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Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah

Kaum ein Roman wird in diesen Wochen so häufig besprochen wie Chimamanda Ngozi Adichies ,Americanah‘. Dabei ist die nigerianische Schriftstellerin, die heute in Lagos und London lebt, beileibe keine Debütantin. Sie war bereits für den Booker Prize nominiert, 2007 erhielt sie den Orange Prize for Fiction. Dennoch scheint es mit Americanah eine besondere Bewandnis zu haben, es trifft einen Nerv, der literarisch sonst weit weniger berührt wird. Es handelt von alltäglichem Rassismus.

Spätestens mit Bekanntwerden der NSU-Mordserie wird die Diskussion über Rechtsextremismus neu geführt. Wie sieht sie aus, die neue Rechte? Was man jahrelang an gesellschaftlichen Rändern und im Untergrund vermutete, hat in der Mitte der Gesellschaft Fuß gefasst. Rechte Parolen sind längst nicht mehr nur Sache ungebildeter Krawallmacher. Und Rassismus findet sich ohnehin nicht mehr ausschließlich dort, wo man noch Hitlers Geburtstag feiert, Rassismus ist salonfähig – und wird oft genug gar nicht mehr als solcher erkannt. Vielleicht ist es das, was Americanah so spannend macht. Der Roman legt seinen Finger in genau diese Wunde, zeigt, dass Konstrukte wie Rasse, die Adichie rundweg ablehnt, in den Köpfen vieler noch immer unverrückbar existieren. Rassismus beginnt vielfach schon dort, wo der Hautfarbe eines Menschen besondere Bedeutung beigemessen wird.

Du musst ebenfalls nicken, wenn dir ein anderer Schwarzer in einer überwiegend weißen Gegend zunickt. Es wird das schwarze Kopfnicken genannt. Auf diese Weise sagen Schwarze: „Du bist nicht allein, ich bin auch da.“ Um schwarze Frauen, die du bewunderst, zu beschreiben, benutze immer das Wort ,STARK‘, denn von schwarzen Frauen in Amerika wird erwartet, dass sie stark sind. Wenn du eine Frau bist, dann sag bitte nicht einfach, was du denkst, wie du es aus deinem Land gewohnt bist. Denn in Amerika gelten willensstarke schwarze Frauen als FURCHTERREGEND.

Wer, wie Protagonistin Ifemelu, in Nigeria aufwächst, hat den Blick von Anfang an gen Westen gerichtet. Amerika gilt als Land der Verheißungen, der beruflichen und persönlichen Möglichkeiten, während in Nigeria Korruption und Chancenlosigkeit das Leben dominieren. Wer es sich leisten kann, versucht, im Ausland zu studieren, ein Visum und ein Stipendium zu ergattern. Auch Ifemelu beginnt, in Amerika zu studieren, ihren Freund Obinze in Nigeria zurücklassend. Sie erfährt, wie hart das Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten für schwarze Immigranten sein kann und wie bedeutungsvoll ihre Hautfarbe mit dem Verlassen ihres Landes geworden ist. Vorstellungsgespräche für Studentenjobs enden immer wieder mit Absagen aus fadenscheinigen Gründen.

Die Reaktionen vieler Amerikaner auf sie und ihre Hautfarbe, die Unterscheidung zwischen amerikanischen und nicht-amerikanischen Schwarzen und so einige Feinheiten im Umgang miteinander hält Ifemelu auf ihrem Blog fest. Innerhalb kürzester Zeit gewinnt sie an Bekanntheit, hat tausende Leser, Fürsprecher und Widersacher. Selten hat das Phänomen des (erfolgreichen) Bloggens in einem Roman solch einen Stellenwert gehabt, Ifemelu wird zu Kongressen und Gesprächsrunden eingeladen, ihre Meinung gewinnt an Bedeutung für den öffentlichen Diskurs. Schnell jedoch bemerkt sie, dass man sie nicht etwa einlädt, um die Wahrheit zu sagen, sondern um Fortschritte und Bemühungen öffentlicher Stellen zu bestätigen.

In Amerika gibt es Rassismus, aber keine Rassisten. Rassisten gehören der Vergangenheit an. Rassisten sind die schmallippigen fiesen Weißen in den Filmen über die Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Es ist so: Die Manifestationen von Rassismus haben sich geändert, aber nicht die Sprache.

Neben den Betrachtungen über alltäglichen Rassismus erzählt Adichie die Liebesgeschichte zwischen Obinze und Ifemelu. Die beiden scheinen fast füreinander bestimmt, doch Amerika und dortige Vorfälle trennen sie voneinander, der Kontakt reißt ab. Adichie gelingt mit ihrem Roman ein gesellschaftliches Panorama schwarzer Einwanderer in Amerika, das durch zahlreiche Nebenfiguren auch über die persönlichen Geschichten Ifemelus und Obinzes hinausgeht. Der Leser erfährt, wie es sich als Schwarzer in Amerika (und in Nigeria) lebt – und auch wie es ist, wenn man in sein Land zurückkehrt. Als Americanah bezeichnen die Daheimgebliebenen und Heimgekehrten jene, die sich so an den amerikanischen Lebensstil angepasst, so vollumfänglich amerikanische Gepflogenheiten angenommen haben, dass sie völlig verändert zurückkommen. Ein oder eine Americanah sind. Vereinnahmt und verwandelt von Dekadenz und Überfluss. Eine andere Form des Vorurteils.

Americanah ist ein vielschichtiger Roman, der durchaus Gewicht hätte verlieren können (knapp 600 Seiten) und dennoch dieselbe Durchschlagskraft besessen hätte. Hin und wieder gerät er ins Trudeln, wirkt etwas aufgebläht, zu detailversessen. Adichie bringt das Thema Rassismus aufs Tapet, ohne dabei sensationslüstern und pathetisch zu sein, sie präsentiert uns zwei authentische Menschen mit authentischen Geschichten. Nicht zuletzt stammt Adichie selbst aus Nigeria, sie weiß, wovon sie schreibt, kehrt auch jedes Jahr für einige Zeit in ihr Land zurück,um zu recherchieren und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Americanah ist ein Schmöker mit Anspruch, der die Lektüre lohnt und die investierten Stunden allemal wert ist.

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah, Fischer Verlag, aus dem Englischen von Anette Grube, 604 Seiten, 9783100006264, 24,99 €

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