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Kommen Bücher in den Himmel?

Man begegnet sich immer zweimal im Leben – oder verliert sich nie so ganz aus den Augen. Das gilt jedenfalls für mich und Nicole Pietruschka. Wir sind gemeinsam zur Schule gegangen, haben gemeinsam unser Abitur gemacht. Aber wie es manchmal so ist; es zieht die Leute in die weite Welt hinaus und so studiert Nicole heute im niederländischen Enschede Cross Media Design. Ihr Abschlussprojekt hat mit Büchern zu tun. Und damit, was aus ihnen wird, wenn sie ausgesetzt, vergessen und ausrangiert sind. Schlechte Bücher kommen vielleicht in den Himmel – gute Bücher überallhin. Und wenn nicht sie selbst, dann ihre Geschichten. Nicole erzählt mir von ihrem Projekt.

nicoleNicole, du studierst in Enschede am Artez AKI ,Cross Media Design‘. Was beinhaltet dieser Studiengang?

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Nicole Pietruschka

Ich hätte mir keinen besseren Studiengang vorstellen können als Crossmedia Design. Lange konnte ich mich nicht entscheiden mit welchem Medium ich am liebsten arbeiten würde; Fotografie, Film oder doch lieber Malerei? Ich wollte nichts aufgeben und dann hab ich Crossmedia Design entdeckt. Wir bekommen Aufträge, wie sie auch auf dem Arbeitsmarkt gegeben werden und jeder wählt das Medium zu diesem Projekt aus, von dem er denkt, dass es die gewünschte Botschaft am besten vermittelt. So werden unsere Augen geschult im Bereich der visuellen Kommunikation und Ästhetik. Wir werden zu Art Directors ausgebildet und natürlich hat jeder doch letztendlich ein paar favorisierte Medien, mit denen er am liebsten arbeitet. Bei mir wurden es Fotografie und Moving Image. Ich habe auch noch kleinen Zusatzstudiengang belegt, in dem wir philosophierten über die Grenze zwischen Fotografie und Film. Das fand ich so interessant, dass ich mich für mein Examen entschieden habe, Cinemagraphs zu machen. Sie geben, meiner Meinung nach, die Magie dieser Grenze wunderschön wider.

Dein Abschlussprojekt widmet sich vergessenen und ausgesetzten Büchern. Wie bist du auf den Gedanken gekommen, dich diesem Thema zu widmen?

Ich hatte mir bereits ein Thema ausgesucht: Reinkarnation. Mein vorheriges Projekt handelte von vergessen Menschen. Diesmal waren es vergessene Bücher, die mich zu den Cinemagraphs inspirieren sollten. Ich habe sechs „Geburtssätze“ von sechs niederländischen Büchern genommen; zusammen formten sie eine neue Geschichte, die mir die nötige Inspiration gab für die Cinemagraphs.Sie handeln auch von Reinkarnation; in Form einer Mutter-, Tochter-Beziehung. Die Cinemagraphs sind also meine Reinkarnationen von sechs vergessenen Büchern. (Anm.d.R.: die Cinemagraphs, bewegte Bilder, sind auf www.reincarnatebooks.com/ einsehbar)

Die Seite reincarnatebooks.com ist Teil deiner Idee. Worum geht es dort?

Nun will ich Menschen dazu inspirieren, selber vergessene Bücher zu reinkarnieren. Jeder Besucher meiner Ausstellung darf ein Buch mitnehmen, um es zu lesen, weiterzugeben oder es zu upcyclen (d.h. andere Dinge aus ihnen herzustellen). Dafür habe ich die Plattform reincarnatebooks.com kreiert. Auf der Website findet man Links zu verschiedenen Upcycling-Projekten mit Büchern, ich promote Buchkunstwerke und versammle Links, die Menschen helfen, Bücher durch die ganze Welt reisen zu lassen.

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Wie gehst du selbst mit Büchern um, die du nicht mehr brauchst?

Um ehrlich zu sein, habe ich erst während meines Projektes all die Möglichkeiten entdeckt, Bücher auf verschiedene Weisen weiterzugeben an Menschen, die man nicht kennt oder aus den Büchern etwas komplett Neues zu machen. Was ich bisher ausprobiert habe ist The Hanging Paper Ball (siehe Foto), aber ich freue mich schon, die anderen Projekte auch auszuprobieren!

Wie hast du dieses Projekt als Ausstellung verwirklicht? Was waren deine Gedanken? Erzähl ein bisschen davon.

Die Bücher sind sind als Geschenke eingepackt. Genau wie ich für die Cinemagraphs nur die ersten Sätze von sechs Büchern benutzt habe, so wollte ich auch die Fantasie der Besucher anregen, indem ich ihnen ausschließlich die Möglichkeit gebe, den ersten Satz des Buches zu lesen. Die ersten Sätze stehen geschrieben auf den schwarzen, quadratischen Stickern. Jedes Buch ist eingepackt in einem anderen Foto, das ich gemacht habe. Das Foto vermittelt dem Besucher bereits von Weitem ein Gefühl; so kann er sich also durch das Bild oder durch den Satz dazu aufgerufen fühlen, das Buch mitzunehmen. Zusammen bilden die Bücher ,auf diese Weise eingepackt, eine starke visuelle Einheit.

Wie sind die Reaktionen bisher?

Es ist total schön, die Freude in den Gesichtern von Leuten zu sehen, die ein Buch mitnehmen. Es ist ein Geschenk und auch noch spannend, denn man erfährt nicht mehr als den ersten Satz des Buches und das Umschlagfoto vermittelt einem ein Gefühl. Viele Menschen zweifeln jedoch, ob sie tatsächlich ein Buch mitnehmen dürfen, obwohl es auf zwei Schildern an der Wand geschrieben steht. Einige sagten, sie wissen nicht, ob sie es auspacken oder einfach so zu Hause hinstellen, weil sie das Cover so schön finden. Ich freue mich sehr über die Reaktionen. Jeden Morgen gehe ich zur AKI um die Cinemagraphs anzuschalten und mache ein Foto von der Wand der vergessen Bücher, um zu sehen, wie viele von ihnen ein neues Leben gefunden haben. Ich hoffe, dass die Wand am Ende leer ist und die Bücher ihre neuen Besitzer glücklich machen und deren Kreativität anregen.

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Austellung der ausgesetzten und vergessenen Bücher

Wenn dieses Projekt eines begreiflich macht, dann, dass Literatur mehr ist als bloß Papier zwischen zwei Buchdeckeln. In ihr stecken Geschichten, die über das stoffliche Buch hinausgehen und die in andere Kunstformen überführt werden können. In ihr stecken Stimmungen, Gedanken und Gefühle. Bücher und Geschichten können Ländergrenzen überbrücken und wenn sie tatsächlich ausgedient haben, – stofflich wie inhaltlich – kann man sie einem ganz anderen Zweck zuführen. Ob als Uhr oder Handtasche – Bücher sind vielseitig!

2 Kommentare

  1. Da passen die offenen Bücherschränke, ein Ort, wo ich hauptsächlich meinen Lesestoff beziehe dazu, die ich nicht nur sehr interessant finde, sondern auch gerne mehr über den Weg der dort ausgesetzten Bücher und die dir man dort findet, wüßte. Eine wissenschaftliche Untersuchung wäre da fein, man kann wie ich es tue, aber auch darüber bloggen und die dort gefundenen Bücher rezensieren

  2. Das ist faszinierend, was Nicole Pietruschka da macht, und es hat eine ganz eigene Ästhetik . Sehr anregend, danke für das schöne Interview.
    Liebe Grüsse, Kai

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