Graphic Novel, Rezensionen
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Chris Ware – Jimmy Corrigan

Die Graphic-Novel ist den Kinderschuhen entwachsen und geht mit großen Schritten der Adoleszenz entgegen. In Chris Wares ,Jimmy Corrigan‘ manifestiert sich in seiner Vielfalt alles, was an diesem Genre so bewundernswert, so kunstfertig ist. Und schafft, zusammengenommen, eine Blaupause für das, was Comics zu leisten imstande sind, wenn sie allzu ausgetretene Pfade verlassen.

Die Geschichte des Jimmy Corrigan ist schnell erzählt: Der „klügste Junge der Welt“, wie er genannt wird, kennt seinen Vater nicht. Trotz relativ fortgeschrittenen Alters ist seine Mutter noch immer seine einzige Bezugsperson. Ob er es will oder nicht, jeden Tag ruft sie ihn an und will wissen, was er tut und wie es ihm geht. Eine Freundin hat er nicht und hätte er sie, sie würde voraussichtlich unter den gegebenen Umständen schnell das Weite suchen. Eines Tages erhält Jimmy eine Nachricht seines Vaters, der möchte ihn gern kennenlernen. Was er zunächst für einen schlechten Scherz hält, ist ein völlig ernstgemeintes Angebot und so kommt es, dass Jimmy Corrigan, der klügste Junge der Welt, das erste Mal seinem Vater gegenübersteht.

Es ist ein enttäuschendes Zusammentreffen, denn Vater und Sohn haben sich wenig zu sagen, wenig gemeinsam. Sein Vater wohnt allein in einem kleinen Apartement und zeigt keinerlei Gewissensbisse im Hinblick auf Jimmy und die vielen Jahre, in denen zwischen den beiden Funkstille herrschte. Auch als Jimmy verwirrt vor ein Auto läuft und ins Krankenhaus gebracht wird, ist sein Vater zwar nie um einen markigen Spruch über die Krankenschwestern, jedoch umso mehr um liebevolle Worte für den Sohn verlegen. Neben der gegenwärtigen Vater-Sohn-Beziehung wird in einem zweiten Handlungsstrang auch die erschütternde Geschichte von Jimmys Großvater erzählt. Eine Geschichte voller Lieblosigkeit, eine auf andere Weise gescheiterte Vater-Sohn-Beziehung. Wares Geschichte als solche ist also mitnichten einzigartig oder nie zuvor dagewesen. Einzigartig ist die Ausgestaltung, die im Hinblick auf Details, bildhafte Umsetzung von Sprache und teils gewagter Visualisierung sämtliche Rekorde bricht!

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Das beginnt bei dem auseinanderfaltbaren Cover, auf dem verkürzt die Biographien der Familien dargestellt werden, setzt sich fort im lexikonartig bedruckten Vorsatzpapier sowie den hochwertig gestalteten Buchdeckeln und spiegelt sich im gesamten Comic in Form von nahezu experimentellen Panel-Aufteilungen. Chris Ware lotet aus, was das Comic leisten kann, er geht an seine Grenzen und verlangt dem Leser dabei einiges ab. Im Comic, heißt es, kommt der Kunst der Auslassung ein besonderer Stellenwert zu. Leerstellen in der Handlung müssen vom Leser eigenmächtig ausgefült werden, um den notwendigen Zusammenhang herzustellen. Bei ,Jimmy Corrigan‘ arbeitet der Leser mit, wird er gleichsam zum Verbündeten, der sich voller Leidenschaft und Faszination in die Geschichte gräbt. Allein durch die detaillierte Ausgestaltung erlebt man die Welt des Jimmy Corrigan nicht etwa rein fiktiv, sondern wie einen Mikrokosmos, den man, einmal betreten, nicht mehr so einfach verlassen kann.

Und noch mehr: Auch an Humor lässt Chris Ware es nicht fehlen. Wer sich die Mühe macht, auch das Kleingedruckte zu lesen, wird mit eigentümlichen Testfragen zum Leseverhalten, dem Entstehungsprozess des Buches oder sehr wichtigen Hinweisen zu seiner Handhabung gut unterhalten. Mitten in der Geschichte gibt es Modellvorlagen, die, erstmal vergrößert, ausgeschnitten und zusammengeleimt, eine sehr wirklichkeitsgetreue Nachbildung einer Farm ergeben, auf der Jimmys Großvater einst gelebt hat – samt Hecken, Bäumen und allerlei Kleinigkeiten. Diese Graphic Novel ist detailverliebt und experimentierfreudig, eine wahre Schatzkiste für Entdecker, die für ein Buch Zeit haben und diese Zeit auch nutzen wollen. Mit ,Jimmy Corrigan‘ begibt man sich auf eine Reise auf fremdes Terrain. Man muss stets die Augen offenhalten. Wenn man aber dazu bereit ist, wird man mit einem wahrscheinlich meilensteinartigen Geniestreich belohnt, der das Genre auf lange Zeit prägen wird.

