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Leif Randt – Schimmernder Dunst über Coby County

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Eine Stadt, in der die Glückseligkeit auf der Straße liegt, eine Stadt, deren Erfolgsverwöhntheit man genauso wenig hinterfragt wie seine eigene. Leif Randt führt ein in das Pleasantville der Literatur, an dem keine Zweifel gestattet sind.

Wim Endersson ist Literaturagent in Coby County. Einem Ort, an dem die Menschen ausgelassen feiern, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet, an dessen Strand sie sich sonnen, in dessen angrenzendem Meer sie sich abkühlen. Es ist, so sind die Bewohner überzeugt, die beste aller möglichen Welten.

Wim Endersson ist in der Agentur von Calvin Van Persey zuständig für junge Autoren, die gerade die Pubertät  verlassen haben oder noch immer in ihren erbarmungslosen Fängen strampeln. Das literarische Ergebnis sind Weltschmerz und das Schreiben über Dinge, die sie nie erlebt und Orte, die sie nie gesehen haben. Denn niemand verlässt Coby County wirklich gern.

Über den Frühling von Coby County gibt es regelmäßig Reportagen mit szenischen Einstiegen: „Gegen zehn am Morgen hat das junge Paar aus Bristol UK noch lange nicht genug vom Tanzen im Sand.“ Und auf diese Sätze folgen dann immer Statistiken, die kaum zu glauben sind, und danach wieder Beschreibungen, die sich mit den eigenen Eindrücken merkwürdig vermengen.

Coby County ist reich an Kinos und Konzeptgastronomie. Die Beziehungen zwischen Menschen sind zusehends abgeflacht. So hat Wim Endersson zwar eine Freundin, Carla, doch die beiden kommunizieren miteinander fast ausschließlich über SMS und wenn sie sich treffen, ist es, als müssten sie eine Pflicht erfüllen, die man ihnen vorgibt. Über Gefühle spricht in Coby County niemand, viel zu flüchtig und flatterhaft sind sie. Was man heute fühlt, kann morgen schon Geschichte sein oder sich als Irrtum erweisen. So viel gibt man nicht her von sich in Coby County. Als Carla sich von Wim trennt, abgeklärt und sachlich, fällt die Reaktion darauf überraschend gemäßigt aus.

Ich lese die Shortmessage nur ein einziges Mal. Die kühle Luft der Klimautomatik umweht meine blanken Waden und ich denke, dass ich Carla nicht vorwerfen werde, dass sie sich via SMS getrennt hat. Man sollte immer die Wege gehen, die man am virtuosesten geht. Ihre Form ist die SMS, sie bleibt sich treu, das ist prinzipiell gut, mit einer Kritik daran würde ich es mir nur leicht machen.

Reaktionen wie diese wirken unfreiwillig komisch und verleihen dem Roman eine angenehm subtile Ironie. Überhaupt ist Wim fast pausenlos damit beschäftigt, sich selbst und sein Handeln zu reflektieren, er ist eine permanent in Funktion befindliche Selbstbespiegelungsmaschine. Und sich dabei doch niemals sicher, ob er nach außen so wirkt wie er es empfindet. Die Menschen in Coby County sind glücklich und erlauben sich keine Zweifel an dieser Glückseligkeit, doch in diesem Taumel des sonnigen Gemüts haben sie längst die Verbindung zu sich selbst verloren.

Coby County ist ein durchgestylter Modeort, an dem „Untergrundpartys“ Partys in geschlossenen Einkaufszentren und mit schlechten Drogen sind. Partys, die sich eigentlich bloß durch die Qualität der Drogen von den besseren unterscheiden. Leif Randts Roman ist bedrückend und von einer emotionalen Leere, die an Bret Easton Ellis‘ ,Unter Null‘ erinnert. Als in Coby County ein gefährlicher Sturm angekündigt wird, verlassen viele die Stadt, um sich in Sicherheit zu bringen. Wim und einige seiner Freunde bleiben – sie wollen bleiben, in Coby County. Weil sie der Stadt und ihren Einflüsterungen längst näher sind als sie sich selbst jemals waren. Ein hochmoderner Roman, der es wert ist, von vielen gelesen zu werden!

Wenn ich vor der Toilette knie und würge, weil ich in der Nacht zuvor viel zu viel getrunken habe, dann erdet mich das auf plakative Weise, dann bin ich irgendwie ganz bei mir und maximal ehrlich zu mir selbst.

Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County, Berlin Verlag, 192 Seiten, 9783827010278, 18,90 € (als Taschenbuch 9,99 €, 9783833308543)

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