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Mütterlein, Mütterlein

ödipussi

Heute ist Muttertag. Ein Tag, der den Müttern dieser Welt gewidmet ist, ein Tag, an dem wir uns alle darauf besinnen sollen, wie dankbar wir sind. Jeden Tag. Für das Auf-der-Welt-Sein an sich, aber auch für die vielen anderen Verrichtungen, die Mütter so tun, ungefragt, einfach aus Wohltätigkeit. Es steht allerdings auch außer Frage, dass Mütter nicht immer diese Engel ohne Flügel, diese selbstlosen Wesen sind; sehr oft in Literatur und Kultur sind sie Quell für Elend, Objekt der Besessenheit. Welchen besseren Termin gäbe es also, dieser zweiten Medaillenseite gerecht zu werden, als diesen Muttertag?

ödipusDass man zu seinem ,Mütterlein‘ auch eine sehr besondere und ungewöhnliche Beziehung haben kann, beweist Ödipus immer wieder auf’s Neue. Nach ihm ist ein Komplex benannt, er steht synonym für das Begehren der eigenen Mutter. Tatsächlich geschah das, wie wir wissen, in Sophokles‘ antiker Tragödie jedoch völlig unwissentlich. Von Orakeln sollte man sich also fernhalten, wenn man noch eine Mutter besitzt – am Ende heiratet man sie gar. David Guterson hat die antike Ödipusgeschichte mit ,Ed King‚ in das Amerika der 60er Jahre verlegt und damit bewiesen: Ödipus funktioniert immer und überall. Auch auf der Bühne und in fantastischen Reimen wie bei Bodo Wartke.

ödipussiAuch Loriots ,Ödipussi‘ zeigt uns mit Paul Winkelmann jene Art von Muttersöhnchen, das selbst in seinen späten Jahren noch immer ganz und gar seinem Mütterlein verpflichtet ist. Mutter kocht, backt, wäscht Wäsche und wandelt durch seine Träume und als Herr Winkelmann mit der aschgrauen Sitzgruppe sich dann doch in die Psychologin verliebt, muss das Mütterlein weichen. Wahrscheinlich der schmerzhafteste Abnabelungsprozess Loriot’scher Filmgeschichte. Und wie Mütter so sind: Frau Winkelmann nimmt die Unabhängigkeitsbestrebungen ihres Mittfünfzigersohnes übel. Sehr übel.

psycho

Wie es umgekehrt laufen kann, nämlich wenn man seinem Mütterlein etwas furchtbar übel nimmt, ist längst Filmgeschichte. Der auf dem 1959 von Robert Bloch veröffentlichten Buch basierende Hitchcockfilm ist heute jedem ein Begriff. Norman Bates‘ krankhafte Besessenheit von seiner Mutter geht so weit, dass er sie aus der Erde holt, durch das verlassene Haus trägt und in ihrem Namen Morde begeht. Wie eine Mutter ihr Kind noch über den Tod hinaus beherrschen kann, ist hier, wie man es von Hitchcock gewöhnt ist, fantastisch in Szene gesetzt. Seit 1960 ein Dauerbrenner.

csforesterDass aber nicht nur Kinder besessen von ihren Müttern, sondern auch Mütter besessen von ihren Kindern sein können, beweist C.S. Forester in seinem psychologisch beeindruckend komponierten Roman ,Tödliche Ohnmacht‚. Mütter können vor mordenden Ehemännern schützen und die perfidesten Pläne schmieden, um ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. ,Ich meine es doch nur gut‘ ist ein beliebter Satz aus Muttermündern. Und schon Kettcar sangen: ,Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.‘ Manchmal, muss man aber dem Anstand halber sagen, ist es tatsächlich gut. Und manchmal sind wir froh, dass wir sie haben. Auch wenn sie uns in den Wahnsinn treiben können. Nicht nur in der Literatur.

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