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Chris Ware: Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt, Reprodukt Verlag, 384 Seiten, 9783938511121, 39,00 €

9 Kommentare

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  2. wortlandschaften sagt

    Hallo Sophie!

    Das hört sich sehr spannend und innovativ umgesetzt an.
    Was Deinen Einstieg angeht, bin ich mir nicht so sicher, wie der zu verstehen ist und ob das überhaupt zutrifft. Der Adoleszenz entgegen gehen, kann ja bedeuten, sich in der Pubertät zu befinden, was immer das auch im Hinblick auf die Graphic Novel bedeuten soll. Wohin soll der Weg führen und wann ist die Graphic Novel wo angekommen?
    Ich denke, erwachsene Themen gab es im Comic schon immer, genauso wie verschiedene künstlerische Stile. Vor ein paar Wochen erschien im Tagesspiegel ein Artikel zum Begriff der „Graphic Novel“, der zumindest mich zum Nachdenken gebracht hat. Ich glaube, der Autor hat Recht, wenn er sagt, dass diese begriffliche Ausdifferenzierung auf der einen Seite einige Türen (z.B. in Buchhandlungen) geöffnet hat, andererseits dem großen Rest, der nicht als „Graphic Novel“ bezeichnet wird, womöglich eher schadet.

    Hier der Link zum Artikel:
    http://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/graphic-novels-vom-tueroeffner-zur-streitaxt/10144890.html

    Es wäre nteressant, zu hören, was Du davon hältst. Du liest ja doch regelmäßig sog. Graphic Novels, die ich rein von der Thematik schon als ziemlich erwachsen bezeichnen würde. Ich weiß nicht, ob es wünschenswert ist, dass einige davon noch erwachsener sein oder ausschließlich ein erwachsenes Publikum ansprechen sollten? Vielleicht gibt es solche Comics schon und ich kenne sie nur nicht? Ich glaube, ich bin da nicht nah genug dran.

    Viele Grüße
    wortlandschaften

    • literaturen sagt

      Dein Einwand ist sehr richtig, weil es missverständlich formuliert ist. Ich wollte damit auch mehr von der Wahrnehmung des Comics als des Comics selbst sprechen. Das ist auch mir erwachsen genug, ich habe allerdings oft genug im Buchhandel erlebt, wie Kunden es rundweg ablehnen, sich mit dieser Art „Literatur“ auseinanderzusetzen. Eben weil sie darin noch immer die Lustigen Taschenbücher sehen. Oder etwas irgendwie „Kindisches“ und „Unseriöses“, jedenfalls keine richtige Literatur. Und deshalb kam ich wahrscheinlich auch auf diesen Einleitungssatz. Das Comic oder die Graphic-Novel, wie man es auch nennen mag, kann durchaus noch erwachsener, im Sinne von breiter anerkannt werden in seiner Wirkung. Vermutlich wird’s wohl immer ein Nischenprodukt sein, aber hoffentlich irgendwann nicht mehr mit dieser Abschätzigkeit von vielen behandelt werden.

      Was diese Differenzierung zwischen Comic und Graphic Novel anbelangt, so bin ich mir auch immer uneins, wie ich sie nun bewerten soll, denn letztlich manifestiert sie ja gewissermaßen die Überzeugung, dass Comics etwas Minderwertiges sind. Mir ist es letztlich egal, wie man es nennt, wenn es gut gemacht ist.

      Viele Grüße zurück!

  3. Mit Interesse habe ich die beiden vorangehenden Kommentare gelesen. Ja, die Diskussion um die Graphik Novel, den gemalten Roman, den Comic (wie immer man es nun nennen mag) wird von vielen (zum Teil verbissen) geführt.
    Für mich ist Jimmy Corrigan eines der herausragendsten Beispiele für eine Graphik NOVEL, also einen Roman. Das zeigt allein die Tasche, daß ich ihn bereits dreimal gelesen habe (unter Mühen wegen der (absichtlich, glaube ich) so kleinen Schrift). Und jedesmal, wenn ich ihn wieder zur Hand nehme, bleibe ich kleben.
    Für mich ist Chris Ware hier auf einer Höhe mit vielen anderen großen Roman-Schriftstellern.
    Leider nur sind Qualitätsprodukte wie „Der klügste Junge der Welt“ rar gesät. Aber das wird noch. Das Genre entwickelt sich.

    • literaturen sagt

      Chris Ware hat hier vorallendingen Dinge versucht, die ich so noch nie in einer Graphic Novel gesehen habe. Und ich finde es toll, dass jemand den Mut hat, sowas zu machen, obwohl so manches (z.B. die kleine Schrift) auf den ersten Blick nicht unbedingt leserfreundlich daherkommt. Aber Jimmy Corrigan ist eben kein Buch für den ersten Blick.
      Es ist schon einzigartig. Ich empfehle allerdings an dieser Stelle – wenn es um beeindruckende Graphic-Novels geht – auch immer Craig Thompson. Der ist zwar nicht so experimentell wie Ware, aber grafisch auf eine eben solche Weise beeindruckend. ,Habibi‘ und ,Blankets‘ sind wahrscheinlich zwei meiner All Time Favourites.

