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Burkhard Spinnen – Zacharias Katz

Zach Katz – der eigentlich Zacharias Katzwinkel Smith heißt – ist ein Draufgänger. Jedenfalls ab dem Zeitpunkt, ab dem er in seinem Karibikurlaub die Nachricht erhält, nicht in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, es bestehe akute Lebensgefahr. Kopf – und hilflos heuert der junge Mann im weißen Anzug auf einem Passagierschiff an, das auf der immer gleichen Route durch die Karibik kreuzt. So lange jedenfalls, bis der Erste Weltkrieg ausbricht. Burkhard Spinnens neuer Roman – ein Potpourri aus Geschichten.

Es beginnt in einem Lazarett, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Zacharias Katz ist verwundet, geschwächt, auch wenn er das nicht zugeben mag – und er diktiert einem Corporal Brady seine Geschichte. Eine Lebensgeschichte, die zunächst geprägt ist von einem eklatanten Mangel an Leidenschaft für irgendeine Sache. Katz‘ Familie ist nach Amerika eingewandert, sein Vater verdient den Lebensunterhalt mit der Wartung und dem Handel von Landmaschinen. Dasselbe soll dem Sohn eigentlich auch blühen, bis er in der Schule einen Aufsatz schreibt, den seine Lehrerin für derart gelungen hält, dass sie für ihn eine journalistische Laufbahn in Betracht zieht.

Ich war vollkommen perplex. Journalisten haben nirgendwo den allerbesten Ruf, und unser schönes Pennsylvania machte da keine Ausnahme. Journalisten galten auch bei uns als Leute, die ihren Beruf verfehlt haben. Ich weiß, wovon ich rede.

Dennoch weiß Zacharias Katz, dass es keine Alternativen gibt, den Landmaschinen seines Vaters zu entgehen und so wird er Volontär bei einem kleinen Lokalblatt. Schreiben kann er nicht, er zeichnet sich einzig durch seine Akkuratesse in der Zusammenstellung von Informationen aus. Diese leidenschaftslose Genauigkeit bringt ihn schließlich sogar nach New York, wo er ein verborgenes Talent entdeckt. Das Lektorat von Liedtexten! Selbst einen schreiben, das wäre Zacharias Katz niemals eingefallen, doch unsaubere Reime, hanebüchene Vergleiche, die kann er korrigieren. Er beginnt, am Broadway zu arbeiten. Als er nach arbeitsreichen Monaten auf eine Fahrt nach Havanna aufbricht, erreicht ihn dort ein Telegramm, das ihn und sein Leben für immer verändern wird.

Brady, es gibt nicht viele Menschen,mit denen man schweigen kann. Meistens muss man reden und reden, damit es nicht allzu peinlich wird.

Das Telegramm stammt von seinem Broadwaykollegen Kessel, der ihn inständig bittet, vorerst nicht zurückzukehren, es bestehe Lebensgefahr. Zacharias Katz verliert die Nerven oder hat gar endlich einen Grund gefunden, seinem bisherig doch eher farblosen Leben ein Ende zu bereiten. Was es auch ist, er heuert auf der Präsident an, einem Passagierschiff, das sich mit Beginn des Krieges in ein Flüchtlingsschiff verwandelt – und als Piratenschiff endet. Zacharias Katz wird Chronist dieser Entwicklungen – und nebenbei auch Chronist sehr menschlicher Geschichten im Angesicht einer auseinanderbrechenden Ordnung.

Die Frauen und die Kinder waren wieder dabei, überall standen diese riesigen Koffer, es war laut, ein Säugling weinte, und ich dachte: Jetzt läuft aus uns allen die Angst heraus wie das Wasser aus den Rettungsbooten.

Von einem Mann, dem sein Hund mehr bedeutet als jeder Mensch, einer Frau, die sich mithilfe eines Ankers über die Reling stürzen und im Meer ertränken will, einem Porzellanfabrikanten, dessen hypochondrische Neigungen auf ungewöhnliche Weise von seinem Psychiater therapiert werden, ein sechsfacher Mörder, der eigentlich nur die saisonale Mode mitgestalten wollte – Burkhard Spinnen versteht es, Geschichten zu erzählen, die berühren und uns, auf beinahe selbstverständliche Weise, auch wieder für Geschichten öffnen. Nicht nur für solche aus Büchern, sondern auch für die außerhalb der Seiten. Geschickt arbeitet Burkhard Spinnen mit einer alternierenden Erzählperspektive. Mal erzählt Zacharias Katz, der seinen „Sekretär“ im Lazarett namentlich anspricht, dazwischen finden sich dann Einschübe des Sekretärs selbst so wie die erzählten Geschichte der Passagiere. Diese Vielschichtigkeit des Erzählens lässt die Geschehnisse nur umso lebendiger und greifbarer erscheinen, macht die Lektüre abwechslungsreich. Was Zacharias Katz betrifft, so findet er durch all die Geschichten und die äußeren Umstände am Ende zu einer Haltung. Was als Verzweiflungstat begann, endet als eine lebensentscheidende Maßnahme.

Burkhard Spinnen: Zacharias Katz, Schöffling Verlag, 344 Seiten, 9783895610455, 21,95 €

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