten Sinne Spoken Word – lieber vorgetragen als gedruckt mag. Es wird eine Freude sein, mich auf YouTube durch alte Live-Mitschnitte zu wühlen.

    • literaturen sagt

      Deinen Text hatte ich auch noch im Kopf, als ich das Buch gelesen und die Besprechung geschrieben habe. Der ist mir sehr in Erinnerung geblieben.Dann wünsche ich dir viel Freude beim Durchfühlen, wenn du dazu kommst .. ich habe mit Sicherheit auch sehr Vieles noch nicht gesehen.

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