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Stewart O’Nan – Die Chance

Gegen jede Wahrscheinlichkeit beschließen Marion und Art Fowler an den Ort zurückzukehren, an den sie vor knapp dreißig Jahren auch ihre Hochzeitsreise führte: Die Niagarafälle. Sie sind der Scheidung näher als irgendeiner Form von Romantik, arbeitslos und bedrohlich verschuldet. In ihrem Gepäck: Ihr gesamtes Barvermögen, mit dem sie im Casino das Ruder noch einmal herumreißen wollen.

Marion und Art sind ein durchschnittliches Paar. Um die fünfzig, vom Leben und ihrer Partnerschaft desillusioniert, eigentlich verspricht diese Reise mehr ein Abgesang auf ihre Ehe zu werden als ein romantisches Wochenende zu zweit. Beide tragen ihren Teil Schuld am Scheitern, beide haben den jeweils anderen betrogen. Beide haben ihren Job verloren, beide haben sich entgegen jeder Vernunft für ein baufälliges Haus entschieden, das ganz konsequent finanzielle Löcher in ihren Haushalt frisst. Doch trotz aller dieser schlechten Vorzeichen treten beide die Reise zu den Niagarafällen an, um sich dort endgültig über ihre Zukunft klarzuwerden – und ihr eher kümmerliches Barvermögen aufzustocken.

Als Mittelständler unterlagen sie der Tyrannei des äußeren Scheins und dessen, was sie sich leisten oder was sie riskieren konnten, das war Teil ihres Problems. Sie waren zu etabliert und pragmatisch für das, was sie vorhatten, Verzweiflungstaten bereiteten ihnen Unbehagen.

Obwohl sie längst kein Geld mehr haben, quartieren sie sich in einem teuren Luxushotel mit Ausblick auf die Niagarafälle ein. Selbst insgeheim der Auffassung, nichts könne den Strom der Ereignisse noch aufhalten. Tagsüber vergnügen sie sich inmitten unzähliger anderer Touristen an den gängigen Attraktionen der Gegend, abends machen sie Halt im hoteleigenen Casino. Wenn sie schon alles verloren haben, können sie auch ihr letztes Bargeld für die Hoffnung geben, etwas zu gewinnen, das ihren Verlust weniger maßlos erscheinen lässt. Beinahe fühlen die beiden sich wie ein Gangsterduo, das ihre Verstohlenheit und tief verborgene Verzweiflung über den Lauf der Dinge wieder zusammenführt.

Das Geld war nicht real, also warum sollten sie sich damit nicht amüsieren? Es war wie die Monte-Carlo-Night in der Kirche, ein gefahrloser Nervenkitzel für Ängstliche, zu denen sie, egal, was er sagen mochte, beide gehörten. Sie wären nie hergekommen, wenn sie nicht schon alles verloren hätten.

Stewart O’Nan nähert sich mit psychologischem Feingefühl und sprachlicher Finesse zwei Menschen, die den Höhepunkt ihres (gemeinsamen) Lebens bereits weit hinter sich wähnen. Sie haben sich selbst und den jeweils anderen enttäuscht, sie haben Fehler begangen, Buße getan und haben verloren. O’Nan beschreibt all das so authentisch und menschlich, dass niemand ernsthafte Probleme haben dürfte, sich in diese beiden hineinzuversetzen, die, – wie gesagt: entgegen aller Wahrscheinlichkeiten – das Unmögliche versuchen, einen letzten Tanz auf dem Vulkan, bevor ihr bisheriges Leben explodiert. Dabei ist nicht nur der Ort, an dem die Macht und Kraft der Natur so deutlich hervortritt, raffiniert gewählt – passenderweise sind auch alle Kapitel mit Ereignissen und ihren entsprechenden Wahrscheinlichkeiten überschrieben. Es geschehen unwahrscheinliche Dinge in diesem Roman. Doch etwas Unwahrscheinliches ist nicht unmöglich. Und aus Verlusten können Chancen erwachsen. Ein brilliant geschriebener und spannend konstruierter Roman über Sinn und Sinnlichkeit im Angesicht des vermeintlichen Scheiterns.

Stewart O’Nan: Die Chance, aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag, 221 Seiten, 9783498050429, 19,95 €

3 Kommentare

  1. Was mich an den zitierten Textstellen stört und daher trotz dieser positiven Besprechung von der Lektüre etwas abschreckt, ist, dass der Autor das Verhalten seiner Protagonisten anscheinend kommentiert und interpretiert, anstatt es schlicht zu zeigen und dem Leser die Schlüsse selbst zu überlassen. „Bilde, Künstler, rede nicht“, das gilt meiner Auffassung nach auch und gerade für Literatur.

    • literaturen sagt

      Die Kritik verstehe ich gut, wenngleich ich auch für mich selbst sagen muss, dass mich das nicht massiv gestört hat. Es zieht sich auch nicht ununterbrochen durch’s ganze Buch. Aber O’Nan ist sehr nah bei seinen Figuren und ihren Gedanken, das zeigt er auch. Ob man diesen Stil mag, ist dann letztlich auch eine Geschmacksfrage.
      Herzliche Grüße.

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