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Der zweite Tag am Wörthersee

Nachdem die an Windpocken erkrankte Karen Köhler ihre Teilnahme beim Preis absagen musste, gibt es seit gestern ihre ins Rennen geschickte Erzählung ,Il Comandante‚ zum Download auf ihrer Homepage. Es lohnt sich!

Der gestrige Lesungstag mit den ersten fünf Autoren lief eher gemächlich an, getragen und schwer, ja, bedeutungshochschwanger gar, heute gab es tatsächlich Zoff und Zank, erbitterte Diskussionen und denkwürdige Verrisse. Den Anfang machte Anne-Kathrin Heier mit einem Text, Ichthys, der tatsächlich viel Ich enthielt (und nicht dürfte, laut Schreibschulstatuten), ein typischer Berlin-Text, munkelten manche.

Großstadtmoloch, Drogensucht, Anonymität, Weltschmerz. Sprachlich zwar zum Teil virtuos, insgesamt aber vermutlich zu kryptisch, zu konstruiert. Ein Text, der sich las, wie der Tagebucheintrag einer wirklich traurigen Julia Engelmann. Bereits das erste Gezänk in der Jury, es sei ein schwacher Text und mutig von Heier, mit ausgerechnet dem hier anzutreten. Auch in sozialen Netzwerken wie Twitter sparten Zuschauer nicht mit Häme – in ihrer Vehemenz überwiegend unberechtigt. Insgesamt liefert Heier einen Text, der es wert ist, näher betrachtet und nicht nach einem ersten Leseeindruck beurteilt zu werden.

Die Jury jedoch beginnt sich warmzulaufen. Birgit Pölzls leicht meditativ-entrückter Tibettrauertext gerät da schnell zum „Esoterikkitsch“. Anklänge sind zwar vorhanden, die Trauer um das eigene Kind allerdings, das vom Ehemann überfahren wurde, sei literarisch respektvoll gelöst worden, einigt man sich. Der letzte am Vormittag ist Senthuran Varatharajah, der bisher noch nichts veröffentlicht hat und seinen Text über zwei Immigranten und ihre kulturellen wie familiären Hintergründe, formal als Facebook-Chat zwischen einem jungen Mann und einer ihm fremden Frau präsentiert. Schon während der Lesung regt sich Skepsis in manch einem Zuhörer: So spricht doch niemand in einem Facebookchat. Burkhard Spinnen bemerkt in der anschließenden Diskussion, die sprachliche Stilistik des Mannes lasse den Schluss zu, er habe sein Deutsch bei Hegel gelernt. Angesichts Varatharajahs Philosophiestudium nicht völlig an den Haaren herbeigzogen. Hubert Winkels bezweifelt gar, dass es sich, trotz aller formalen Aspekte, überhaupt um einen Dialog im klassischen Sinne handelt.

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Es lasen: Anne-Kathrin Heier, Birgit Pölzl, Senthuran Varatharajah, Michael Fehr, Romana Ganzoni (v.l.n.r.)

Nach der Mittagspause liest Michael Fehr – und seine Lesung ist die bisher wohl ungewöhnlichste. Nicht nur deshalb, weil er den Text im Stehen mit ganzem Körpereinsatz und tiefstem Schweizerdialekt vorträgt, aufgrund einer Sehbehinderung kann Michael Fehr nur unter größter Anstrengung einen Text lesen. Und so lässt er sich den Text zunächst über Kopfhörer eingeben, bevor er ihn nachspricht. Liest man ihn, fällt einem sofort auf, dass er in Versform gesetzt ist, teils sicherlich gewollt, teils ein schlichtes Produkt der Verschriftlichung – denn Michael Fehr spricht seine Texte gewöhnlich zuerst auf Band. Manch einer in der Jury erkennt in Simeliberg, das in wilden Auszügen ohne chronologische Ordnung präsentiert wird, einen Schweizer Krimi, die anderen weisen auf das gleichnamige Märchen hin. Ein origineller Text, ein origineller Vortrag. Und eine Jurydiskussion, die sich mehr, als es ihr vielleicht gut tut, mit der Vortragsweise und ihren Einfluss auf die Wirkung eines Textes beschäftigt.

Den Abschluss macht Romana Ganzoni, die in ihrem Text Ignis Cool nicht bloß einen Konflikt zwischen Automarken, sondern vor allem einen Mutter-Tochter-Konflikt zu verarbeiten suchte. Ein Text, in dem vieles unter der Oberfläche schwelt, in dem unterschwellig viel Gewalt transportiert  wird, – ab einem bestimmten Punkt vor allem gedachte Gewalt der Tochter gegen die Mutter. Psycho-Variationen im kiwigelben Suzuki, durchaus ambitioniert, von der Jury allerdings mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Langweilig sei der Text, moniert Winkels, Ganzoni habe ihren eigenen Text zerlesen, moniert Spinnen. Der heutige Lesungstag war insgesamt bewegter, die Texte weniger verkopft, so weit man das in diesem Wettbewerb behaupten kann. Die Texte zum Nachlesen:

Anne-Kathrin Heier – Ichthys
Birgit Pölzl – Maia
Senthuran Varatharajah – Von der Zunahme der Zeichen
Michael Fehr – Simeliberg
Romana Ganzoni – Ignis Cool

2 Kommentare

  1. Pingback: TDDL 2014 – Anne-Kathrin Heier, Birgit Pölzl, Senthuran Varatharajah, Michael Fehr, Romana Ganzoni » Atalantes Historien

  2. Liebe Sophie,
    danke für diesen interessanten Bericht – und ein ganz spezielles Dankeschön für den Hinweis und den Link auf Karen Köhler bzw. die Leseprobe. Die habe ich mir sofort angeschaut und habe mich gleich festgelesen. Bin also gespannt auf das Buch, das da kommen soll.
    Liebe Grüße, Kai

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