  4. wortlandschaften sagt

    Jetzt werde ich immer neugieriger. 🙂

    Noch zu Deinem vorherigen Kommentar:
    Okay, das kenne ich natürlich auch. Bei diesen Vorurteilen spielt die Unkenntnis die Hauptrolle. Ich bin ja ein großer Fan von Animationsfilmen (nein, kein Anime, das ist so eine häufige Gleichsetzung, die mir begegnet), die vielleicht ein vergleichbares Nischendasein fristen, aber deshalb trotzdem eine große Anzahl an Bewunderern hervorbringen. Man findet die Filme eben nur selten im Kino oder Fernsehen, sondern eher auf Festivals oder wenn man ein bisschen danach gräbt. Die Vorurteile ähneln sich, sind aber mittlerweile nur noch den völlig Ahnungslosen vorbehalten.

    Bei der Erwähnung der Lustigen Taschenbücher musste ich gerade etwas schmunzeln, weil auch die teilweise unterschätzt werden. Zumindest in der Zeit, als Erika Fuchs aus dem Amerikanischen übersetzt hatte, waren die Taschenbücher nur so gespickt mit Zitaten und Anspielungen auf Literarisches oder weniger gebräuchlichen Redensarten („Der geht ja ran wie Blücher“). Ihr zu Ehren hat man auch den Inflektiv (das musste ich jetzt nachschauen, also z.B. „grübel, schluck, stöhn“) als Erikativ bezeichnet. Im Vergleich dazu war das Original, so habe ich zumindest gelesen, nicht annähernd so schlau, wie es den Anschein machen könnte. „So war sie als hervorragende Literaturkennerin der festen Überzeugung, man könne als Übersetzerin von Comics nicht gebildet genug sein.“, heißt es über Erika Fuchs. Das finde ich schon bemerkenswert.

    Das ist in Film & Fernsehen übrigens auch oft der Fall. Gerade bei älteren Sachen. Bud Spencer und Terence Hill wären in Deutschland ohne die witzige Synchronisation wohl lange nicht so erfolgreich gewesen. Die Ansichtskarte aus Solingen (http://youtu.be/-DacesGsImA) ist so ein Klassiker. Die Filme mögen keine große Kunst sein, die Synchronisation schon. Und das sage ich als jemand, der fast alles im Originalton schaut.

    Was ich damit sagen will, dieses schlichte und schnelle Abbügeln von Dingen, mit denen man sich nie oder nur unzureichend beschäftigt hat, kann man sowieso nicht ernst nehmen.

    Ich finde den Einwand im Tagesspiegel berechtigt und gut begründet, denn gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist vieles auch nur Modeerscheinung (dazu zähle ich dann den Begriff der Graphic Novel als Gütesiegel). Letztendlich zählt, wie Du schon sagst, dass es gut gemacht ist!

    Danke auch für die anderen Titel, über Habibi bin ich schon ein paar Mal in letzter Zeit gestolpert, wird wohl Zeit, dass ich mal wieder Comics/Graphic Novels lese. Alois Nebel, davor Persepolis, mehr fällt mir spontan nicht ein. Ein Japaner, war glaube ich noch dabei.

    • literaturen sagt

      Wahrscheinlich hast du Jiro Taniguchi gelesen, der zeichnet ganz hervorragende Sachen. Und überraschend „unjapanisch“ in seiner Machart. Und du hast Recht, diese Vorurteile gibts in vielen Bereichen. Ich mochte die Lustigen Taschenbücher im Übrigen früher auch sehr, ich hatte sie sogar abonniert und habe sie verschlungen. Ich erinnere mich noch an Mickey-Geschichten, die sogar sowas wie einen historischen Bildungsauftrag verfolgten. Tatsächlich ist es aber nicht das, was die meisten mit Lustigen Taschenbüchern verbinden. 😉

      Persepolis hat mir auch sehr gefallen, genauso wie ich von Will Eisner und Art Spiegelman tief beeindruckt war. Also, es gibt genug tolle Dinge. Bloß die Menschen davon zu überzeugen, ist manchmal harte Arbeit. Aber .. dafür sind ja Blogs gut. Da kann man seine Begeisterung ungehindert loswerden, ohne dass schon jemand abwinkt, wenn man sich nur in Richtung Comicregal bewegt.

      • wortlandschaften sagt

        Genau der war es! Ja, die guten alten Taschenbücher, das waren noch Zeiten…
        Spiegelman habe ich auch schon mal gelesen. Du hast Recht, da gibt es sehr viel zu entdecken und das macht ja auch großen Spaß. Ich habe kürzlich wieder tolle Entdeckungen (filmisch & literarisch) gemacht, wo ich eigentlich eher zufällig draufgestoßen bin.
        Blogs sind da eine wirklich schöne Sache, um seine Begeisterung zu teilen, denn die wirkt nicht selten ansteckend.

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