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Kim Leine – Ewigkeitsfjord

Kim Leine kann nicht von den Grönländern lassen – oder sie nicht von ihm. Vor drei Jahren schon erschien ,Die Untreue der Grönländer‘, jetzt wagt sich der norwegische Autor mit ,Ewigkeitsfjord‘ tief in die Historie des Landes hinein und erzählt von der Zeit dänischer Kolonien und christlicher Missionare.

Morten Pedersen Falck gelangt als junger Mann nach Kopenhagen, um dort eine theologische Ausbildung zu beginnen. Weniger, weil es seiner innersten Leidenschaft entspricht, sondern weil es der Wunsch seines Vaters ist. Ihn selbst interessiert vielmehr das Naturwissenschaftliche, das Weltliche und so verlaufen seine Jahre des Studiums zwischen 1782 und 1789 eher leidenschaftslos. In seiner Freizeit nimmt er an medizinischen Vorlesungen teil und assistiert dem Leichenbeschauer, – er will alles wissen und sehen, was ihm möglich ist. Für einen Theologen der damaligen Zeit ist er überraschend aufgeschlossen – auch den Frauen gegenüber.

Allmählich findet er sich in seinem neuen Leben in der Residenzstadt zurecht. Jeden Tag isst er gemeinsam mit den Arbeitern in der Druckerei, eine fleischarme Kost, die hauptsächlich aus wässrigen Grützen in allen nur denkbaren Abstufungen von Abscheulichkeit besteht, und er lernt, das Essen in sich hineinzustopfen, ohne es zu schmecken, und so viel Brot an sich zu raffen, wie er nur kann, um seinen leeren Magen damit aufzufüllen.

Statt nach seinem Abschluss eine vakante Pfarrerstelle in einem nahen Dorf anzutreten und seine Freundin Abelone Schultz, die Tochter des Buchdruckers, zu heiraten, beschließt er, nach Grönland auf Mission zu gehen. Es ist eine Entscheidung, die ihn und sein ganzes Leben nachhaltig verändern wird. Er betritt mit seiner Kuh Roselil das Deck der Frühling und gelangt nach einer zehrenden und wochenlangen Schiffsreise in die dänische Kolonie Sukkertoppen. Der zuvor im Amt befindliche Pfarrer nahm sich das Leben, doch das kann den Enthusiasmus Morten Falcks zunächst noch nicht trüben. Doch das Klima in Grönland ist hart, die Lebensbedingungen schlecht. Häufig herrschen Hunger und Kälte, auf den Schlafstätten tummeln sich die Läuse, der Verzehr von Branntwein wird überlebenswichtig.

Der Wohnplatz Igdlut besteht aus einer Handvoll Torfhäusern, die ein Stücklandeinwärts an jenem Fjord liegen, den die Dänen Ewigkeitsfjord nennen. Dieser ist einige Tagesreisen nördlich der Kolonie gelegen und dreißig dänische Landmeilen lang. Immer wieder macht er scharfe Biegungen, und jedes Mal scheint es, er würde enden. Doch er fließt weiter – eine Ewigkeit.

Das Leben in Grönland verändert Magister Flack von grundauf. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich und er stürzt in dieselben Abgründe, die er bei den anderen Bewohnern nach und nach erkennt. Es ist ein schwermütiges Leben, geprägt von Einsamkeit – Grönland gilt nicht umsonst als eines der am wenigsten besiedelten Länder der Erde – und Gewalt. So vergewaltigt der Schmied Hammer die Frau des Kaufmanns, die prompt schwanger wird und den Pfarrer um Hilfe anfleht. Ein Pfarrer namens Oxbøl, der einige Tagesreisen entfernt in Holsteinsborg missioniert, schwängert reihenweise junge Frauen, die er den Katechismus lehren soll. Straftäter werden noch öffentlich ausgepeitscht und an den Pranger gestellt. Am Ewigkeitsfjord selbst bildet sich eine – für grönländische Verhältnisse – riesige Siedlung von Gläubigen, die zwei selbsternannten Propheten anhängen. Es wird gemordet, geliebt und verzweifelt gelebt.

Kim Leine hat mit ,Ewigkeitsfjord‘ ein Epos geschrieben, das mit seinen knapp 640 Seiten nicht nur hinsichtlich seines Umfangs ein Schwergewicht ist. Mit einer einnehmen und bildhaften Sprache erzählt er vom Leben in Städten und Dörfern des ausgehenden 18.Jahrhunderts – und geizt dabei nicht mit Beschreibungen der hygienischen Zustände -, aber auch von dem Leben der Missionare in Grönland, die den „Wilden“ und „Ungläubigen“ den Weg zum Christentum ebnen sollten. Dieser Roman ist eine Zeitkapsel, in der die Vergangenheit spürbar und greifbar wird. Er versucht dabei zweifellos, historisch so genau wie möglich zu verfahren, – so erwähnt Leine Paul Egede, ebenfalls grönländischer Missionar und Sohn des ,Apostels der Grönländer‚, der auch eines der geschichtlichen Vorbilder Morten Falcks gewesen sein dürfte. Der große Brand von Kopenhagen bildet zusammen mit der Rückkehr Mortens nach Dänemark ein fulminantes Finale, hier vermischen sich Fakten und Fiktionen, erzählen die Geschichte so, wie sie für viele Missionare gewesen sein könnte.

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Brand von Kopenhagen, 1795

Kim Leines Roman richtet sich an den historisch interessierten Leser, den Neugierigen, den Wissensdurstigen, der auch die Schwermut und Dunkelheit verkraften kann, die manchmal zwischen den Zeilen liegt. Es ist eine vielseitige, eine zutiefst menschliche Geschichte, die dem Leser hier präsentiert wird. Und wer gewillt ist, die Reise auf sich zu nehmen, wird mit einem Buch belohnt, das so facettenreich und vielseitig ist, wie Geschichte nunmal sein kann, wenn sie von den Richtigen vermittelt wird. Keine leichte, aber eine lohnenswerte Lektüre!

Hier kann man Bilder des Ewigkeitsfjords bestaunen, den die Grönländer Kangerlussuatsiaq nennen. Hier kann man ein Video ansehen, in dem Kim Leine über den Roman spricht.

Kim Leine: Ewigkeitsfjord, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, Hanser Verlag, 637 Seiten, 9783446244771, 24,90 €

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