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Simone Lappert – Wurfschatten

Ada liebt Fische. Sie beneidet sie um ihren Gleichmut, ihre innere Ruhe. Eine Ruhe, die Ada seit einiger Zeit nicht mehr kennt, die ihr abhanden gekommen ist. Ada hat Angst, vor so vielem – wovor eigentlich nicht? – und lebt in der ständigen Bedrohung einer neuen Attacke. Simone Lappert schreibt in ihrem Debüt die einfühlsame und eindrucksvolle Geschichte einer Frau, die um ihr Leben kämpfen muss.

Ada, die eigentlich Adamine heißt, aber so verständlicherweise von niemandem genannt werden will, hat Angst. Angst vor Krankheit, vor Unberechenbarkeit, vor Einsamkeit, vor alltäglichen Katastrophen, die meistens irgendwo anders passieren, – aber jederzeit auch vor ihrer Haustür Halt machen könnten. Um ihrer Angst die nötige Trotzigkeit entgegenzusetzen, hat sie sich eine Collage aus Bildern gebastelt, ihre ,Angsttapete‚, die ihre Befürchtungen in konkrete Bilder übersetzen. Ein zerfetztes Bein, ein Tumor, eine Naturkatastrophe. Ada hält es jederzeit präsent – und vielleicht ist das das Problem.

Die blasse Februarsonne spielte den Passanten auf dem Gehsteig ihre Schatten zu, synchron und maßstabgerecht, jedem sein Quäntchen Schablonenschwarz. Alles wie es sich gehörte, zumindest draußen, selbst die fetten Tauben schleppten ihre kleinen Schatten durch den Rinnstein, in dem der letzte Schnee versickerte.

In einem kleinen Theater spielt Ada die Leiche, abseits der Bühne ringt sie noch um ihr Leben. Als sie nach München fahren will, um dort an einem Vorsprechen teilzunehmen und vielleicht zukünftig endlich ihre Miete bezahlen zu können, ist es die Panik, die sie ausbremst. Ein stechender Schmerz in ihrem Bein, ein rasendes Herz, Kurzatmigkeit, – als sie wieder zu sich kommt und die Welt an Konturen gewinnt, liegt München bereits hinter ihr.

Die Leute interessieren sich für Wunden, ganz egal, ob es Schrammen an Körper oder Psyche sind, erst einmal steigern sie deinen sozialen Marktwert, erst einmal ist es eine Geschichte. Aber irgendwann werden die Schwachstellen, die zuerst so aufregend waren, lästig.

Um Ada nicht aus der Wohnung werfen zu müssen, quartiert ihr Vermieter kurzerhand seinen Enkel Juri in der Wohnung ein, der eines Abends seelenruhig in Adas Küche Weißbrot schneidet. Der plötzlich einfach da ist, ungefragt, ungeplant und von außen in ihr enges Leben drängt. Und es verändert. Simone Lappert kann mit Worten jonglieren, sie nähert sich Ada auf behutsame Weise, kleidet in sprachliche Bilder, was sonst schwer zu erklären ist. Ein Pyjama ist hier auch schonmal ,einzahlungsscheinfarben‚, ein Nachtschwärmer bloß jemand ohne Visum.

Die Nacht kam ihr jedes Mal vor wie ein anderes Land, in dem sie sich nicht auskannte, in dem andere Regeln galten. Und der Schlaf war eine Art Visum für den Aufenthalt im Dunkeln. Wer wach blieb, bewegte sich in der Nacht ohne Papiere.

Simone Lappert schöpft Sprache aus, schürft Wortgold, malt Bilder. Allerdings weicht sie konzeptionell wenig von bereits erprobten Wegen ab. Eine junge Frau leidet unter Ängsten und Selbstzweifeln, ein junger Mann taucht auf der Bildfläche auf und hilft ihr ein Stück hinaus. So charmant die Geschichte zwischen Juri und Ada auch ist, so viel mutiger wäre es vielleicht gewesen, diese Ada, deren Ängste zwar greifbar, im Roman selbst aber ohne Begründung sind, allein kämpfen, vielleicht auch scheitern zu lassen. Nicht immer kommt jemand vorbei und klaubt die Scherben zusammen, nicht immer taucht da jemand auf, wo man ihn braucht, zur richtigen Zeit.

Aber das sind Geschmacksfragen, die nicht an der Stilsicherheit, der sprachlichen Feinheit und dem emotionalen Reichtum rütteln, die in diesem vergleichsweise schmalen Roman schlummern. Menschen mit Ängsten, und zwar solchen durchaus krankhaften Ausmaßes, werden sich wiedererkennen in dieser jungen Frau, die sich einer Welt ausgeliefert sieht, in der es keine Sicherheiten gibt. Wir alle müssen damit leben, – doch je komplexer unsere Welt wird, desto fragiler werden unsere Sicherheiten. Ada steckt also doch vielleicht in jedem von uns. Mit Simone Lappert erkennen wir sie.

Juri setzte sich wieder in den Sattel. „Eigentlich müsste es Zukünfte heißen“, sagte er. „Dann wären wir alle viel entspannter.“

Simone Lappert: Wurfschatten, Metrolit Verlag, 240 Seiten, 9783849300951, 20,00 €

5 Kommentare

    • literaturen sagt

      Weil man mit einer selbstgehosteten Seite bedeutend mehr individuelle Gestaltungs – und Optimierungsmöglichkeiten hat. Bei wp.com kann man zum Beispiel keine Plugins installieren oder das Design anpassen. Man ist schlicht abhängiger von dem, was ohnehin schon vorgegeben ist.

  1. Ich glaube, das Thema Angst ist inzwischen ein ziemlich wichtiges vermutlich sogar ziemlich unterschätzt. In meinem Umfeld kann ich das immer mehr beobachten – und Du hast recht, es gibt nicht immer jemanden, der einem immer wieder rausholt aus dem Loch, oder anders gesagt, niemand kann einen da wirklich rausholen, nur man selbst. Und man braucht Hilfe dazu, am besten professionelle.
    Anyway, der letzte Satz, den Du zitiert hast gefällt mir ausnehmend gut, denn er ist so wahr.
    Liebe Grüsse, Kai

  2. Pingback: Wurfschatten | privatkino

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